Alpines Segelfliegen

Ein Bericht von Thommy Seidel

 

Teil 1 - Die Gerlitzen

Wer kennt sie nicht, die beeindruckenden Bilder von Kunstflugseglern, die in ein tiefes Tal hinunterjagen, um anschließend mit abenteuerlichen Flugmanövern weit über den Horizont hochzuziehen. Oder die Bilder von Großseglern, die vor schroffen Felswänden kreisend sehr schnell Höhe gewinnen, oder man fliegt in gleißendem Sonnenlicht, während gleichzeitig die Wolken von oben zu sehen sind. Diesem Reiz des alpinen Segelfliegens kann sich kaum ein Pilot entziehen.

Meine Artikelserie soll einen Einstieg in diese faszinierende Welt bieten, die bekanntesten Ziele sollen hier vorgestellt werden. Teil eins beschäftigt sich neben grundsätzlichen Dingen mit der Gerlitzen in Kärnten, unmittelbar am Ossiacher See gelegen.


Segelfliegen am Hang, und hier speziell im alpinen Raum, unterscheidet sich in einigen Dingen grundsätzlich vom Fliegen in der Ebene.

Die Landemöglichkeiten sind oft nicht so weiträumig wie im Flachland. Die Luft ist wegen der Höhe dünner und deshalb ist die Landegeschwindigkeit höher. Da der Wind von vorne kommt und man meist nicht von oben nach unten landen kann, ist eine Landung gegen den Wind nur selten möglich. Häufig muss vor der Landung Höhe abgebaut und aus dem Tal, also von unten nach oben, gelandet werden. So banal es klingt, so wichtig ist es, sich darüber klar zu sein, dass ein Modell auch mal ein Stück absaufen kann. Aus diesem Grund ist die wichtigste Regel: Ruhe bewahren. Wer hektisch wird, macht Fehler und das erleichtert das Hochkommen nicht. Dazu gehört auch, sich vor dem Flug geeignete Außenlandemöglichkeiten zu suchen. 

Am besten ist es, die erfahrenen Piloten am Hang zu Thermik, Windverhältnissen und Landung zu befragen. Außerdem bietet es sich an, wenn man an einem Gelände neu ist, erst mal zuzuschauen, wie die anderen das machen. Oft ist es nämlich im Gebirge nicht so, wie es dem ersten Eindruck nach zu sein scheint. In vielen Gebieten entwickelt sich die Thermik erst sehr spät, so dass ein zu früher Start mit Sicherheit zur Außenlandung führt. Damit ist immer das Risiko der Beschädigung oder sogar des Totalverlustes gegeben. Schließlich sollte man bedenken, dass die Verhältnisse im Gebirge viel extremer als in der Ebene sind. Auf- und Abwinde mit mehreren Metern Steigen oder Fallen pro Sekunde sind möglich. Die dabei auftretenden Kräfte stellen entsprechende Anforderungen an die Festigkeit der Modelle. Trotzdem sollte man nicht nur die schweren Kaliber mitnehmen. Zum antesten eignen sich für viele Gelände HLGs und F3B/F3J- aber auch Elektromodelle wunderbar, entsprechende Landefähigkeiten des Piloten vorausgesetzt. Die meisten Profis setzen vormittags bei schwachen Bedingungen andere Modelle ein als nachmittags bei Hammerwetter.

An den Anfang dieser Reihe habe ich die Gerlitzen gestellt, da hier die Landebedingungen wie auch die thermischen Verhältnisse für eine erste alpine Erfahrung ideal sind. Die sehr großzügigen Landemöglichkeiten sind auch für weniger geübte Piloten geeignet. Am besten ist es allerdings, die ersten Flüge oder Landungen unter Anleitung eines erfahrenen Piloten zu machen.
Die Gerlitzen liegt bei Villach in Kärnten. Die Anfahrt erfolgt über die A8 von München nach Salzburg, dann weiter auf der A10 durch den Tauern- und Katschbergtunnel. Hier lohnt es sich, auf die Verkehrsnachrichten im Autoradio zu achten, denn im Sommer ist vor den Tunneln meistens Blockabfertigung und dies führt zu kilometerlangen Staus. Als Alternative bietet sich im Sommer die Fahrt durch die Radstätter Tauern und über den Katschberg an.

