M 23: Nostalgie verlaß mich nie...

Thomas Dreyer

Ende der 70er Jahre, also zu einer Zeit, als ich noch mit einer kleinen Collie I das Segeln lernte, entstand in der Werkstatt von Werner Peukert dieses M-Boot mit der Baunummer 23. In dem Fachbuch "Marblehead Boote" von F.K. Ries wird die Entstehung eines solchen Rumpfes aus Zedernholz anhand von Baustufenfotos recht ausführlich gezeigt, allerdings nicht das fertige Boot. Die hervorragende Bauausführung kann man ohnehin eigentlich nur am realen Boot erkennen. Werner Peukert, inzwischen verstorben, hat damals etliche Boote in ähnlicher oder auch gleicher Ausführung in den Klassen X, M und 10R gebaut und einige davon auch an Segler verliehen.

 
M 23 ging nach Fertigstellung in den Besitz von Horst Krönke über, G 31, einem damals sehr aktiven Modellregattasegler. Das Boot war bei ihm bis 1987 im Einsatz und es hat dabei neben vielen Veranstaltungen in Deutschland auch an Regatten in England, Norwegen, Österreich und der Schweiz teilgenommen. Es war also alles andere als ein Schönwetterboot.

1988 habe ich es dann bekommen, allerdings nicht, um damit noch Regatten zu segeln. Bis auf den etwas stumpfen Lack und ein paar kleineren Gebrauchsspuren war das Boot trotz des intensiven Vorlebens in einem guten Zustand und ich habe damals nur sehr wenig renoviert. Das Holz ist völlig intakt, obwohl das Boot leicht undicht war und leider immer noch ist und daher häufig im Inneren etwas Wasser herumschwappt, wenn es bei frischem Wind gesegelt wird. Einzig die stark verrundete Rumpfkante weist sichtbare Alterungserscheinungen auf, da einige Stoßstellen der einzelnen Massivholz-Stücke dieser Kante leider immer wieder etwas aufreißen und dort dann der Lack absplittert.

Auch die neue Lackierung hat an diesen Stellen bereits nach kurzer Zeit wieder versagt. Irgendwann muss ich wohl in den saueren Apfel beißen und die gesamte Außenlackierung abbeizen und neu mit Bootslack (oder G4) aufbauen. Die Schotführung wurde etwas geändert und das ursprünglich extrem große Ruderblatt um gut 1/3 verkleinert.

Auch der Segelsatz ist nach wie vor einwandfrei. Es ist allerdings nicht mehr der ursprüngliche Satz aus einteiligem Dacron, sondern Anfang der 80er von Winfried Weiss (Hamburg) bereits durch einen aus Mylar gefertigten ersetzt worden. Die Segel entsprechen der damaligen Naviga-Richtlinie mit einer gleichmäßigen und damit noch richtig harmonischen Achterlieksrundung.

Unverändert blieb auch die Fernsteuerung, eine der früher sehr verbreiteten Graupner-Anlagen aus dem Hause Grundig, die just bis vor kurzem noch gut ihren Dienst tat. Ausgerüstet ist sie mit einem für heutige Verhältnisse langsamen Linearservo für die Rudersteuerung und natürlich mit der bekannten, sehr lauten Graupner/Schuhmacher Segelwinde, deren Getriebe leider auch im hohen Alter nicht leiser geworden ist.

Die Anlage ist in einer separaten, herausnehm-baren Plexiglas-Box montiert, die nur mit einer Schraube im Boot befestigt wird und so sehr schnell auch in einem anderen Boot montiert werden konnte. Es ging damals eben noch nicht um das Gewicht sondern um die praktischen Vorzüge beim Einsatz verschiedener Boote. Die Plexiglas-Box wiegt allein schon so viel, wie heute eine komplette Fern-steuerung.

