Pilotenpuppen aus eigener Produktion

Henner Trabandt

Wo bekomme ich eine Pilotenfigur für meinen neuen Flieger her? Wenn man einschlägige Foren durchstöbert, stößt man häufig auf diese Frage und dabei immer auf die gleichen Antworten. Es gibt wirklich fantastische Figuren zu kaufen, sogar maßangefertigt und mit allen Details ausgestattet, aber diese haben auch ihren Preis. Oder man nimmt ein Produkt von der Stange, begnügt sich mit einem asiatisch dreinblickenden ABS-Kerlchen, welches aber oft im Maßstab nicht passt und außerdem noch zu bemalen ist.

Einen Weg aus diesem Dilemma will ich in der folgenden kurzen Bildergeschichte aufzeigen. Es ist wirklich einfach und auch spaßig, mal ein kleines „Kunstwerk“ zu schaffen, das keine Flügel hat und auch keinen Motor braucht. Kosten entstehen nur in sehr begrenztem Umfang und mit etwas Übung (die haben wir ja beim Bauen von Flugzeugen auch erst erwerben müssen) gelingt so ein Pilot in gut einer Woche.

So, Interesse geweckt? Dann geht’s los. Der Einfachheit halber fertigen wir nur einen halben Piloten. Meistens, so wie im vorliegenden Fall, würden die Beine nur stören oder sich gar in den Steuerseilen verfangen. Das ist ein weiterer Vorteil der Eigenanfertigung. Ich bringe es nämlich einfach nicht übers Herz, so eine Puppe, die ja doch etwas menschliches an sich hat, auf der Bandsäge zu zerteilen.

Hier ist fast alles abgebildet, was zum Bau notwendig ist:
Ein genügend großer Styroporklotz, eine Laub- oder Bandsäge, scharfe(!) Messer, Schleifpapier bzw. Schleifklötze, ein Dremel mit kleinem Fräskopf, Filzschreiber, Schere, Styrospachtel, Uhu-Por und Weißleim, Dispersionsfarbe und das Wichtigste: Der Stoff für die Fliegerjacke samt Futterstoff. Als Stoff habe ich einen Rest Microfaserstoff (Alcantara) vom Polsterer bekommen. Dünnes Handschuhleder eignet sich ebenso wie Reststücke vom Täschner oder Schuster. Fragen lohnt sich, an Reste kommt man sehr günstig gegen eine kleine Spende in die Kaffeekasse. Nur der Kunststoff für die Fliegerbrille und die Uniformknöpfe haben nicht aufs Bild gefunden. Für die Abmessungen des Piloten als Ganzes hat ein Modemagazin gute Hilfe geleistet. Hinten gibt’s meistens brauchbare Bilder von den Gentlemen, bei denen man ganz ungeniert Maß nehmen kann. Geht man von einer Pilotengröße (1:1!) von 180cm aus, ist je nach Maßstab die Gesamtlänge schnell ausgerechnet.

Die Konturen werden auf das vorbereitete Stück Styropor mit Filzstift übertragen und grob ausgesägt. Etwas Übermaß stehen lassen, weggeschliffen ist das nachher schnell. Aber wenn es doch nicht passen sollte, aufspachteln ist fast genauso leicht.

Das Gleiche von der Seite. Die Abschnitte aber nicht wegwerfen, daraus schnitzen wir später noch die Arme. Bevor wir mit Raspel, Messer und Dremel anfangen, das Gesicht zu formen, muss die Halswirbelsäule verstärkt werden, denn das ist nicht nur bei Piloten ein empfindlicher Bereich. Ein 6mm Loch wird von oben durch den Kopf gebohrt, mindestens so tief, dass Kopf, Hals und 2cm vom Körper durchbohrt sind. In diese Operationswunde wird ein Rund- oder Vierkantstab (Balsa ist fest genug, wir müssen ja das Gewicht beachten) eingeleimt und das Loch am Kopf mit etwas Styropor wieder verschlossen. Dann wird geschnitzt, gefräst und geschliffen. Dabei ist es schwierig, vorher genaue Konturen aufzuzeichnen, man muss sich von der Intuition leiten lassen: „In jedem Stein steckt eine Skulptur, wenn Du alles Überflüssige weg schlägst“, sagte mir mal ein begnadeter Künstler. Vorbilder? Neben Dir laufen ja noch ca. 6 Milliarden weitere herum, da kann man schon fündig werden, nur keine Angst!

