Alpines Segelfliegen (Teil 2)

Thommy Seidel

Fiss, die Sonnenbank Tirols.

Eines der populärsten Segelfluggebiete in den Alpen ist Fiss in Tirol. Seine Bekanntheit in Modellfliegerkreisen verdankt der kleine Ort dem „Flying Circus“. Seit 1996 treffen sich Mitte Juli Modellflieger aus ganz Europa in Fiss zu dieser Modellflugveranstaltung.

Die Anfahrt aus Deutschland erfolgt über die Autobahn A7 Ulm, Kempten, Füssen und über den Fernpass nach Reutte und Landeck. Es geht weiter das Inntal hinauf. In Ried beginnt dann der Anstieg ins 1400 m hoch gelegene Fiss. Im Sommer bietet sich bei schönem Wetter die Fahrt durch das idyllische Tannheimer Tal an. Anschließend fährt man durch eine beeindruckende Kulisse über den Hanntennjochpass und ab Imst entsprechend weiter Richtung Landeck. Die Alternative dauert normalerweise etwas länger, dafür gibt es dort seltener Stau und man bekommt schon auf der Anfahrt eine gute Einstimmung auf die Hochgebirgswelt.

Dem Modellsegelpiloten stehen in Fiss drei verschiedene Hänge zur Verfügung. Als Erster ist hier das Schönjöchl zu erwähnen. Start und Landefeld liegen hoch über Fiss auf 2500 m über dem Meeresspiegel. Um zum Flugfeld zu kommen, benutzt man üblicherweise die Viererkabinenbahn. In diesen Gondeln kann ich gerade noch meine Pilatus mit 375 cm unterbringen. Für größere Modelle gibt es sogenannte Materialgondeln, in welche die Modelle in Ruhe eingeladen werden können.

Von der Bergstation läuft man noch ca. 10 min bis zur Startstelle. Das Landefeld wurde vor einigen Jahren neu angelegt, ist großzügig bemessen und eben. Allerdings befindet sich rechts und links neben dem Landefeld ein Lift. Panorama und Aussicht sind überwältigend.

Schönjöchl Flying Circus →

Wie schon erwähnt, befindet man sich am Schönjöchl auf 2500 m über NN, und das bedeutet gegenüber dem Fliegen in der Ebene deutliche Unterschiede. Da die Luft viel dünner ist, sind die Modelle deutlich schneller unterwegs. Und am deutlichsten merkt man das an der enormen Landegeschwindigkeit.

Ab 11.00 Uhr kann man mit erster Thermik rechnen. Richtig gut wird es bei entsprechender Sonneneinstrahlung ab 13.30 Uhr. Wer in dieser Höhe fliegt, der sollte sich darüber klar sein, das sowohl Steigen als auch Fallen wesentlich ausgeprägter sind als in der Ebene oder in den Mittelgebirgen. Hier sitzt schon mal der berühmte Elefant auf der Fläche und es geht runter, wie man es sonst nicht kennt. Hier gilt es dann besonders am Schönjöchl Ruhe zu bewahren, denn Außenlandemöglichkeiten sind quasi nicht vorhanden. Auf der Seite in Richtung Fiss gibt es ca. 100 m weiter unten am Berg eine kleine Möglichkeit, die man schon mal mehrfach seitlich anfliegen muss bis die Landung passt.

← Schönjöchl Katapultstart am Gummiseil

Bevor das Modell verschwindet, kann man natürlich gegen den Hang landen, die Wahrscheinlichkeit hierbei ohne Schaden davonzukommen ist aber eher gering. Wer die Ruhe bewahrt, der findet im Normalfall wieder Thermik, und dann geht es oft mit 5 –10 m/s wieder hoch, und man ist schnell wieder über dem Horizont. Gerade im Hochgebirge ist ein Variometer eine gute Modelllebensversicherung, denn bei derartig ausgeprägten Sinkraten ist es besser, wenn man nicht allzu lange suchen muss.

Die extremen Bedingungen stellen auch hohe Anforderungen an die Stabilität der Modelle. Dies gilt vor allem, wenn man herunterheizt. Vor Jahren habe ich beim „Flying Circus“ mal ein Modell gesehen, dass mit hoher Fahrt einen engen, besonders starken, Aufwindschlauch erwischt hat. Es ist förmlich explodiert, ein ebenso interessanter wie bleibender Eindruck, vor allem, wenn man weiß, dass dieses Modell zu der Kategorie „besonders stabil“ gehörte.

