Der SWING

Eike Timm

Ein Test...

Auswahl des Modells

Mit dem SWING wollte ich mir ein etwas spritzigeres, aber trotzdem noch anfängertaugliches Modell zulegen. Daher kam mir die Auslegung mit 2-Achssteuerung und doppelter V-Form sehr entgegen. Allerdings sollte das Modell spürbar agiler werden als mein Daiquiri (HLG) ...und somit habe ich mir einen Flieger ausgesucht, der laut Werbetext diesen Vorstellungen entsprach:

  • "Das Modell zeigt in jeder Situation, von Thermiksegeln bis Speedflug, seine Stärke."
  • "Eine besondere Festigkeit gewährleistet der kohlefaserverstärkte Hauptholm."

Aktuelle Modellbeschreibung im Katalog

Unter anderem diese Sätze aus dem Conrad-Katalog (alt) haben mich dann, zusammen mit der sehr schönen Optik, zum Kauf bewegt. Des weiteren wurden bei Japo für das Modell Motorisierungsvarianten von Speed 400 bis hin zu Plettenberg angegeben, also die gesamte Bandbreite, schließlich wird das Modell als F5B 7-Zeller beworben. Klingt doch gut.

Das Modell, Lieferzustand

Bald hatte ich den Flieger dann zu Hause auf der Werkbank liegen. Die dreiteilige Rippenfläche ist fertig und sauber mit Oracover bespannt, eine echte Augenweide. Auch der Rumpf ist sehr ordentlich verarbeitet, ein sauberes GfK-Laminat mit der üblichen weißen Deckschicht. Enthalten sind auch fertig bebügelte Brettchenleitwerke mit Erleichterungslöchern und vorbereiteter Steckung. Man kann also das Modell sofort zusammenstecken und sich erst mal einen Überblick verschaffen. Ein Beutel mit Kleinteilen und die Anleitung vervollständigen die Ausstattung.

Die technischen Daten aus dem Katalog (das angegebene Gewicht kann eingehalten werden):

Aufbaubeschreibung

Die dreiteilige Rippenfläche ist eine filigrane Konstruktion. Die ausdrücklich beworbene Kohlefaserverstärkung des Hauptholms beschränkt sich auf einen Streifen Gewebe, der wohl als Klebstoffträger diente, als der Hauptholm aus zwei Lagen Holz zusammengefügt wurde. Im Mittelteil der Fläche ist eine Landeklappe integriert, die durch eine Torsionsfeder geschlossen und von einem Servo mittels langem Servohebel geöffnet wird. Die Außenflügel werden mit fertig gebogenen Stahldrähten angesteckt. In den äußersten beiden Rippen sind Plastikröhrchen eingeklebt, in denen diese Drähte geführt werden. Die äußersten Rippen sind etwas dicker, die nächste Rippe ist aber schon nur noch dünnes Balsa, so wie die anderen Rippen auch.

Die Hauptholme der Außenflügel und des Mittelteils sind nicht miteinander verbunden, was mich doch ziemlich störte. Daher hat der Flügel hier regelrechte Sollbruchstellen. Ändern kann man das leider nicht, da man an diese Innereien nicht heran kommt, ohne die Bespannung zu zerstören.

Der Rumpf ist, wie schon erwähnt, ein sauber gemachter GfK-Rumpf, dessen Nase recht kurz geraten ist. Aber wenn man sich auf die 7 Zellen beschränkt, die durch die Bezeichnung „F5B 7–Zeller“ empfohlen werden und alles nach vorne schiebt, bekommt man den Schwerpunkt an die erforderliche Stelle. Im Leitwerksbereich sind bereits die Steckungsdrähte einlaminiert.

Die Leitwerke sind Balsabrettchen mit Erleichterungslöchern, sie sind fertig bebügelt und schon mit Plastikröhrchen für die Steckung versehen.