 
Der abnehmbare, sehr großflächige Kiel besteht im Kern aus Aluminiumblech, dem offenbar mit viel Polyesterspachtel ein Profil gegeben worden ist. Mit deutlich über 0,5kg ist er gewichtsmäßig ebenfalls weit von den heutigen Kohlefaserflossen entfernt. Ursprünglich kamen dazu zwei Bleibomben mit ca. 4,5kg und 4kg, je nach Wetter, zum Einsatz. Aber bereits mit dem 4kg Gewicht tauchte der flache Heckspiegel ins Wasser ein, und bei den 4,5kg bin ich im Zweifel, ob die je benutzt worden sind. Ich habe die 4kg Bleibombe hinten abgefeilt und so auf ca. 3,5kg reduziert, wodurch der Spiegel jetzt völlig frei über der Wasserlinie liegt, ein sauberer Wasserablauf gegeben ist und damit das Boot in meinen Augen harmonischer im Wasser liegt. Den Verlust an aufrichtendem Moment kann das Boot gut verkraften. Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Boot mit dem recht weit hinten angeordnetem Rigg und Kiel für stärkeren Wind konzipiert worden ist und dafür das eintauchende Heck in Kauf genommen wurde. Soweit ich weiß, soll W. Peukert damals verschiedene, aber dennoch sehr ähnliche Boote gebaut haben, die für unterschiedliche Windbedingungen gedacht waren. Leider habe ich bis heute aber keines dieser Schwesterschiffe gesehen.

 
Die Kiel-Rumpf Verbindung ist ausgesprochen aufwendig gestaltet: Der Kiel sitzt mit einer relativ breiten Aluminiumfläche stumpf am Rumpfboden, in dem dort außen als Gegenstück ebenfalls eine Aluminiumplatte passgenau eingearbeitet ist. Wie das genau angefertigt worden ist, kann ich leider nicht sagen. Es sieht nicht nur sehr sauber aus, sondern hat auch exakt passende Übergänge! Der Kiel wird lediglich mit einem M8-Bolzen verschraubt. Erstaunlich, dass diese Konstruktion, trotz der erheblichen Hebelkräfte, auch heute noch einwandfrei in Schuss ist. Das Ruder ist durch eine Steckruderachse aus Messingrohren mit einem Schnappverschluß abnehmbar - ebenfalls eine original W. Peukert Konstruktion.

Das knapp 2m hohe Rigg hat zwar etwas eigenwillige, aber immer noch klassische Proportionen mit einer auffallend schmalen, kleinen Fock und einem sehr großen, breiten Großsegel. Fast wie bei einem Drachen.


Es steht, wie gesagt, recht weit achtern und der Bug wird damit entlastet. Allerdings erzeugt das breite Großsegel in Böen leider ein recht kräftiges Luvmoment, auch wenn das Boot ansonsten neutral segelt. Zur damaligen Zeit hat man noch nicht mit max. 9 verschiedenen Segelsätzen während einer Regatta hantiert, sondern dieses eine Rigg war die Universallösung und hatte über die Segeleinstellung alles zu verarbeiten.

Der gar nicht mal so schwere und doch stabile Mast aus Kiefernholz steht auch heute noch unverspannt  schnurgerade. Er ist nach oben hin konisch zugeschliffen und hat zur Großsegelbefestigung ein als Keep dienendes Alurohr eingearbeitet, womit das Holz auch bei Regen und einem nassen Segel sehr gut geschützt ist. Warum die sehr breite Saling recht hoch und so breit ausgeführt wurde, kann ich mir weniger erklären. Das Jumpstag allerdings erfüllt seinen Zweck und versteift den Masttop wirkungsvoll.

Eine weitere Besonderheit zeigt die Auslegung der beiden Segelbäume, deren Drehachsen kugelgelagert und herausnehmbar im Deck befestigt sind. Auffallend ist hier der sehr große Abstand der Drehachse zur Vorderkante der Segel. Damit werden die Segel beim Fieren deutlich bauchiger, als sie es im dichtgeholten Zustand an der Kreuz sind. Eine automatische Profilverstellung also.