Serfauser Feld von unten (Terrasse Grillalm) →

Da das Schönjöchl oft von Wolken verhangen ist, bietet sich das Serfauser Feld als Alternative an. Das Serfauser Feld ist von Josef Bacher und Günter Marent gepachtet, und steht deshalb eigentlich nur deren Hausgästen zu Verfügung. Im Zweifelsfalle sollte man schon deswegen bei ihnen oder zumindest über die Beiden das Quartier buchen.

Das Serfauser Feld ist ins Tal vorgelagert, so dass der Wind oft auf dem Hang steht, obwohl die Zugrichtung der Wolken und die angesagte Windrichtung vollkommen anders sind. Durch die sonnige Lage bildet sich gute Thermik und der, ab der Kante steil abfallende Hang sorgt dafür, dass man hoch in die Thermik einsteigt.

Wer eine Woche Modellflug extrem am Serfauser Feld hinter sich hat, der braucht einige Zeit um sich an den normalen Modellflugalltag zu Hause wieder zu gewöhnen. Am Fluggelände ist eine kleine Hütte mit Tisch und Bank für eine rustikale Brotzeit bei herrlichem Ausblick auf Fiss und das obere Inntal. An der Rückseite der Hütte ist eine Frequenztafel angebracht. Unterhalb des Serfauser Feldes liegt die Grillalm, dort lässt sich preiswert essen, bei entsprechendem Wetter auf der Terrasse ohne das Geschehen am Hang aus den Augen zu verlieren.

 

 

 

Perdatscher Bichl vom Serfauser Feld gesehen

Der dritte Hang ist das Perdatscher Bichl am Ortsrand von Fiss gelegen. Dort kann wieder jeder fliegen. Die Landewiese ist groß, eben und frei von Steinen. Aus diesem Grund ist das Gelände bestens für weniger Geübte geeignet.
Leider ist das Gelände vom Hangfliegen her nicht so der Hit. Der Berg geht zwar hinter der Wiese hoch, die Hauptwindrichtung liegt aber parallel zum Hang und die kleine Hangkante durch die Landewiese ist wenig ergiebig. Eine Hangkante, die wirklich trägt, ist quasi außerhalb der Reichweite der Modelle. Trotzdem erlaubt das Gelände sehr schöne Flüge. Am besten zunächst mit einem Elektro- oder F3J-Modell antesten und wenn es dann trägt, den Großsegler hinterherwerfen.

Neben der Modellfliegerei bietet Fiss natürlich ein buntes Programm an Freizeitmöglichkeiten. Wandern und Mountenbiken, Reiten und Tennis und vieles andere ist möglich. Durch die zahlreichen Veranstaltungen und das Kinderprogramm ist Fiss das ideale Ziel für einen Familienurlaub. Nicht nur die Modellflieger kommen hier auf ihre Kosten, sondern auch dem Rest der Familie wird es nicht langweilig.

Die Übernachtungsmöglichkeiten sind ebenso zahlreich wie vielfältig. Sie reichen vom luxuriösen Hotel über komfortable, geschmackvoll eingerichtete Apartments bis zu einfachen Privatzimmern. Zumindest im Sommer ist es in Fiss ausgesprochen preiswert. Wer einmal in Fiss war, kommt nach meiner Erfahrung immer wieder. Mein besonderer Tipp ist das Haus Fodia von Günter Marent in Fiss oder die Apartments Bacher in Serfaus , da sie außer einer guten Unterkunft auch die Möglichkeit bieten, am Serfauser Feld zu fliegen. Besonders empfehlenswert ist auch der Almhof von Johann und Isolde Schwendinger, die nicht nur ein sehr schönes Ambiente bieten, sondern auch auf Sonderwünsche eingehen.

Hinweis:

Die Kabinenbahn zum Schönjöchl wird derzeit erneuert, aus diesem Grund fällt das Schönjöchl bis auf weiteres als Fluggebiet in Fiss aus!

 

Stand:11.05.2003