Erfahrungsbericht CHICCO von Holzmann/Protech
Oder: Balsafliegen macht Spaß

Klaus 'Belgarath' Jonke

Warum?

Im Herbst 2001 suchten mein Cousin und ich ein günstiges, kleines Spaßmodell für den Hang. Da kam uns eine Aktion der Firma Schweighofer gerade recht: CHICCO von Holzmann (Firmenname in Deutschland: Protech) zu einem wirklich günstigen Preis (ich sag’ jetzt bewusst keinen konkreten Preis, wäre ja sowieso nicht mehr aktuell ...)

Was ist drin?

Was bekommt man für sein Geld? Einen wirklich vollständigen Bausatz mit GfK-Rümpfchen (rund 62cm lang, ca. 45g schwer), Balsafläche mit '10er' Profil (100x10) und 85cm Spannweite (ist bereits auf etwa 7,5cm Tiefe gekürzt), Dreikantleiste aus härterer Balsaqualität für die Querruder, vorgeschnittene und im passenden Winkel verschliffene 2,5mm Balsabrettchen für das V-Leitwerk, dazu passende Ruder, diverse Sperrholzteile und Anlenkungen.

Auf zum Bau ...

An nur einem intensiven Werkstattwochenende habe ich meinen Kleinen fertiggestellt. Dann ging's an einem Dienstag zum Erstflug (gleich an den Hang am Braunsberg!). Erster Eindruck: Gar nicht schlecht für 85cm, ein wenig nervös (dazu später mehr), aber angenehm zu fliegen. Dass es sich hierbei nicht um einen Hochleistungssegler handelt, war von vornherein klar, trotzdem ließ er sich in der realisierten Ausbauvariante (2 Querruderservos, damit kann man schön während des Fluges wölben, bringt wirklich erstaunlich viel) überraschend effektiv bewegen.

Aber mit der Originalfläche hatte ich von Anfang an Probleme: sie war bei meinem Bausatz verzogen (legte man sie auf den Tisch, lagen nur die Randbögen auf, in der Mitte klaffte ein Spalt von fast 2cm Höhe), das habe ich bis zu einem gewissen Grad im wahrsten Sinne des Wortes geradegebogen (an den Rändern jeweils ca. 1cm unterlegt, in der Mitte mit einer Schraubzwinge nieder gedrückt und über Nacht 'rasten' lassen) - dann ließen sich die Querruder zumindest befestigen und mit vertretbarem Aufwand bewegen. Außerdem ist keine 'harte' (z.B. Kiefernholz) Nasenleiste vorgesehen, sondern lediglich ein Verschleifen (und so hab' ich's auch gemacht) - d.h. man bekommt sehr schnell 'Macken' und ausgeschlagene Stellen.

Jedenfalls gab's bei meinem zweiten Braunsbergversuch damit Flächenbruch. Bei der Gelegenheit durfte ich auch feststellen, dass die Rumpfnase nicht besonders widerstandsfähig ist (wie der gesamte vordere Rumpfbereich - sieht man auch sehr gut an den Fotos).

Alle Schäden wurden vor Ort mit 5min-Epoxi und SuGlue repariert - damals (Mitte/Ende Oktober) war's so kalt, dass das Harz fast eine Stunde zum Aushärten benötigte, aber nachdem das gleich am Vormittag passiert war, konnte ich dann den Nachmittag so richtig genießen *g*. Etwa eine Woche später ließ ich mal einen erfahreneren Piloten mit dem Ding fliegen, ging alles prächtig, nur der Landeanflug geriet etwas zu weit - wieder brach die Fläche, und diesmal verzichtete ich darauf, sie zu kleben (sie liegt noch in der Werkstatt und wartet darauf ...). Statt dessen baute ich nun aus einem 100x10x1000 Profilbrett eine 1m Fläche mit Kiefernnasenleiste. (Anmerkung : wie man sich denken kann, wartet die Fläche immer noch - sie wurde nie repariert ...)

Fliegen mit Spaßfaktor (und Adrenalinstoß)

Wir waren immer wieder mit den CHICCOs unterwegs, auch bei Windstille, dann mit Seilstart - durch den recht weit vor dem Schwerpunkt liegenden Hochstarthaken geht's relativ flach weg, dafür baut er enorm Geschwindigkeit auf. Dann zum Ausklinken (und Höhe gewinnen) ziehen und z.B. halber Looping und halbe Rolle und wieder auf sich zujagen ... man kann auf sehr lust- und phantasievolle Weise Höhe vernichten, und genau dazu wollten wir ihn ja – ein Hochleistungsmodell ist er, wie gesagt, nicht.

Mit ganz anderen Voraussetzungen wartete dafür bald darauf der Braunsberg auf: NW mit ca. 5 BF (plus Böen), saukalt (und ich war wirklich gut 'eingepackt') - trotz Aufbleien auf gut 440g (ok, ich bin sonst mit 390g für den Chicco auch nicht gerade superleicht unterwegs ...) war es eher schwierig (ich neige gelegentlich dazu, zu untertreiben, aber wirklich nur ein ganz klein wenig), gegen den Wind überhaupt hinaus zu kommen. Aber einmal vor den heftigen Verwirbelungen über und (aus Windrichtung betrachtet) hinter der Waldgrenze ging es dann richtig zur Sache: punktuell rissen schmale Bärte die Chiccos in Sekundenschnelle 50 m und mehr in die Höhe - und Höhe muß natürlich vernichtet werden, also war 'Kunstflug' angesagt: Loopings, Rollen, Rückenflug ... einfach ausprobieren, was Knüppel und Flieger so hergeben *g*. Einziges Problem war, sich vom Wind nicht zu weit zurücktreiben zu lassen - das nach vorne kommen war (habe ich das nicht schon irgendwo erwähnt) recht ruppig und mühsam. Noch schwerer konnte ich meinen Chicco leider nicht mehr machen - nicht wegen Platz- oder Festigkeitsproblemen, sondern mangels Blei ... tja, seitdem habe ich immer zumindest 200g Ballastblei dabei ...