Gerade bei schönem Wetter unbedingt an der Abfahrt Ennstal/Altenmarkt die Autobahn verlassen.

Man spart nicht nur die Tunnelmaut, sondern wird darüber hinaus mit einem tollen Panorama belohnt. Die Bundesstrasse 99 ist sehr gut ausgebaut. Sowohl die Radstätter Tauern als auch der Katschberg sind schnell und bequem zu bewältigen. In Rennweg geht es dann wieder auf die A10.

Diese wird dann erst wieder an der Ausfahrt Villach/Ossiacher See verlassen.

Auf die Gerlitzen kommt man auf zwei verschiedenen Wegen. Der eine führt entlang des Ossiacher Sees und über Bodensdorf bis zum Hotel Berger Alm (früher Dorfhotel), ca. 200 Höhenmeter unter dem Gipfel gelegen. Der andere Weg führt über Ariach bis auf den Gipfel. Hier findet man zwei weitere Übernachtungsmöglichkeiten, den Alpengasthof Pacheiner und das Gipfelhaus, preislich gibt es keinen Unterschied.

Wer mit Familie kommt oder auf Komfort nicht verzichten möchte, wird das Hotel Bergeralm vorziehen. Hier muß man dann aber täglich die 200m Höhenmeter zum Gipfel überwinden. Das entspricht einem Fußmarsch von 20 min Dauer. Die meisten Modellflieger, die im Hotel gastieren, fahren allerdings mit dem Auto auf den Gipfel und parken beim Pacheiner. Das bedeutet aber 20 min den Berg hinunterzufahren, 20 min um den Berg herum und dann wieder 20 min die Gerlitzen Gipfelstrasse hoch. Die Straßen auf die Gerlitzen sind mautpflichitg und dies ist durch automatische Schranken mit Kassenautomat geregelt.
Die Maut für die Gipfelstrasse von Ariach hoch beträgt sechs Euro (Stand Juli 2005). Es empfiehlt sich daher das passende Kleingeld bereit zu haben.


Die Zimmer im Hotel sind groß, hell und geschmackvoll eingerichtet, das Frühstücksbuffet ist wahrlich traumhaft. Wurst, Käse, Marmelade, Müsli, Joghurt , Schinken, Speck, Ei und Omelette in diversen Variationen, Pfannkuchen, Obst, einfach alles, was man sich nur vorstellen kann, wird angeboten. Entsprechendes gilt für das Abendbuffet, bei dem ein kaltes Vorspeisenbuffet, warme Vorspeisen, ein Salatbuffet, mehrere Hauptgerichte, das Dessertbuffet und Eis ebenso selbstverständlich sind wie vegetarische Gerichte. So betrachtet ist es ein Glück, dass zwischen Hotel und Modellfliegen ein kleiner Spaziergang liegt. Außerdem bietet das Hotel Schwimmbad, Sauna und ein finnisches Dampfbad, sowie Massage, auf neudeutsch Wellness. 

Da das Hotel selbst schon beinahe einen Bericht wert wäre, habe ich hier noch eine Bildergalerie angefügt

Wer allerdings nur übers Wochenende bleibt oder auf etwas Luxus verzichten kann, der ist auch beim Pacheiner oder im Gipfelhaus gut versorgt, und genießt dafür den Vorteil, bereits am Hang zu sein , wenn er „aus dem Bett fällt.“. So ist es problemlos möglich, morgens der Erste und abends der Letzte in der Thermik zu sein. Außerdem bekommt man dann auch etwas von der Ruhe der Berge mit, die tagsüber oft schon mal vermisst wird.

Der Gipfel der Gerlitzen ist auf einer Höhe von 1911 m. Man kann sich das Gelände am besten als eine Art Hochplateau vorstellen. Auf diesem geht man einfach die wenigen Meter bis zu dem Hang, an dem gerade der Wind hochkommt. Aus diesem Grund ist es für Modellflieger geradezu ideal. 

Damit der Flugbetrieb in geordneten Bahnen verläuft, holt sich jeder Modellflieger im Alpengasthof Pacheiner an der Kasse gegen eine Kaution von 5 Euro seine Frequenzklammer. Diese berechtigt zum Fliegen. Ist die gewünschte Frequenz schon vergeben, ist Quarzwechsel oder Klammerbesitzer suchen angesagt. Dieses System hat sich über Jahre bewährt.

