RCN On Tour 2003

Eckart Müller

Besuch beim JaboG 31 „Boelcke“ in Nörvenich am 23. Sep. 2003

Donnergrollen und Rumoren...ein Gewitter im Spätsommer? Keineswegs, sondern der krönende Abschluss von „RC-Network On Tour 2003“. Das war der Start von drei Rotten, also insgesamt sechs TORNADOs, des JaboG 31 „Boelcke“ auf dem NATO-Flugplatz Nörvenich.

Der Termin war wohl etwas problematisch. Dieser Eindruck hat sich mir jedenfalls aufgedrängt, da bei näher rückendem Datum die Liste der Absagen kontinuierlich zunahm. Aber gleichgültig wie es organisiert wird, Unstimmigkeiten gibt es immer. Liegt der Termin in den Ferien, sind nicht viele Teilnehmer zu erwarten, weil Urlaubszeit ist. Wird die Ferienzeit vermieden, haben andere Schwierigkeiten, die nötige Zeit mit den beruflichen Belangen in Übereinstimmung zu bringen. Jedenfalls war das Ergebnis, dass 50% der Zusagen widerrufen wurden und nur noch insgesamt 12 Teilnehmer übrig geblieben sind. Aber, und das haben alle Teilnehmer später bestätigt, diese 12 haben einen sehr interessanten, kurzweiligen und informativen Tag erlebt.

Dazu war, je nach Dauer der Anreise, zunächst frühes Aufstehen erforderlich. Schließlich hat uns unser Begleiter durch den Tag, der für Öffentlichkeits- und Pressearbeit zuständige Oberstabsfeldwebel Engelbrecht, um 900Uhr vor der Wache des Unterkunftsbereichs in Kerpen begrüßt. Es folgte ein kurzer Fußmarsch an der Wache und an einigen aufgeschichteten Sandsäcken vorbei zum Vortragssaal, ob die im vergangenen Jahr versehentlich nicht zur großen Flut nach Mitteldeutschland mitgenommen worden sind? Hier erfuhr die kleine RCN-Schar Interessantes zur Geschichte, Entwicklung und zu den Aufgaben des Geschwaders.

So informativ solche Einzelheiten sind, in einschlägigen Broschüren, Artikeln und letztlich auch im Internet sind sie eigentlich jedem zugänglich. Viel spannender sind deshalb die Histörchen und Ereignisse, von denen man nirgendwo etwas lesen kann. Zum Beispiel von dem TORNADO, der sich kürzlich in Goose Bay bei 1000km/h im Tiefflug an einem Seeadler verschluckt hat.

Vom Vogel ist verständlicherweise nicht viel übrig geblieben, aber der Pilot hat’s geschafft, den TORNADO noch 180nm bis nach Hause zu fliegen. Dort hat man dann festgestellt, dass sich das Triebwerk um 8cm nach hinten verschoben und in Längsrichtung gesehen um ein erhebliches Maß verdreht hatte. Da einerseits die erforderliche umfangreiche Reparatur vor Ort nicht möglich ist, andererseits aber ein Transport des TORNADO nach Deutschland zu teuer, also unwirtschaftlich ist, steht jetzt in Goose Bay ein defekter, nutzloser TORNADO. Wer will, kann ihn sich dort abholen...!

Auch der in einigen Jahren (vermutlich ab 2008) kommende EUROFIGHTER wirft schon seine Schatten voraus. Bekanntlich ist dafür nur ein Besatzungsmitglied erforderlich. Deshalb beginnt schon jetzt der Abbau der WSO-Stellen (Waffensystem-Offizier, der zweite Mann im TORNADO). Angebot an die Betroffenen: BO 38, d.h. die Dienstzeit des Berufsoffiziers endet bereits nach 38 Jahren, statt nach der Regeldienstzeit von 41 Jahren. Dieses Angebot wird so eifrig genutzt, dass es schon jetzt fast zu wenig WSO gibt, um den normalen Betrieb aufrecht zu erhalten.

Wir jedenfalls hielten nach dem gemeinsamen Mittagessen unseren Betrieb problemlos aufrecht und bestiegen gegen 1100Uhr einen Bus, der uns die wenigen Kilometer bis zum Flugplatz Nörvenich brachte.

Unterwegs gab es noch ein paar Basisinformationen von dem, der sich bestens mit der Materie auskennt, ja, genau genommen so eine Führung selbst durchzuziehen in der Lage wäre und noch Anekdoten ohne Ende erzählen könnte...

An der nächsten „Bushaltestelle“ sind wir dann wieder ausgestiegen. Ein hallenartiges Bauwerk, bestehend aus dicksten Betonwänden war unser Ziel. Nachdem sich ein recht großes, zweiflügeliges Schiebetor geöffnet hatte, standen wir einem einsatzbereiten TORNADO gegenüber. Einer kurzen Erklärung der vielfältigen Waffen folgte eine genaue Inspektion des Flugzeugs von außen.

Wer weiß schon, dass 45% der Außenfläche von Klappen und Deckeln gebildet wird? Jetzt wissen wir, wo beim TORNADO die CPU gewechselt werden kann oder dass der Hydraulikdruck satte 250bar beträgt. Bei den elektronischen Kontrolleinrichtungen mittels LED eröffnen sich für die Scalefreaks völlig neue und ungeahnte Aspekte. Wie sehr könnte man eine Jury beeindrucken, wenn nach öffnen einer Serviceklappe ein Leuchtfeld aus winzigen Dioden aufblinkt? Schließlich konnte jeder mal vorne und hinten im Cockpit Platz nehmen und für sich entscheiden, wie ihm eine mehrstündige Atlantiküberquerung mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit bekommen würde.

