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Auswiegen wörtlich
genommen.
Modellflugkollege Philip, genannt Fips, war entsetzt. Nach gut achtzehn
Monaten Bauzeit hatte er seine Staggerwing endlich fertig. Eine aufwändige
Lackierung, Nieten, Nähte, Bleche, Klappen, der Cockpitausbau und
authentische Zeichen und Markierungen machten aus dem an sich schon hervorragenden
Modell einen optischen Leckerbissen. Der Versuch, die Schwerpunktlage
zu überprüfen, endete in einer mittleren bis größeren
Katastrophe. Trotz sorgfältigster Vorbereitung der Aktion rutschte
ein Stützpunkt von der Zwischenlage und drang fast ungehemmt in und
durch die Tragfläche. Damit war Fips, wie er mir anvertraute, zunächst
mal restlos bedient. Ein zweiter Versuch kam für ihn vorerst nicht
in Frage. Weil er aber den Erstflug dennoch nicht auf den Sankt Nimmerleinstag
verschieben wollte, erkundigte er sich nach einer Erholungsphase bei mir,
ob ich nicht eine alternative Methode kennen würde, mit der er den
Schwerpunkt ermitteln könne, ohne Gefahr zu laufen, die Flächen
erneut zu durchlöchern.
Das war die Vorgeschichte. Sie nötigte mich, über eine Sache
nachzudenken, an die ich bis dato noch keinen einzigen Gedanken verschwendet
hatte. Natürlich war mir aus dem Stehgreif kein alternatives Verfahren
geläufig. Woher auch? Ich hatte ebenfalls bisher immer nur die Pendelmethode
angewandt, allerdings ohne meine Modelle dabei zu beschädigen.
Aber einige Zeit später erinnerte ich mich dann doch ganz schwach
daran, irgendwann einmal gehört oder gelesen zu haben, dass bei
modernen Großflugzeugen aus der Belastung des Fahrwerks die aktuelle
Schwerpunktlage bestimmt wird. Das heißt doch nichts anderes,
als dass aus den Auflagerreaktionen am Fahrwerk der Ort des Schwerpunkts
berechnet werden kann. War eigentlich
„nur“ noch die Frage des Wie? zu
beantworten!
Dank der Erinnerung an fundamentale Sätze der Mechanik bzw. Statik
war mir nach anfänglicher Ratlosigkeit der Lösungsweg bald
klar. Mit Hilfe des Momentengleichgewichts Summe der Momente
= 0
kann aus Gewichtskräften, die an willkürlich festgelegten
Stellen ermittelt werden, die aktuelle Lage des Schwerpunkts berechet
werden. Als Fixpunkte bieten sich bei Motormodellen die Fahrwerke an,
bei Seglern sind es der Sporn und die Rumpfkeule, an denen die Gewichte
bestimmt werden können. Vorher sind jedoch die in Abb. 1, 2
bzw. 3 dargestellten Abstände abzumessen.




Erklärungen zu den Abständen a, b,
l, t und x folgen weiter unten.
Hat man erst einmal die Bestimmungsgleichung für den aktuellen Schwerpunkt
gefunden, ist es ein vergleichsweise kleiner Schritt, z. B. dasjenige
Gewicht bzw. Korrekturgewicht zu berechnen, mit dem die normalerweise
im Bauplan vorgegebene Lage des Schwerpunkts erreicht wird. Ein weiteres
interessantes „Nebenergebnis“ ist die rechnerische Antwort
auf die Frage: In welchem Bereich bewegt sich der Schwerpunkt, wenn der
Tank des Modells voll bzw. leer ist? Meines Wissens wird diesem Aspekt
im Allgemeinen wenig Beachtung geschenkt. Vielleicht zu wenig, einfach
weil es lästig ist, auch das noch zu untersuchen! Schließlich
ist es ebenfalls relativ simpel festzustellen, wie das Einziehen des Fahrwerks,
das sog. Einziehmoment, die Schwerpunktlage beeinflußt, sofern ein
Einziehfahrwerk eingebaut ist und die Beantwortung dieser Frage den Modellflieger
überhaupt interessiert!
