Alpines Segelfliegen Teil 3
Hangflugwoche am Hahnenmoospass

Thommy Seidel

RC-Network on Tour...

Seit vielen Jahren fasziniert mich das Modellsegelfliegen in den Bergen. Die Möglichkeit, direkt auf Augenhöhe Kunstflug zu machen, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund mehrere hundert Meter ins Tal hinunterzufliegen, um nachher in der Thermik wieder hochzukurbeln, übt auf mich einen fast magischen Reiz aus.

Deshalb stelle ich mir seit Jahren verschiedene Fragen:
Wie kann ich diese Faszination auch anderen vermitteln? Wie kann ich „Flachländer“ ans alpine Hangfliegen heranführen und welches Gelände ist am besten geeignet? Die Antworten auf diese Fragen reiften über den Winter und im Januar war klar, das geeignetste der mir bekannten Geländen ist das Hahnenmoos bei Adelboden im Berner Oberland. Nach einem kurzen Emailverkehr mit den Sporis vom „Berghotel Hahnenmoospass“ war klar: RC-Network, Thommy Modellbau und das „Berghotel Hahnenmoospass“ veranstalten von 5. bis 12.6. 2004 ihre erste Alpine Hangflugwoche im Rahmen von „RC-Network On Tour“.

Schon nach der ersten Veröffentlichung im RC-Network-Forum war klar, dass reges Interesse seitens der Forumsteilnehmer besteht. Insgesamt mehr als 30 Teilnehmer von Hamburg bis Zürich, von Essen bis München fanden sich schließlich zur Premiere im Berner Oberland ein.


Das Berghotel Hahnenmoospass

Am Hahnenmoospass stehen verschiedene Hänge zur Verfügung, die sowohl dem Anfänger die natürliche Angst vor der „Tiefe“ nehmen, als auch dem Experten eine Herausforderung bieten können.

Direkt am Hotel können die Alpinflugfrischlinge erste Erfahrungen sammeln und sich an die hochalpine Umgebung und die dünne Luft auf 2000m NN gewöhnen. Wer hier absäuft, kann problemlos auf grünen Wiesen außenlanden. Bis zur Mittagszeit bleibt man meist in Hotelnähe, die richtige alpine Thermik ist ohnehin erst ab der Mittagszeit zu erwarten.


Hotel, Skilift und Bänkli vom Schalmi gesehen

Dann stehen neben den Hängen Schalmi, Skilift und Bänkli in unmittelbarer Hotelnähe mit Lavey, Luegli und Metsch drei weitere Hänge zur Verfügung, die dann das richtige Hochgebirgsgefühl aufkommen lassen. Steigen jenseits der 4m/s Grenze ist hier im Juni oft ab Mittag eher die Regel als die Ausnahme.

Das morgendliche Fliegen beginnt meistens mit HLGs oder F3B/F3J/F3F direkt am Hotel oder am Skilift in unmittelbarer Nähe. Der Skilift ist auch bestens geeignet, um später Großsegler mittels Gummistart in die Luft zu bringen. Hier findet man oft schon nach dem Frühstück gute Thermik.


Startstelle Skilift Blick in Richtung Lenk

Der Schalmi ist der Haushang quasi neben dem Hotel. Hier kann bei West- und Ostwind geflogen werden. Letzteren bezeichnet man als Bise. Richtung Osten fällt der Hang extrem steil und felsig ab, eine Außenlandung ist zwar auch hier möglich, bedeutet aber immer ein Risiko und ist mit einem längeren Spaziergang verbunden.


Schalmi Ostseite Richtung Adelboden

Gelandet wird deshalb immer auf der Westseite. Hier hat man eine große Grasfläche zur Verfügung. Wer nicht ganz so geübt ist im Landen, läuft einfach ein paar Meter den Berg hinunter und hat es dann im weniger steilen Bereich deutlich einfacher. Trotzdem ist es am Schalmi nicht so einfach zu landen, wie der erste Blick vermuten ließe. Bei stärkerem Ostwind bildet sich ein tückischer Leerotor aus, der selbst manch’ geübtem Piloten schon Bastelstunden im Hotel beschert hat. Bei Westwind besteht dagegen die Schwierigkeit darin, dass mit Rückenwind gelandet werden muss, wodurch die Modelle in der ohnehin schon sehr dünnen Luft noch schneller daherkommen.