Oder er konnte zur Kenntnis nehmen, wie eigenwillig der Steuerknüppel gestaltet ist, der zwei Gelenke enthält. Unten, da wo man es auch erwartet, das Gelenk für das Höhenrudersteuerung und weiter oben, so 20cm unterhalb des Griffs, das Gelenk für die seitliche Bewegung, also für die Querruderbetätigung. Das hat den Vorteil, das zwischen den Beinen nicht soviel Platz gebraucht wird, um die seitliche Bewegungsfreiheit des Steuerknüppels zu garantieren. So etwas ist natürlich nur mit fly-by-wire möglich.

Und der Ministeuerknüppel des WSO hat nun überhaupt nichts mit einem von Fernsteuersendern bekannten Knüppelaggregat gemeinsam, obwohl damit auch „ferngesteuert“ wird. In und um den TORNADO hätten wir noch Stunden verbringen können und hätten wohl immer noch etwas Neues entdeckt oder erfahren. Leider war das Fotografieren ins Cockpit untersagt.

Aber schade, unsere Zeit war begrenzt und daher galt es, diesen Programmpunkt abzuhaken und den nächsten anzugehen. Deshalb wieder hinein in den Bus und eine kurze Fahrt bis zum Tower und zu den Radarlotsen. Dummerweise hat man es seinerzeit versäumt, dem Tower einen Aufzug zu spendieren und deshalb ist jeder, der hinauf möchte oder muss, gezwungen, die acht Stockwerke zu Fuß zu absolvieren.

Oben angekommen wird man dann aber mit einer hervorragenden Über- und Aussicht belohnt. Der Wachleiter erklärte uns kurz die Aufgaben der Towerbesatzung und erläuterte die Luftraumstruktur, soweit sie für die Flugführung in und um Nörvenich von Bedeutung ist

Das ist auch so ein Ort, an dem man liebend gerne noch etwas mehr Zeit verbracht hätte, insbesondere deshalb, da wir inzwischen erfahren hatten, dass in Kürze einige TORNADO-Starts bevorstanden. Aber die andere Hälfte unserer Gruppe wollte ja auch noch den Tower von innen sehen. Derweil sind wir zu Radar gegangen, um zu sehen, wie denn nun die Flugzeuge im Umkreis von ca. 50nm mittels Rundsicht-Radar kontrolliert und geführt werden. Zunächst scheint es im Raum stockdunkel zu sein, da die Sichtgeräte einen Tageslichtbetrieb nicht erlauben. Dafür sind sie zu alt, so etwa 25 – 30 Jahre. Nachdem sich unsere Augen an die schwache Beleuchtung gewöhnt hatten, konnten wir die „Museumsstücke“ erkennen. Man stelle sich einmal vor, welche Entwicklung in dieser Zeit auf dem Elektroniksektor stattgefunden hat. Und die ist in dieser Beziehung an der Bundeswehr einfach vorbei gegangen. Da kommt man doch etwas in Grübeln, was die Kompetenz und Verantwortlichkeit der zuständigen Stellen betrifft. Nach weiteren sehr interessanten Einblicken in die tägliche Arbeit der Fluglotsen sind wir dann etwas nachdenklich wieder ins blendende Tageslicht zurückgekehrt. Wir hatten es auf die Minute genau getroffen, um gegen 15.00 Uhr die eingangs erwähnten TORNADO-Starts zu verfolgen.

Das Fazit nach knapp sechs Stunden Exkursion: Es war hochinteressant und unterhaltsam. Diejenigen, die zum ersten Mal einen Fliegerhorst besucht haben, waren begeistert. Und diejenigen, die nicht dabei waren, haben nach einhelliger Meinung aller etwas verpasst. Auch die, die aus ihrer Dienstzeit den Flugplatz Nörvenich schon kannten, haben neue Einblicke gewonnen, da sie diesmal Zugang zu Orten hatten, die ihnen während ihrer aktiven Zeit versperrt geblieben sind.
Allerdings diejenigen, die wissen, was noch alles möglich gewesen wäre und was zu anderen Zeiten und bei anderen Gelegenheiten auch möglich war, können von dem, was geboten wurde eigentlich nur enttäuscht sein. Da ist im Geschwader dringend Umdenken erforderlich, so jedenfalls ist auf Dauer keine Öffentlichkeitsarbeit mit nachhaltiger, positiver Resonanz möglich.

Die Teilnehmer der 1. RC-Network On Tour von links nach rechts, hintere Reihe:
Niko Gelius-Dietrich, Dagmar de Keyser, Bernd de Keyser, Eckart Müller, Arno Wetzel, Guido Müller, Werner Wöhlecke, Friedrich Kersting und Friedel Kersting.
Vordere Reihe: Ralf Kohnen, Bettina Bauer und Markus Schmidt. Für alle Interessierten gibt es eine CD mit sämtlichen Fotos in hoher Auflösung. Eine Mail an mich mit der Versandanschrift genügt

Abschließend gilt mein besonderer Dank Werner Wöhlecke, der nicht nur seine guten Verbindungen genutzt hat sondern auch durch seine tatkräftige Mithilfe diese Veranstaltung erst möglich gemacht hat.

 

Stand: 28.09.2003