Sie sollen so auf raumen Kursen mit viel Profiltiefe mehr Kraft liefern. Allerdings verliert man platt vor dem Wind auch einiges an projektierter Fläche, besonders bei der sehr schmalen und kleinen Fock.

 
Klasse sind die Rumpflinien, auch heute noch! Das jetzt immerhin noch gut 6,5kg schwere Boot geht bei entsprechend frischem Wind hervorragend balanciert raumschots durch die Wellen und hat dabei einen wunderschönen Wasserverlauf. Verursacht durch ein schlankes, V-förmiges Vorschiff, welches weich und elegant durch das Wasser geht und dabei einiges an Auftrieb liefert. Leider ist im Gegensatz dazu das zwar flache, aber recht bauchige Heck die Schattenseite des Rumpfes. Um das damals nötige Gesamtgewicht tragen zu können, mußte halt irgendwo die Verdrängung her kommen.

 
Dieses Heck hat leider deutliche Saugeigensschaften, d.h. wenn das Boot in einer Böe eigentlich richtig einen auf Speed machen will, saugt sich der Rumpf hinten erkennbar ins Wasser - und bremst sich damit aus! Würde man diesen Rumpf heute als Vorbild für einen Neubau nehmen, so könnte man das Vorschiff so belassen und aufgrund der heute nur noch knapp 5kg schweren Boote das Achterschiff deutlich gestreckter zeichnen.
Mir wurde erzählt, dass seinerzeit einmal ein Originalrumpf dieses Typs während einer langen Regattanacht in einer Hau-Ruck Aktion angeblich illegal abgeformt wurde und eine Negativform erstellt worden sei. Ein gutes Zeugnis für die Leistung des Rumpfes auf der einen Seite, aber W. Peukert soll, so heißt es, darüber lange Zeit verstimmt gewesen sein. Günter Voelz aus Berlin hatte Anfang der 90er Jahre nochmal ein derartiges Boot mit einem Kohlefaserrumpf und, dem Stand der damaligen Technik entsprechend, mit Walicki-Drehmast gebaut. Das lief gar nicht schlecht, auch wenn der Rumpf natürlich nicht mehr mit über 6kg belastet wurde und er mit der entsprechend deutlich geringeren Verdrängung nicht mehr ganz optimal im Wasser lag.

Wenn man die M 23 heute segelt, so ist der Entwicklungssprung der M-Boote in den letzten 20 Jahren nicht zu übersehen, nicht nur was die reine Leistungsfähigkeit der Boote angeht. Dieses Boot, obwohl ja damals als eine reine Regattayacht konzipiert, ist jetzt doch eher ein ruhiger Genießer und kann heutigen Konstruktionen leider nicht mehr das Wasser reichen. Das resultiert aus dem hohen Gewicht und der großflächigen Anhänge einerseits als auch aus der Ausführung des Riggs andererseits. Es ist allerdings auch heute noch auf speziellen raumen Kursen mit einer guten Portion Wind in den Segeln ein überraschend schnell werdendes Schiff, dem man wegen seiner schon klassischen Linien beim Segeln einfach gerne zuschaut. Die reine Segelleistung ist ja nicht alles, was Spaß machen kann.

Es ist schade, dass man von diesen alten Booten, von denen es ja einige gegeben hat, so gar nichts mehr sieht. Wo sind die denn alle versteckt? Ein "Oldtimer"-Treffen wäre doch mal eine nette Idee, bei dem all’ die guten alten Stücke mal wieder betrachtet und auch gemeinsam gesegelt werden könnten.

In England und Amerika, man kann schon sagen "wo auch sonst", gibt es solche Treffen, bei denen dann 50 und mehr Jahre alte Boote, teilweise liebevoll restauriert, zu sehen sind. 
Das hat was.

 

 

Stand:17.10.2006