Viel bleibt nicht mehr zu tun. Einbau der Servos für das V-Leitwerk und die Landeklappe, einkleben des Motorspantes, Bowdenzüge zum V-Leitwerk verlegen und fixieren sowie das Einkleben der Anlenkungshebel in die Leitwerksklappen. Empfehlenswert ist es, in dem Bereich der Landeklappe, wo sie vom Servo aufgedrückt wird, eine Verstärkung einzukleben. Dies kann ein Stückchen Joghurtbecher oder aber auch etwas GfK-Gewebe sein, das man auflaminieren muss. Diese Maßnahme muß nur verhindern, dass sich der Servohebel im Laufe der Zeit durch das weiche Balsa hindurcharbeitet.

Danach kann man schon alle Komponenten installieren und den Schwerpunkt auswiegen. Wie gesagt, die Rumpfnase ist reichlich kurz und man muss alle Komponenten so weit wie möglich nach vorne schieben, um die gewünschte Schwerpunktlage zu erreichen.

Ich habe ja schon bei der Aufbaubeschreibung angedeutet, dass mir die Verbindung zwischen Außenflügeln und Mittelteil suspekt ist. Deshalb habe ich nur einen bereits vorhandenen Speed 600 8,4V mit 8x4,5 Klapppropeller von Graupner an 6 Zellen RC2000 verwendet, wissend, daß es Besseres an Leistung gibt. Er sollte aber erst mal ein paar Testflüge ermöglichen und nur ein Mittel zum Zweck darstellen.

Selbst damit war das Ganze schwerpunkstechnisch schon ziemlich am Limit. Mit mehr Zellen liegt der Schwerpunkt automatisch weiter hinten, es sei denn, man lötet sich spezielle Akku-Packs. Bei meinem Setup war dies aber noch nicht nötig.

Ein Getriebemotor ist länger, so dass der Akku weiter nach hinten rückt und wegen des meist leichteren Motors kann man dann durchaus Probleme mit dem Schwerpunkt bekommen. Standardpacks sind dann nicht mehr einsetzbar. Blei zum Auswiegen ist für mich bei Zweckmodellen ein Tabu. Gewicht in einem Modell, welches weder Festigkeit noch Leistung bringt, ist nicht akzeptabel. Was man bei Scalemodellen teilweise durch die Proportionen aufgezwungen bekommt, kann man hier eigentlich konstruktionsbedingt vermeiden.

Die Ruderausschläge am V-Leitwerk wurden auf +/- 7mm programmiert und für Tiefe auf 5mm begrenzt.

Flugerfahrungen

Das Flugverhalten ist sehr gutmütig. Leider bestätigten sich aber meine Bedenken bezüglich der Festigkeit, obwohl ich verhältnismäßig leicht unterwegs war. 7 Zellen mit Pletti wären nach der Werbung seitens Japo auch möglich gewesen. Fordern darf man diesen Flügel aber nicht wirklich. Schon bei geringen Belastungen biegt er sich im Bereich der Verbinder mächtig durch. Etwas rumturnen, wie ich es mir aufgrund der Beschreibung erhofft hatte, kann man festigkeitsmäßig nicht, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Selbst aus mittlerer Höhe habe ich im Speedflug leichte Flattertendenzen bemerkt und es lieber nicht noch einmal versucht.

Auf diese Weise habe ich den SWING etwa 10 Flugtage genutzt. Es ist ein wunderbares Modell für Thermik, er lässt sich sehr angenehm kurbeln und mit dem Motor als Flautenschieber kommt man auf ausreichend lange Flugzeiten, auch wenn es mal nicht trägt. Aber ehrlich gesagt, dafür hatte ich ihn mir nicht gekauft. Angestrebt hatte ich einen gutmütigen Hotliner, wie ihn die Werbung versprach. Auch macht für Thermikflug ein Direktantrieb mit Speed 600 keinen wirklichen Sinn, dann sollte man lieber einen Speed 400 mit Getriebe und leichteren Akkus einsetzen, das führt aber, wie gesagt, zu Schwerpunktproblemen.

