Zwei Segler aus einem Koffer

Axel Schultze

Der KOFFERBOY von Lindert

Auf der Suche nach Firmen mit interessanten Modellen landete ich im Herbst letzten Jahres auf der Homepage der Firma Lindert. Von dieser Firma dürfte der SAL-HLG SLINGSHOT bekannt sein. Mein spezielles Interesse wurde jedoch von einem, in einem Alukoffer kompakt zusammenlegbaren Modell geweckt, dem KOFFERBOY. Der Name war zwar gewöhnungsbedürftig, doch so etwas wäre doch ideal für den Transport auf Fahrrad- und Wandertouren. Nicht unbedingt per Koffer, aber bei diesen Abmessungen sind auch andere kompakte Verpackungen vorstellbar. Auch die Idee, den Koffer inklusive eines Fernsteuersenders im Handgepäck bei Flugreisen mitnehmen zu können, hat ihren Reiz. Gesagt, getan: Es wurde ein Exemplar des KOFFERBOYs geordert und zwar mit Acro-Fläche und mit zusätzlicher Thermikfläche, um alle Gelegenheiten nutzen zu können.


Die Thermik-Version


Die Acro-Version

Sehr zügig kam ein Paket in Koffergröße mit den vorbereiteten Teilen. Der mitgelieferte Alukoffer bildet eine stabile Verpackung, Flächen und Rumpf waren in Noppenfolie verpackt. Bei der ersten Betrachtung entstand der Eindruck, dass alles sauber hergestellt ist, aber aus sehr fragilen Teilen besteht. Insbesondere die Rippenflächen schienen mir sagen zu wollen: "Bloss nicht anfassen!" und mir ging die Frage durch den Kopf: "Ist das als Indoormodell gedacht ?"

Der Rumpf besteht aus drei hauchdünnen, extrem leichten Kohlefaserteilen: Dem Rumpfmittelteil mit Tragflächenauflage, der aufsteckbaren Rumpfnase und dem aufsteckbaren Leitwerksträger. Das Ganze macht einen guten Eindruck, allerdings war in der Spitze der Rumpfnase kein Gewebe zu sehen. Vorgezeichnete Brettchen für die Tragflächenauflage und Servoträger liegen dabei und harren der Bearbeitung mit der Laubsäge. Das Leitwerk ist vorgefertigt, nur das Höhenruder muss noch abgeschnitten werden. Die Querruder liegen in Form von Endleisten bei und müssen entsprechend abgelängt werden. Die Tragflächen bestehen jeweils aus vier Teilen. Die Acro-Fläche ist mittig geteilt und hat aufsteckbare Randbögen, die Thermik-Fläche ist ebenfalls mittig teilbar und ist bei ca.50% jeder Seite nochmals geteilt. Erleichtert wird das durch die Bauform der Rippenfläche. Nasenleiste und Holm bestehen aus Kohlefaserrohren, die Endleiste aus einer Balsaleiste. Die Rohre werden mit Hilfe von eingesteckten Kohlefaserstäben zur Verbindung der einzelnen Teile genutzt. Kleinteile zur Ruderanlenkung und Flächenbefestigung liegen sauber verpackt in einer Tüte dabei.

Betrachtet man die Bauanleitung auf der Homepage, so entsteht der Eindruck, dass es ein ARF-Modell sein könnte, jedoch waren zahlreiche Detailprobleme zu lösen. Wie schon erwähnt, macht die Tragfläche einen sehr empfindlichen Eindruck. Die Befürchtungen wurden bestätigt, als beim ersten Versuch, die Flächenteile im Rohbau zusammenzustecken, die Endleiste (2 x 5 mm Balsa) brach und die Diagonalverformung von Spanten und Holmen bei Zusammenstecken der Mittelteilung sichtbare Formen annahm. Ein leichtes Anstoßen beschädigte als nächstes einen Randbogen (2mm Balsa). Ich halte mich eigentlich nicht für einen Grobmotoriker, daher kamen bei mir ernste Zweifel an der Alltagstauglichkeit des Modells auf. Beim Zusammenstecken der Mittelflächen fiel auf, dass der große Rippenabstand und das weiche Beplankungsmaterial ein ungünstige Kombination sind, insbesondere bei der Thermik-Fläche. Eine Nachfrage ergab, dass dort, wo die Bohrungen für die Befestigungsschrauben in der Tragfläche angebracht werden, Hartholzklötze eingebaut sind.