Ähnlich sind die Bedingungen bei einem Segler. Hier ist es von Interesse,
wie groß der Trimmballast in der Rumpfspitze (Bleikammer) sein muss
bzw. wieviel Gewicht muss ich dort entfernen, um den Schwerpunkt von der
augenblicklichen an die gewünschte bzw. erforderliche Stelle zu verschieben?
Und zwar zielgerichtet. Ohne mehrmalige Versuche. Mal zuviel, dann wieder
zuwenig usw. Lediglich eine einzige Messung ergibt den Status
quo und gleichzeitig die nötige Korrektur.
Nur mit geringem Rechenaufwand sind die Gleichungen zu lösen. Sehr
komfortabel ist es natürlich, mit einem Tabellenkalkulationsprogramm,
wie z. B. Excel, zu arbeiten. Unmittelbar nach der Eingabe der variablen
Daten können damit die Ergebnisse abgelesen und/oder ausgedruckt
werden.
Hier ist eine entsprechend gestaltete Excel-Tabelle,
alternativ kann auch von einem Fremdserver
geladen werden. Für alle diejenigen, die aus welchen guten Gründen
auch immer kein Excel installiert haben, gibt es hier eine kostenlose
Alternative: OpenOffice.
Vorteile der Methode:
- Vor dem Erstflug präzise Lageermittlung und gegebenenfalls Lagekorrektur
des Schwerpunkts.
- Nach dem Erfliegen des Schwerpunkts ist dessen Lage genau bestimmbar.
- Nach einer Reparatur oder einem Umbau ist die ursprüngliche
Schwerpunktlage exakt reproduzierbar, sofern er vorher(!) bekannt war.
- Modelle, die wegen ihrer Form für die Pendelmethode ungeeignet
sind, z. B. Hubschrauber, Großmodelle, Tiefdecker, Nurflügelmodelle
usw. können problemlos ausgewogen werden!
Nachteile der Methode:
- Für eine zuverlässige Messung sind Digitalwaagen mit geeigneter
Auflösung (für Auflagerkräfte bis 200 g z. B. SOEHNLE
Ultra 200, Auflösung: 0,1g) und Wägebereich nötig. Für
„schwere Brocken“ sind bereits digitale Waagen mit nur 5g-
oder 10g-Auflösung geeignet.
- Zur bequemen Rechnung ist ein PC mit Tabellenkalkulation nötig.
Es geht auch „zu Fuß“, dieser Weg ist allerdings
deutlich beschwerlicher!
- Je kleiner der Abstand a gewählt wird,
um so unzuverlässiger wird die Berechnung der Schwerpunktlage bzw.
der Gewichtskorrektur!
Abstände in mm, Massen bzw. Gewichte in g
einsetzen!
Wie gehe ich vor?
1. Die Stützstellen A und C
am Rumpf markieren. Sie sollten so weit wie möglich voneinander entfernt
sein. Je dichter sie beieinander liegen, um so stärker beeinflussen
bereits kleine Meßungenauigkeiten das Ergebnis!
2. Je nach Anwendungsfall alle oder nur einen Teil der Abstände
a, b, l
und t abmessen.
3. Die Schwerpunktlage xe z.B.
aus dem Bauplan entnehmen. Dies ist die „e“rforderliche
Schwerpunktlage. Berechnet wird die tatsächliche oder augenblickliche
„R“ücklage xR
(von der Nasenleiste aus gemessen) des Schwerpunkts.
4. Die Gewichte G1 und G2
ermitteln (nur hierfür muß das Modell vollständig zusammengebaut
sein).
5. Die ermittelten Daten (Abmessungen, Gewichte) in die Excel-Tabelle
eingeben oder in die Formeln einsetzen.
6. Die Ergebnisse ablesen
(oder ausrechnen ). Fertig!