Bewertung

Wenn sich die Werbung für das Modell etwas mehr an den tatsächlichen Gegebenheiten orientieren würde und nicht so sehr auf den kohlefaserverstärkten Holm abheben würde, hätte ich mir den Flieger zwar nicht gekauft, aber dann hätte die Beschreibung wenigstens den Kern getroffen. Es ist ein hübscher Softliner für ein paar gemütliche Flüge, allerdings ist dafür dann, nach meinem Geschmack, der Rumpf vorne zu kurz. Die kurze Nase impliziert quasi starke, schwere Motoren, die sich anbieten, um den Schwerpunkt ohne Blei an die richtige Stelle zu bekommen. Solche Antriebe passen aber nicht zu der weichen Fläche. Ob man sich seine Akkus selbst konfektionieren will und ob die dann noch in andere Modelle passen, muss jeder selbst entscheiden. Die Frage ist, wie alltagstauglich ist diese Lösung? Kundenfreundlich ist etwas anderes, gut abgestimmt ist das Gesamtpaket seitens des Konstrukteurs nicht, für keine der beiden Varianten.

Die angepriesenen „Stärken“ erfüllt die Konstruktion nur bedingt. Der schwarze Strich auf dem Hauptholm wird wohl eine Lage CfK-Gewebe gewesen sein, aber bei den „Verbindern“ wurden die Festigkeitsaspekte dermaßen mit den Füßen getreten, dass man auf die CfK-Verstärkung auch hätte verzichten können! Die angepriesene Kohlefaser ist also vorhanden, kann ihre Eigenschaften aber nicht entfalten.

Andererseits ist das Modell von der Verarbeitung her sauber gemacht. Wenn man den Baukasten vor sich hat, kann man das Modell binnen eines Abends flugfertig aufbauen und hat dann je nach Anforderungen und Kompromißbereitschaft einen durchaus sehr ansprechenden Flieger. Die damals 248 DM gehen schon wegen der Verarbeitung in Ordnung, jetzt sind es 134 EUR.

Wenn ich jetzt eine Bewertung abgebe, fällt diese nicht gut aus. Da ich das Modell vor dem Kauf nicht im Laden inspizieren konnte, sondern per Katalog ausgewählt habe, also mich quasi blind auf die Werbung verlassen musste, nehme ich deren Aussagen als Maßstab. Kurz gesagt: Thema verfehlt - 5!!
Auch wenn die Abstimmung nicht für leichte Setups ausgelegt ist, ist es besser, das Modell hierfür einzusetzen. Einen Akkupack selbst zu löten ist einfacher, als eine neue Fläche zu bauen. Wegen des zu kurzen Rumpfes verdient er dann eine 3, gut ist es nicht mehr. Als gut würde ich ihn bezeichnen, wenn man mit fertig konfektionierten Akkus zurecht kommen könnte. Wäre das der Fall, würde er als Thermiksegler eine 1-2 verdienen. Leichte, bürstenlose Setups sehe ich als nicht vorteilhaft an, denn ein mehr an Leistung braucht man nicht und den Gewichtsvorteil kann man wegen des Schwerpunktes nicht nutzen.

Ich habe inzwischen mit einigen anderen SWING-Besitzern Kontakt gehabt, die den Flieger so in der "Einfach-Version" einsetzen und damit zufrieden sind. Flattertendenzen im Schnellflug wurden teilweise bestätigt und bei manchen sind bis zu 80g Blei im Einsatz, um den Schwerpunkt an die erforderliche Stelle zu bringen.

Für mich war dieser Kauf das Lehrgeld, das ich für die Erkenntnis bezahlt habe, dass man Modelle tunlichst nur „life“ kaufen sollte. Es sei denn, man weiß aus eigener Erfahrung oder von Dritten genau, was man kauft. Die durch die Werbung erzeugten Erwartungen hat das Modell nicht erfüllen können. Deshalb habe ich ihn schnellstens wieder verkauft. Mein negatives Fazit könnte man auch als Bewertung für den Werbetexter auffassen. Dieser irreführende Werbetext hat sich mittlerweile nur geringfügig verändert, die Kernaussagen bleiben aber nach wie vor unzutreffend.

 

Stand: 03.03.2003