Da ich der Stabilität nicht traute, habe ich diverse Ergänzungen angebaut. Ich habe die Rippen der Flächenenden, die gesteckt werden müssen, mit kleinen Balsadreiecken (3mm dick) in den Ecken verstärkt, gleiches gilt auch für die Rippen, die an die Randbögen grenzen. Auch die Randbögen der Thermik-Fläche bekamen etwas Verstärkung durch Aufkleben einer zweiten kleineren Balsaplatte.


Verstärkungen der Thermikfläche


Verstärkungen der Thermikfläche, Kopplung der Querruderteile

Die Beplankungsflächen habe ich mit Glasgewebe 27g/m² verstärkt, überflüssiges Epoxi mit Toilettenpapier abgetupft. Diese Maßnahmen plus der Bespannung mit ORACOVER machen nach meinem Dafürhalten nun einen einigermaßen stabilen Eindruck. Die Endleiste biegt sich an einigen Stellen durch die Schrumpfung der Bespannung etwas ein, stabileres Material wäre hier angebracht. Es wäre auch gut, wenn der Hersteller, insbesondere im Beplankungsbereich, jeweils noch eine Halbrippe spendieren würde. Trotz Glasfaserverstärkung biegt sich nämlich die Beplankung deutlich beim Zusammenstecken. Die Rumpfspitze wurde mit etwas Glasfasergewebe verstärkt. Kleiner Tipp: Man achte auf die Länge der Flächenteile nach Einkleben der Glasfaserstäbe, das Koffermaß wir hier überschritten.

Einige Knobelei verlangt auch der Einbau des Servobretts. Das Brett wird von vorne in den Rumpf geklebt und reicht bis in die Nasenspitze. Ein Problem ist, die 6g-Servos so in den Rumpf zu bekommen, dass weder Gehäuse noch Servohebel irgendwo mit dem Rumpf in Berührung kommen. So musste für zwei Servos die Auflagefläche in der Höhe etwas eingefräst werden. Außerdem wird das Brettchen durch die Aussparungen für die Servos so geschwächt, dass beim weiteren Anlageneinbau die Gefahr besteht, dass das Brett bricht. Also wurde es vorsorglich von unten mit Glasfaser und Epoxi verstärkt (s.o.). Es wurde ein Schulze Alpha 435 Empfänger und vier NiMH-Mignonakkus mit 600mAh eingebaut. Der Empfänger wurde auf dem Brett vor den Servos eingebaut. Zwei der Mignonakkus verschwanden in einer Rutsche aus EPP-Resten im Rumpfmittelteil unter dem Servobrett. Die beiden anderen Akkus wurden unter dem Brett vor den Servos befestigt. Auf diese Weise passte der Schwerpunkt ohne Ballast.

Die Bauanleitung auf der Homepage ist die einzig verfügbare Information. Leider enthält sie keine Informationen über die Thermik-Fläche. Auf Nachfrage per Email bekam ich jedoch prompt einige Hinweise. So erfuhr ich, dass die für die Flächenauflage zu schmale Thermik-Fläche an der Vorderkante der Auflage anliegen muss. D.h. die vorderen Gewindelöcher der Auflage werden auch von dieser Fläche genutzt, für die hinteren zwei Schrauben müssen neue Löcher gebohrt werden. Des weiteren gibt es eine irreführende Information zu den ebenfalls geteilten Querrudern. Bei der Thermik-Fläche wird das gesamte Querruder, also auch im Bereich der Randbögen, bewegt (bei der Acro-Fläche wird das Querruder im Randbogenbereich an der Endleiste festgeklebt). Die Verbindung der geteilten Querruder geschieht durch Stahldrahtstücke und Bowdenzugröhrchen, die in die Querruder an der Trennstelle eingeklebt werden. Beim Zusammenstecken wird der Stahlstift einfach mit eingesteckt. Ein weiteres Problem ist die Beschreibung der Querruderansteuerung, die sich nur auf die Acro-Fläche bezieht. Ich habe die Bowdenzugröhrchen ein Stück nach vorne versetzt, so dass die Röhrchen 40mm vor den Ruderhebeln der Thermik-Fläche enden, die Drähte aber so lang gemacht, dass sie bis zu den Hebeln der Acro-Fläche reichen. Dann wurden zusätzlich zwei Stahldrahtwinkel auf den freiliegenden Stahldraht gelötet (Vorsicht, Wärmeableitung durch Zange, damit das Bowdenzugröhrchen nicht beschädigt wird), so das man wahlweise die Querruder der Thermik- oder Acro-Fläche einhängen kann. Die Abwinkelung des Stahldrahtes ist ca. 6mm lang, damit ist ein versehentliches Aushaken im Flug nicht möglich, da der Abstand zum Rumpf das nicht zulässt.