Gibt man für die Abstände b, l,
t und xe
nichts bzw. Null ein, erhält man als Ergebnis nur den Abstand des
Schwerpunkts SP, gemessen von der vorderen
Stüzstelle in Richtung der hinteren Stüzstelle! Außerdem
bezieht sich eine erforderliche Gewichtskorrektur genau auf die Senkrechte
bei A.
Für die Genauigkeit ist es zweckmäßig, wenn die Längsachse
des Modells beim Wiegen horizontal liegt, sodass die Wirkungslinien der
Auflagerkräfte einen rechten Winkel mit der Modelllängsachse
bilden! Siehe hierzu auch Abb. 1.
Es beschleunigt und erleichtert die Arbeit bei Kontrollmessungen erheblich,
wenn die Unterstützungsstellen am Modell dauerhaft gekennzeichnet
werden. Das sind sozusagen die Eichmarken des Modells. Damit erspart
man sich später das wiederholte Abmessen der Abstände. Das
hat nichts mit der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse zu tun. Unter
diesem Aspekt könnten jedesmal beliebige andere Abstände
gewählt werden.
Es ist lediglich eine Frage der Arbeitsökonomie. Bei Motormodellen
erübrigt sich das im allgemeinen, da hier die Stützpunkte
durch das Fahrwerk bzw. Fahrwerk und Sporn bereits vorgegeben sind.
Die Fahrwerksbeine sollten sich aber nicht zu stark nach vorne oder
hinten durchbiegen, es sei denn, man misst die durchgebogene Position
aus. Falls das nicht möglich ist, sollte
besser der Rumpf direkt unterstützt werden.
Als universelle Stütze für den Rumpf hat sich ein Sperrholzbrett
bewährt, das einen V-förmigen Ausschnitt erhält. Kurze,
einseitig klebende Schaumstoffstreifen auf die Kanten des V-Ausschnitts
geklebt, bieten Schutz gegen Verrutschen. In diesen Stützen liegen
die meisten Rümpfe sicher und wegen der geringen Dicke des Brettchens
ist die Stützstelle ausreichend genau zu definieren. Zudem ist die
Gefahr gering, dass der Rumpf zur Seite wegkippt. Eine entsprechend kleinere
Stütze kann man sich für das Heck anfertigen. Diese Arbeit muß
man sich im allgemeinen nur einmal machen. Es sei denn, dass sehr ungewöhnlich
geformte Modelle gewogen werden sollen, z. B. Nurflügel oder Hubschrauber.
Dafür sind individuelle Lösungen erforderlich.
Folgendes sollte unbedingt beachtet werden, damit keine falschen, unplausiblen
Ergebnisse produziert werden:
Kann aus irgendwelchen Gründen nur eine
Waage verwendet werden, muss sehr genau darauf geachtet werden, daß
der Teil des Rumpfes, der gerade nicht auf der Waage liegt, dennoch nur
an der markierten und ausgemessenen Stelle aufliegt. Ist das nämlich
nicht der Fall, gibt es falsche Meßwerte und folglich irreführende
Ergebnisse. Weil dieses Detail sehr wichtig ist, habe ich die Situation,
die unbedingt vermieden werden sollte, überdeutlich in Abb.
4 dargestellt.
Die nun folgenden Erläuterungen sind für die Anwendung des Verfahrens
unerheblich und überflüssig. Damit möchte ich nur denjenigen
Rechnung tragen, die sich dafür interessieren, wie das denn nun eigentlich
funktioniert.
Anmerkung: In der Herleitung von 5a – 5d erscheint
der Abstand xb. In den Abb. 1 – 4 findet
sich diese Größe jedoch nicht. Das liegt daran, dass xb
nicht unmittelbar zugänglich ist, sondern die Differenz der m. E.
einfacher zu messenden Abstände b und l
darstellt.
Ähnlich verhält es sich mit den Werten xe
und xR. In den Abb. 1 – 4 ist nur x
zu finden. Die Größe x wird, wenn
es sich um den erforderlichen Abstand des Schwerpunkts von der Nasenleiste
(Nasenleiste ist üblich, könnte aber jede andere Bezugslinie
sein) handelt, mit xe bezeichnet. Im Gegensatz
dazu wird die zunächst vorhandene Rücklage des Schwerpunkts
mit xR gekennzeichnet. Das eine ist also die
gegebene Größe xe, das andere die
berechnete Größe xR. Das Ziel ist,
xR = xe zu erreichen.