Fazit (rein subjektiv natürlich)

Was lässt sich also zu dem Modell jetzt sagen: Mir gefällt's sehr gut (falls es irgendjemandem noch nicht aufgefallen sein sollte *g*), ich würde aber für meinen Einsatzzweck (Hangkantenrasierer) bei neuerlichem Aufbau doch Einiges anders machen:

  • Kiefernasenleiste für die Fläche: bringt wirklich viel an Stabilität und verhindert so manchen Cut.
  • Im Rumpf, unmittelbar vor der Flächenauflage, innen an der Oberseite über die Naht eine zusätzliche Schicht GfK aufbringen.
  • Die Rumpfinnenseite an der Flächenauflage ebenfalls mit Harz und Matte, besser noch Kohle, verstärken.
  • 2 Servos für das V-Leitwerk (z.Zt. nur Höhe, dann auch als Seitenruder, auch wenn's vielleicht für das kleine Modell übertrieben wirken mag).

Und auch sonst sind mir noch ein paar Sachen aufgefallen:

  • Den Schalter würde ich nicht, wie in der Bauanleitung vorgesehen, an der Rumpfoberseite im Nahtbereich anbringen, sondern an der Rumpfseite - ob vor, unter oder hinter der Fläche ist m.E. in erster Linie Geschmacksfrage, bei mir ist er links vorne. Luxus ist er bei der Art der Flächenbefestigung (Klebeband) wirklich nicht, also unbedingt einbauen!
  • Das Leitwerk würde ich entweder mit einem Streifen GF in der Mitte verstärken oder ihm, wie im Bild ersichtlich, mit schmalem Strapping-Tape zusätzliche Festigkeit verleihen.
  • zumindest ein Ersatzleitwerk sollte vorbereitet sein, bei 2,5mm Balsa ist das eine Sollbruchstelle ...
  • Sowohl die Fläche als auch das Leitwerk habe ich, statt es zu bebügeln (1. keine Folie, 2. kein passendes Bügeleisen, 3. keine Erfahrung), mit farblosem Tesa-Paketband (5cm und 3,5cm) bespannt - auch die Ruderscharniere sind so realisiert.
  • In jedem Fall die Querruder mit zwei (9g) Servos anlenken; verwölben bringt bei der Balsafläche erstaunlich viel.
  • Die 1m-Variante ist (möglicherweise auch weil sie nicht verzogen ist) der 85cm-Variante in allen Belangen überlegen, ohne dass man das Gefühl hat, der Rumpf sei dann zu kurz (etwa durch mangelnde Richtungsstabilität).
  • Bei der 1m-Variante die Querruder möglicherweise erst weiter außen ansetzen (allerdings wird dann das Verwölben witzloser...).
  • Die Tragflächenbefestigung mit Klebeband ist stabil genug, es empfiehlt sich (als Notlösung ausprobiert), dazu ein Gewebeband von Tesa zu verwenden; es ist so kräftig, dass es wirklich jede Belastung mitmacht, und wenn bei der Landung der Flügel mal irgendwo hängenbleibt, reißt es. Wichtig: kein Duck-Tape oder gar Strapping-Tape - das gibt zu spät oder gar nicht nach!!
  • Ich habe die Servos nicht verklebt, wie vorgeschlagen, sondern mittels Ausnehmen der Umrisse in der Flächenauflagenverstärkung, kleinen Sperrholzsockeln und einem geschraubten Sperrholzgürtel befestigt - hält bombenfest und gibt die Möglichkeit, die Servos wieder sauber und schnell zu entfernen.
  • Beim Einsatz als Hangsegler muss man nicht Gewicht sparen, somit braucht man für (Seiten-)Höhenruder kein(e) 9g Servo(s) vorzusehen - ich verwende hier ein Hitec HS81. Auch mein Empfänger ist mit 30g kein Leichtgewicht, dafür ziemlich störunempfindlich, was bei einem dermaßen agilen (um den negativen Ausdruck nervös zu vermeiden) Modell schon wichtig ist; der Flieger meines Cousins kam letzthin aufgrund einer Störung während des Landeanfluges recht unsanft und einseitig am Boden auf.

Mittlerweile sind schon einige weitergehende Überlegungen aufgetaucht: Nachdem wir in absehbarer Zeit mit dem Styroschneiden beginnen wollen, hängt das Projekt in der Luft, eine Fläche mit z.B. MH32 Profil mit 11cm Tiefe und 1m Spannweite und dünnem GF-Laminat zu 'schustern' - sollte doch für deutlich mehr Vortrieb sorgen *g*

Anmerkung: mittlerweile sind nach diesem Bericht rd. 1,5 Jahre ins Land gezogen, das Modell ist de facto im Ruhestand, der Rumpf müsste wieder mal repariert werden, aber mangels Bedarf wird das wohl noch eine Zeit lang dauern *g* - fliege mittlerweile Risk und in Bälde E-Risk ...

 

Stand: 14.04.2003