Nach Fertigstellung musste nun ein Tag mit mäßigem Wind her. Endlich war es soweit, Westwind Stärke 1-3. Nichts wie raus mit dem zarten KOFFERBOY mit der kleinen, breiten Acro-Fläche. Ein wenig Korrektur am Höhenruder und Kontrolle, ob bei Querruder neutral alle Klappen im Strak des Profils stehen. Erst wurde das Verhalten bei vorsichtigen Würfen in der Ebene ausprobiert. Dann hoch an den Hang und raus mit der Kiste ! Das ging von Anfang an gut. Zuerst bei ca. Windstärke 1. Es war ein müheloses Fliegen am Hang, man konnte sehr scharfe Kurven mit wenig Höhenverlust fliegen. Dann kam wieder mehr Wind auf und es ging immer noch gut. 260g, guter Gleitwinkel und schnell genug für mehr Wind. Die Ruderreaktionen beim Rollenfliegen waren ausgezeichnet. Ein Problem war die Silhouette gegen die tiefstehende Wintersonne. Die transparente Bespannfolie war zwar am Boden sehr schön, aber gegen die Wintersonne bzgl. Lageerkennung problematisch. Bei einer Landung bin ich in eine Leewalze geraten und leider ein paar Meter durchgesackt. Ich konnte den Fallwinkel noch auf 45° verringern, aber der Aufprall auf Nase und eine Fläche war unvermeidlich und etwas unsanft. Folge: ein Schraubenloch im Flügel ausgerissen (Splitter) und zwei Risse in der aufsteckbaren Nase, dort wo sie auf den Rumpf gesteckt wird.

Bei der zweiten Gelegenheit hatte der Wetterbericht Wind mit Stärke 1 und Sonne angesagt, leider war keine brauchbare Hangkante verfügbar. Ich habe nochmals die reparierten Acro-Flügel probiert, aber der Aufwind reichte nicht. Also kurzentschlossen den Thermikflügel mit den ellenlangen Querrudern angeschraubt. Der Schwerpunkt passte ohne Änderung gegenüber der Acro-Fläche, Rudereinstellung wurde nur über die Servo-Mittenposition der Querruder-Servos etwas angepasst. Und los ging’s. Der erste Flug war bereits wie aus dem Bilderbuch: Nun aber ein ganz anderes Flugverhalten, langsames Gleiten mit erstaunlich flachem Gleitwinkel und die QR-Steuerbarkeit war auch hier kein Problem. Es folgte ein weiteres Dutzend Flüge und es ging prima. Frappierend ist die Querruderwirkung auch bei langsamer Fluggeschwindigkeit. Es lassen sich sowohl atemberaubend enge Steilkurven ohne Höhenverlust fliegen als auch ganz flache Kurven. Die erreichbare Wurfhöhe ( natürlich als Speer...) beim Start war gut und der fliegbare Geschwindigkeitsbereich beim Andrücken ebenfalls zufriedenstellend. Es gelang zeitweise einige Aufwindpunkte zu finden und 10 Minuten bei einem Hauch von Wind in 30m Höhe am 4m-Hang zu fliegen. Das Ding reagiert so empfindlich auf jeden Aufwind, dass ich mich auf das Frühjahr freue und hier eine optimale Thermikausnutzung erwarte! Besonders das Auskreisen von engen Thermikschläuchen sollte hervorragend gehen. Bei beiden Flächen ist die Durchdringung und der damit verbundene Geschwindigkeitsbereich bei diesem Gewicht bemerkenswert.

Nun zu Reparaturen und Verstärkungen. Eine Verstärkung des Servobrettchens durch Kohlerovings an den Außenrändern bis in den Rumpf hinein erscheint sinnvoll. Die Splitter der Flächenbefestigung habe ich mit Epoxi wieder zusammengefügt, das Schraubenloch mit zugespachtelt und die Form von außen mit Klebeband vorgegeben. Danach wieder aufgebohrt und mit einem Flicken Folie bespannt. Jetzt passt alles wieder, aber es fehlt doch nach meiner Meinung ca.1,5cm gröberes Glasfaservlies mit Epoxi als Verstärkung der Beplankung auf den Tragflächenunter- und -oberseiten im Bereich der Schraubenlöcher... Die Risse in der Nase habe ich mit 2K-Kleber von innen repariert und von außen eine Lage Glasfaserklebeband über den gefährdeten Bereich der Steckzone geklebt, wie es der Hersteller auch für das Leitwerksträger-Rohr empfiehlt. Außerdem erscheint mir eine Verstärkung der Steckflächen des Rumpfmittelteils von innen (!) mit Glasfaserband und Epoxi angebracht. Beide Steckstellen des Rumpfes werden nun bei jeder Montage außerdem mit einer Lage Isolierband so verklebt, dass bei Belastung eine sichere Krafteinleitung in das Gegenstück erfolgt. Die Flächenmittelteilung klebe ich inzwischen vor dem Anschrauben mit billigem Isolierband (elastische, mäßig klebende Folie) unter seitlichem Druck auf die Teilungsstelle auf Ober- und Unterseite zusammen, so dass kein Spiel bleibt. Das mindert die Gefahr der Beschädigung bei der Landung. Dieses Band lässt sich lösen, ohne die Bespannfolie abzuziehen.