Westseite Schalmi vom Hotel aus betrachtet

Während bei Ostwind vornehmlich im Hangwind geflogen wird, ist die Westseite mehr für Thermikflüge bekannt.
Sehr beliebt ist der Schalmi auch bei Anhängern des Dynamic Soaring, da er in einem bestimmten Bereich nach beiden Seiten steil abfällt und somit beste Voraussetzungen vorhanden sind. Natürlich nur, wenn es nicht zu voll ist und niemand gefährdet wird.

Am Fuße des Schalmi vorbei führt der Weg zum Metsch. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten, das Fluggelände zu erreichen. Zwei Wege führen um den Berg herum und einer, an einem Grat entlang, steil nach oben.


Metsch vom Hotel aus gesehen

Egal welchen Weg man wählt, nach spätestens einer Stunde ist man an der Startstelle. Man hat dann Richtung Westen einen begrünten Kessel vor sich. Ab ca. 13 Uhr entwickelt sich hier die Thermik. Bei gutem Westwind kann man die Modelle schon von der Hotelterrasse aus herumheizen sehen. Bisher war einer der größten Vorteile des Metsch das Restaurant in unmittelbarer Startplatznähe. Kaffee und Kuchen auf der Terrasse mit der einmaligen Aussicht sind alleine schon den Aufstieg wert. Allerdings sollte man sich vorher erkundigen, ob das Restaurant geöffnet hat.


Blick von der Startstelle zum Restaurant

Ich habe mit dem Metsch eher weniger Erfahrung. Irgendwie war ich wohl die wenigen Male zum falschen Zeitpunkt oben und das Steigen war für Hahnenmoosverhältnisse eher mäßig. Vielleicht hängt das aber auch damit zusammen, dass sich bei Westwind mit dem Lavey eine großartige Alternative bietet, die ich persönlich bevorzuge.

Den Lavey erreicht man nach ca. 30 min wandern vom Hotel aus. Es geht hierbei am Skilift vorbei den sehr steilen Berg hinauf. Vor allem mit größeren Modellen ist es eine ziemlich anstrengende Schinderei. Nach den ersten Flugminuten ist das aber wieder vollständig vergessen.


Start eines Swift S1

Die Startstelle befindet sich ca. 150m über dem Hotel. Richtung Nordwesten liegt ein riesiger Kessel mit steinigem Untergrund, der von der Sonne gut aufgeheizt wird und am Nachmittag dann für Hammerthermik sorgt. Steigen mit mehr als 4m/s ist am Lavey keine Ausnahme. Hier hat man also das ideale Gelände, um mal zu testen, wie schnell ein F3B/F3F-Modell wirklich wird und was im Kunstflugsegler tatsächlich drin steckt. Wer allerdings im falschen Moment startet, findet sich im Handumdrehen 150m tiefer mit Kämpfen beschäftigt wieder. Außerdem ist das Landefeld am Lavey relativ klein und uneben. Während der Modellflugwoche stellten sich die Neulinge nicht selten die Frage, wo man dort überhaupt landet. Unter Anweisung kamen dann aber doch die meisten nach kurzer Eingewöhnungsphase damit zurecht. Wer gut zu Fuß ist und in steilem, unebenen Gelände klarkommt, ohne immer auf den Weg schauen zu müssen, der kann, wenn der Wind nicht zu spitz kommt, am Skilift starten und mit dem Modell in der Luft zum Lavey hochlaufen.


Landefeld Lavey mit Blick auf Metsch im Hintergrund

Umgekehrt kann man natürlich auch am Lavey starten, Höhe bunkern und dann am Skilift in Hotelnähe wieder landen.

Neben dem Schalmi bietet sich bei Bise (Ostwind) natürlich auch das Luegli an. Nach ca. 45min verhältnismäßig ebener Wanderung, vorbei an Schalmi und Metsch, ist man an der Startstelle.


