Harte Schale - luftiger Kern
Die Geheimnisse von DEPRON & Co

Claus Eckert

Schon lange stand die unbeantwortete Frage im Raum, ob und wie das Tiefziehen von DEPRON & Co funktioniert? Immer auf der Suche nach Neuem, wurde zuerst Google befragt. Aber die Informationen im WWW waren nicht unbedingt ergiebig. An einer Stelle war zu lesen, das Tausende von Euro investiert wurden, um gerade mal eine Kleinserie zu produzieren. Andere Quellen schrieben von abenteuerlichen Konstruktionen, die eher an elektrische Stühle erinnerten als an eine brauchbare Tiefzieheinrichtung. Irgendwie erschien das alles geheimnisumwittert. Aber Geheimnisse sind da, um ergründet zu werden. Also blieb nichts anderes übrig als die übliche Vorgehensweise: Hirn einschalten und eigene Wege suchen.

Erste Versuche mit einigen DEPRON-Resten und einem Heißluftfön zeigten zunächst die Eigenschaften des Materials. Zum einen hat DEPRON eine „Vorzugsbiegerichtung“. Diese läuft quer zur grünen „DEPRON“-Aufschrift. Zum anderen ändert sich bei Wärmeeinwirkung die Oberflächenstruktur des DEPRON relativ schnell. Das bedeutet, DEPRON sollte immer nur auf einer Seite erwärmt werden. Wobei zu dieser Seite hin gebogen wird. Bei einem Rumpf ist dies praktischer Weise die Innenseite.

Das waren schon mal brauchbare Erkenntnisse. Spaßeshalber wurden freihändig erste Gebilde gebogen. Nebenbei bekommt man ein Gefühl für das Material und den richtigen Wärmeeinsatz. Wie aber DEPRON tiefziehen?

Als Grundausstattung war ein kleiner Tiefziehkasten, angeschlossen an einem Staubsauger, vorhanden. Der Staubsauger wird über eine Fernbedienung eingeschaltet, da er in einem anderen Raum steht.

Für eine Ultimate sollten Radschuhe hergestellt werden. Aus Balsa wurde ein Urmodell geschnitzt, in der Mitte getrennt und beide Hälften mit ihrer Schnittfläche jeweils auf einem Stück 6mm DEPRON mit Doppelklebeband befestigt. Um diesen DEPRON-Boden wurde mit Uhu-Por ein ca. 4cm hoher Rahmen aus ebenfalls 6mm DEPRON geklebt. Paketband außen rum und dann wurde der kleine DEPRON-Kasten mit flüssigem Gips (der Autor verwendet auch die standfestere Laminierkeramik von R&G) ausgegossen. Nach dem Trocknen wurde der DEPRON-Kasten entfernt und das Urmodell vorsichtig aus dem Gips befreit. Mit einem Bohrer wurden Löcher bis durch den Boden gebohrt. Über diese Kanäle wird die Luft abgesaugt.

Schnell zeigte sich bei den ersten Tiefzieh-Versuchen, dass Druck von der Innenseite, also der erwärmten Seite, kommen muss. Dazu wurde das Urmodell einfach um die Materialdicke des DEPRON verkleinert und als Stempel eingesetzt.

Wenn man jetzt den Staubsauger einschaltet, das DEPRON langsam erwärmt und zum richtigen Zeitpunkt den Stempel einsetzt, erhält man sein erstes DEPRON-Tiefziehteil.

Mit den bis jetzt gewonnen Erfahrungen ging es an den nächst höheren Schwierigkeitsgrad. Ein ganzer Rumpf soll tiefgezogen werden.

Das Vorbild war die Giles 202. Diese wird übrigens als Fertigflugzeug unter dem Namen CAP 222 verkauft. Mittels Overhead-Projektor wurde die Dreiseitenansicht der Scale-Dokumentation (Scale 2/98) direkt auf das DEPRON projiziert, abgezeichnet und anschließend vermessen und korrigiert.
Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass es zu aufwändig wäre, Negativformen anzufertigen. Tiefziehen im klassischen Sinne war also passé.

Die Lösung lag in der „Merkfähigkeit“ des DEPRON. Einseitig erwärmtes DEPRON hat nur eine geringe Rückstellkraft. Da die Giles sowieso einen Mittelboden erhalten sollte, ergab es sich von selbst, den Rumpf um diesen Mittelboden zu „wickeln“. Was im ersten Moment verwirrend erschien, war wenige Stunden später bereits fertig, völlig freihändig geformt.

Der Rumpf besteht aus einer Abwicklung, die am Rumpfrücken, am Rumpfboden und an der Unterseite der Motorhaube zusammengefügt wird. Hilfreich war, dass sich die Giles durch eine vorbildgetreue Kabinenhaube vom „DEPRON-Einerlei“ unterscheiden sollte.

Um die Abwicklung aber reproduzierbar zu machen, musste ein erhitzbares Positiv-Modell geschaffen werden. Beim Schrotthändler oder in Druckereien erhält man für wenig Geld dünnes Aluminiumblech – besser als Litho-Blech bekannt. Dieses lässt sich mit der Schere schneiden und mit abgerundeten Holzstücken in Form bringen.

Den Weg bis zum Urmodell zu beschreiben, würde hier zu weit führen. Es ist aber wirklich nicht schwierig, da die Bauweise die gleiche ist, wie sie weiter unten bei den „richtigen“ Rümpfen beschrieben wird. Nur soviel sei gesagt, notwendige Verklebungen kann man mit Silikon machen. Dieses muss bis ca. 150°C hitzebeständig sein.

Nachdem die Schablone der Rumpfabwicklung nachgearbeitet und angepasst wurde, können jetzt Rümpfe am laufenden Band „heiß gewickelt“ werden.

Als erster Arbeitsschritt erfolgt das Erwärmen des Urmodells. Dies geschieht von außen und innen mit dem Heißluftfön. Dann wird das zugeschnittene DEPRON positioniert und das Rumpfvorderteil langsam um das Urmodell gewickelt. Ein Streifen Klebeband an der späteren Nahtstelle hält das Vorderteil zusammen.
Der Rumpfrücken wird nun von innen erwärmt. Mit Hilfe einer flexiblen Form wird das DEPRON fest an den Rücken gedrückt und dann wartet man, bis das Urmodell erkaltet ist. Der Rumpfboden wird anschließend nach dem gleichen Prinzip über ein eigenes Urmodell gebogen.

Schon ist die Rumpfhaut in Form gebracht. Um den Mittelboden, der mit einem Kopfspant und einem weiteren Spant im Fahrwerksbereich versehen ist, wird nun die Rumpfhaut gewickelt und alles sauber ohne Verzug verklebt. Der Rumpf kann nun mit den Leitwerken und den anderen Einbauten versehen werden.


Stand: 15.04.2004