Ich bin vorläufig mit dem Ergebnis zufrieden. Zwei sehr unterschiedlich leistungsfähige Modelle auf kompaktem Raum, eine gute Sache. Die Praxis wird zeigen, wie die Alltagstauglichkeit ist. Ich halte den KOFFERBOY nicht für ein ausgesprochenes Anfängermodell. Eigenstabilität um die Längsachse ist durch die fehlende V-Form nicht gegeben und die Querruderreaktionen sind kräftig und sehr direkt. Durch den extremen Leichtbau steckt das Modell bei Landungen leider nicht viel weg. Trotz aller Empfindlichkeit reizt es durch die erzielbaren Flugleistungen jedoch, auch kleinste Geländeunebenheiten und Aufwindquellen auf Fliegbarkeit auszutesten.

Ich denke, der Hersteller sollte etwas mehr für die Stabilität tun. Die angegebenen 200g habe ich nicht erreicht, aber die Flugleistung ist trotzdem ausgezeichnet. Auch die Bauanleitung sollte ergänzt werden, Thermikfläche und Doppelnutzung müssen berücksichtigt werden.

Nachtrag im April 2004: Ich habe den KOFFERBOY inzwischen etwas ausgiebiger geflogen und weitere Erfahrungen gesammelt.

Für den Hochstart habe ich aus einem gefalteten Stahldraht einen Haken gebogen und die beiden Enden als Rumpfauflage ca. 1cm V-förmig auseinandergebogen. Das Ganze wird 2cm vor dem Rohrholm unten von außen auf den Rumpf geklebt und mit einem Stück Glasfaservlies und Epoxi fixiert. Der Hochstart mit 30m Gummischlauch 6mm und 100m Nylon 0,3mm geht sehr gut, das Modell liebt allerdings beim Start eine Anstellung von etwa 30°.


Querruderansteuerung und Hochstarthaken

Das Fliegen am Hang geht mit beiden Versionen sehr gut, allerdings ist die transparente Bespannung in der Luft bei Gegenlicht zur Erkennung der Fluglage untauglich. Man muss im 1/10-Sekundentakt mitdenken, wie der Flieger gerade auf das Steuerkommando reagiert hat. Der fehlende V-Knick der Flügel tut in größerer Entfernung ein Übriges zur Desorientierung. Ein dutzend Mal hat mich in solchen Situationen nur die ausreichende Höhe und die außerordentliche Wendigkeit gerettet. Unterschiedliche, kontrastreiche Farben auf Ober- und Unterseite sind hier sinnvoll.

Beim Hochstart in der Ebene ist das Modell direkt über dem Piloten nur schwer auf Thermikleistung zu fliegen. Die geringe Eigenstabilität und die schwierige Einschätzung der Kurvenlage führen zu unnötigen Höhenverlusten. Aber das ist halt bei allen Modellen ohne V-Form so.

Das Modell hat sich in der Thermikversion als mein bestes Modell für schwache Bedingungen erwiesen. Auch riskante Flüge bei einem Hauch von Wind über ein baumbestandenes Tal 5m über den Kronen mit minimaler Abendthermik waren machbar. "Normale" Bedingungen reißen die Kiste förmlich nach oben. Im Vergleich mit Hochleistungs-HLGs neuester Technologie konnte das Modell bei schwachen Bedingungen mithalten.

Bei starkem Wind sind beide Varianten nicht so sehr brauchbar. Bei dem geringen Gewicht fehlt einfach der Durchzug. Außerdem ist der Rumpf für unvermeidbare rauere Landungen nach meinem Eindruck zu empfindlich.

Weitere Schäden an Rumpf und Flächen sind übrigens nicht mehr aufgetreten. Die Robustheit dank der Verstärkungen und der Bespannung ist offensichtlich für normalem Flugbetrieb ausreichend.

 

Stand: 11.07.2004