Die ideale Windrichtung aus meiner Sicht ist West, denn dann wird direkt vorm Pacheiner geflogen. Hier befindet man sich direkt bei den Autos und in den Pausen kann man das Treiben der Anderen von der Sonnenterasse aus bei einem Kaffee oder einem anderen Genussmittel verfolgen. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Egal, ob Schmeißgeier, auf neudeutsch HLG, oder Grossegler mit 5m Spannweite, die Landeflächen sind exzellent und ohne Steine. Letzteres ist beim Alpinfliegen leider nicht immer gewährleistet. HLGs und leichte F3B/F3J landen oft im hohen Gras, Großsegler einfach 20m weiter weg butterweich im Kurzgras. Da der Hang eine Art Kessel ausbildet, kann man, bei entsprechender Sonneneinstrahlung, ab Nachmittag mit sehr guter Thermik rechnen, so dass auch Kunstflugsegler hier ideale Bedingungen vorfinden.

Dreht der Wind mehr auf südliche Richtungen, so wandern wir ca. 200m weiter zum Wasserturm. Hier sollte man sich aber seine Landestelle genau anschauen, im Zweifel lieber ein paar Meter laufen, um den Steinen etwas aus dem Weg zu gehen. Leider sind hier häufig viele Gleitschirmflieger, so dass immer Vorsicht angesagt ist. Wenn es schwach geht, hat sich das Problem oft schnell erledigt, denn dann sind sie bald ins Tal abgesoffen. Bei Hammerwetter steigen sie dagegen zügig weg und sind dann hoch über uns. Nur bei mäßigen Bedingungen ist es kritisch, vor allem, wenn sie auch wieder oben landen.

Bei echtem Südwind kann man dann weiter hinten in Richtung Ossiacher See, bzw. Hotel fliegen. Hier hat man oben eine flache, große Wiese. Man muss nur etwas auf die Wanderer achten, aber das ist kein Problem. Außenlandemöglichkeiten sind an dieser Stelle aber eher bescheiden. Die Wahrscheinlichkeit, einen größeren Segler zwischen Sträuchern, Steinen und Sesselliftbahn unbeschadet zu landen, ist recht gering. Hier werden bei schwachen Bedingungen also meistens F3B/F3J-Modelle zum Testen eingesetzt, da diese einen großen Aktionsradius mit hervorragenden Flugleistungen kombinieren. Wenn es dann mit der Thermik so richtig losgeht, kann man auch Kunstflugsegler und Großmodelle herausholen.

Bei Südost bis Ostnordost dreht man sich einfach und fliegt auf derselben Wiese, dann aber Richtung Osten am Blaubeerhang. Die Außenlandemöglichkeit in den Blaubeerbüschen stellt für mich keine Alternative dar, wird aber von Anderen durchaus genutzt.

Bei Wind aus Nord bis Nordwest fliegt man hundert Meter nördlich vom Pacheiner auf der Kuhwiese. Wie der Name schon sagt, muss dort mit großen, braunäugigen Tieren gerechnet werden, die dort nicht nur ihre Spuren hinterlassen, sondern auch noch an den ungeeignetsten Stellen im Weg stehen und ausgesprochen neugierig sind.

Weitere Bilder zum Hang gibt es hier.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Gerlitzen aus meiner Sicht ideale Voraussetzungen für den Einstieg in das alpine Segelfliegen bietet. Hier findet man alpine Thermik ohne schwierige Landebedingungen, eine wirkliche Ausnahme im Alpenraum. Vom Großsegler über F3B/F3J-Modelle bis zum Handlaunchglider, alles kann hier geflogen werden. Man findet am Hang genauso Thermik wie draußen im Tal.

Der große Freizeitwert Kärntens mit seinen zahlreichen Seen und anderen Ausflugszielen macht die Gerlitzen außerdem für Familien attraktiv. Das Kinderprogramm im Hotel Bergeralm sorgt ebenso wie Sauna, Pool und Reitmöglichkeit dafür, dass Eltern sich mal erholen können. Es wird einfach für jeden etwas geboten.

© Thommy Seidel 2002


Stand: 30.08.2005