Beispiel Segelmodell:
Setzt man in (1)
die Abstände a und l
sowie die abgelesenen Gewichte G1
und G2 ein, erhält man die
augenblickliche Rücklage xR
des Schwerpunkts SP. Wenn man (2)
mit der Stelle xe, die z. B.
der Bauplan vorgibt, in (3)
einsetzt, ergibt sich die Gewichtskorrektur GK an
der Unterstützungsstelle. Mit GK erhält
man aus (4)
die Ballastkorrektur BK in der Ballastkammer
zur Verschiebung des aktuellen Schwerpunkts von der Stelle xR
an die erforderliche Stelle xe.
Mit (5a)
und (5b)
erhält man die neuen Auflagerreaktionen G1n
aus (5c)
und G2n aus (5d),
die allerdings hier ohne praktische Bedeutung sind. Ich führe
sie nur der Vollständigkeit halber auf.
Beispiel Motormodell:
Setzt man in (1)
die Abstände a und l
sowie die abgelesenen Gewichte G1und
G2 ein, erhält man die augenblickliche
Rücklage xR des Schwerpunkts
SP. Wenn man (2)
mit der Stelle xe, die der Bauplan
vorgibt, in (3)
einsetzt, ergibt sich die Gewichtskorrektur GK
an der Unterstützungsstelle. Mit GK erhält
man aus (4)
die Ballastkorrektur BK in der Ballastkammer
zur Verschiebung des aktuellen Schwerpunkts von der Stelle xR
an die erforderliche Stelle xe.
Mit (5a)
und (5b)
erhält man die neuen Auflagerreaktionen G1n
aus (5c)
und G2n aus (5d),
die allerdings ohne jede praktische Bedeutung sind. Ich führe sie
nur der Vollständigkeit wegen auf. Die Lage xL
des Schwerpunkts SP mit leerem Tank ergibt sich
aus (6).
Die Auflagerreaktionen GVv und
GVh des vollen Tanks aus (7)
und (8)
addiert zu den Auflagerreaktionen des Modells mit leerem Tank (7a)
und (8a),
und diese eingesetzt in (9),
ergeben die Lage xV des Schwerpunkts
SP bei vollem Tank. Wobei hier beachtet werden
muß, daß sich diese Ergebnisse auf die Bedingungen beziehen,
bei denen der Schwerpunkt SP bereits an der
gewünschten Stelle liegt! Die Masse des vollen Tanks kann man aus
seinem Volumen [cm³] und der spezifischen
Masse dM von Methanol berechnen
(6a).
Unter der Voraussetzung, daß die Seitenansicht des Tanks rechteckig
ist, was bekanntlich auch für zylindrische Querschnitte gilt, ist
der Schwerpunkt des Tanks der Schnittpunkt der Flächendiagonalen.
Auf diese Weise läßt sich der Abstand t,
Abb. 2, bestimmen. Das liest sich zugegebener
Maßen etaws kompliziert. Kurz gesagt, man wiegt das Modell mal mit
leerem Tank, dann mit vollem Tank. Das Ergebnis ist die vordere Lage xv
und die hintere Lage xL des Schwerpunkts
SP.
Eine kurze Schlussbemerkung sei mir noch gestattet. Diese Methode der
Schwerpunktsbestimmung soll selbstverständlich nicht das bewährte,
althergebrachte Pendelverfahren ablösen oder ersetzen. Es würde
mich aber freuen, wenn ich denjenigen eine Alternative aufgezeigt
hätte,
die aus irgendwelchen Gründen ein anderes Verfahren anwenden
möchten
oder müssen.
In gedruckter Form kann dieser Artikel in der vth-Publikation FMT-Extra
RC MOTORFLUG 2000, Seite 51ff. nachgelesen werden.
© Eckart Müller 2002
Stand 21.03.2003
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