Wo wird es wohl tragen, rechts oder links des Grates

Man fliegt hier in unmittelbarer Nähe einer beeindruckenden Felswand, die manchen vielleicht von meinen Modellvideos bekannt sein dürfte. Am Luegli hat man eine relativ große grüne Landefläche zur Verfügung. Das Fliegen vor der Felswand ist immer wieder atemberaubend. Ab 13 Uhr setzt hier meist die Thermik ein und hält oft bis zum Abend. Außenlandemöglichkeiten sind allerdings Fehlanzeige und die Chancen, sich eine Beschädigung bei einem Absaufer einzufangen, sind sehr groß.

Deshalb testen erfahrene Piloten hier die Verhältnisse mit Elektromodellen oder mit einem Start an der Gummiflitsche. Durch diesen Start erreichen die Jungs bis zu 100m und können so gefahrlos Thermik suchen.


Landewiese, mit etwas Höhe kann von hinten gegen den Wind gelandet werden

Während der Alpinflugwoche war der Weg leider noch durch ein Schneefeld versperrt, so dass nur wenige Piloten den Weg riskierten.

Neben den tollen Hängen bietet das Hotel auch einen riesigen Bastelraum, so dass jeder die Möglichkeit hat, Schäden vor Ort zu beheben. Je nachdem, was die Piloten mitbringen, wurden hier auch schon komplexe Reparaturen durchgeführt. Nicht wenige Piloten haben dann festgestellt, dass sie am Hahnenmoos eigentlich mehr Platz zum Basteln haben, als in der heimischen Eigentumswohnung.


Mancher Bruch ist dank nächtlicher Bastelstunden am nächsten Tag wieder in der Luft

Einen maßgeblichen Anteil am Gelingen solcher Veranstaltungen hat natürlich das Wetter. Bei der Anreise war noch deutlich zu erkennen, dass dieser Winter besonders schneereich gewesen ist. Durch die intensive Sonneneinstrahlung nahmen aber die Schneereste zusehends ab. So waren die Verhältnisse bald optimal für ausgedehnte Thermikflüge.

Durch das fantastische Wetter war es möglich, schon zu Frühstückszeiten am Hotel zu fliegen. Tagsüber ging es dann, je nach Wetterlage, an die unterschiedlichen Hänge, und erst mit dem Sonnenuntergang fand das rege Treiben am Hotel wieder ein Ende.


Direkt am Hotel fliegen, wo gibt es so was schon

Die Mischung aus erfahrenen Piloten und Neulingen erwies sich als sehr gut. So konnten im Bedarfsfall die alten Hasen den Newcomern nicht nur ihr Wissen weitergeben sondern auch tatkräftig zur Seite stehen. Durch die verschiedenen einfachen Hänge konnte aber jeder auch seine eigenen Erfahrungen machen, was sich vom Lerneffekt her als sehr nachhaltig erwies.

Besonders bei denen, die das erste mal in so einer Umgebung geflogen sind, war interessant zu beobachten, wie sie sich am Anfang kaum trauten, jemand am Schalmi ihr Modell rauswerfen zu lassen.


Start eines Lunak am Schalmi

Nach ein paar Tagen hatte sich das aber schnell geändert, und die gleichen Piloten starteten, im Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, auch bei weniger eindeutigen Verhältnissen am Lavey ihr Modell.

Und wer erste Eindrücke vom Hahnenmoos in bewegten Bildern sehen möchte, der findet sie hier (4,66 MB DIVX-Codec notwendig).

Nachdem die Begeisterung durchweg hoch war und auch schon Wünsche auf Wiederholung laut wurden, habe ich das Ganze schon für das nächste Jahr wieder klar gemacht.

Vom 11.6. bis zum 18.6.2005 heißt es im nächsten Jahr wieder RC-Network.de, Thommys.com und das Berghotel Hahnenmoospass laden ein zur 2. Alpinen Hangflugwoche.

Bilder und Kommentare zur Veranstaltung findet man im Forum von RC-Network.de und unter Modellfluggeil.ch. Details zu den Hängen sind im RC-Network Hangflugführer online.

Der besondere Dank geht an Dr. Kimble, Volker Bosserhoff und Werner Caviezel für das Bildmaterial.

Stand:28.08.2004