Jetzt braucht er noch einen makellosen Teint. Dazu mischen wir Dispersions-Abtönfarbe oder Wasserfarbe (nur Erstere ist wasserfest) in den Tönen Ocker und Braun mit etwas Weiß und Styroporspachtel oder Microballons und pinseln die Mischung auf das Gesicht. Dabei werden Poren und kleinere Unebenheiten verspachtelt. Für die Augen wird Weiß mit viel Spachtel angedickt und als Tropfen aufgetragen. Nach dem Trocknen noch die Iris, Mund und Augenbrauen aufmalen und schon geht es ins Mode-Designer-Atelier.

Mit der Fliegerhaube kann man erste Erfahrungen sammeln: Alcantara ist nur wenig elastisch, deshalb müssen die Einzelteile möglichst gut passen. Die Haube besteht aus drei Teilen, die am Besten zuerst als Schablone gefertigt werden und danach erst auf den Stoff übertragen werden. Geklebt wird auf Stoß mit Uhu-Por und direkt auf den Kopf. Unten ist im Beispiel die Haube nicht geschlossen, sondern die Innenseiten sind mit Watte (Wattebinde oder Synthetikwatte) gepolstert, denn der Pilot soll ja am Boden wirken. Da hat er aber vor dem Start die Haube noch nicht geschlossen, sonst würde er zu sehr schwitzen.

Jetzt können die Arme angefertigt werden. Oberarme und Unterarme können aus den Abschnitten, die links und recht vom Kopf abgefallen sind, geschnitzt und rund geschliffen werden. Dann leimt man kurze Hölzchen ein, bohrt 1.5mm Löcher in die Mitte und verbindet die Gliedmaßen mit kurzen Kupferdrähten. Das ergibt eine gewisse Beweglichkeit, welche man spätestens im nächsten Arbeitsschritt zu schätzen lernen wird. Aber Vorsicht! Leicht bricht so ein Styropor-Arm ab, was zwar eigentlich nicht schlimm ist, denn so ein Armbruch ist schnell geklebt, aber es hält doch den Bau etwas auf.

Die Jacke wird aus vier Teilen geschneidert, zwei mal wird der Ärmel ausgeschnitten. Auch hier leistet wieder die Schablone gute Dienste. Am Besten werden die Schablonenstücke aus Reststoff geschnitten und immer wieder angepasst. Genäht wird allerdings nicht, Die Stücke werden einfach mit minimaler Überlappung aneinandergeklebt.

Erste Anprobe, die rechte Jackenhälfte sitzt schon ganz gut. Wieder ausziehen und den Ärmel in die Jacke kleben. Die linke Hälfte wird spiegelbildlich aufgebaut. Erst die rechte, dann die linke Hälfte anziehen und miteinander verkleben. Hinten eine ganz schmale Überlappung, vorne überlappt die linke Seite die rechte um Armesbreite oder besser noch etwas mehr.

Oldtimerjacken sind geknöpft, bei den besseren Ausführungen, und nur diese wollen wir uns hier leisten, immer zweireihig. Deshalb werden mit der Lochzange reichlich Knöpfe ausgestanzt und einfach aufgeklebt.

Für die Pilotenbrille fertigt man sich auch zuerst eine Pappschablone. Es gibt wahrscheinlich so viele verschiedenen Brillen wie Piloten, deshalb ist die Form fast egal. Die Brille sollte nur minimal breiter  als das Gesicht und in der Mitte geknickt sein, um die Kopfform einigermaßen zu treffen. Wenn die Form gefällt, wird anhand der Schablone aus einem gut klebbaren glasklaren Kunststoff die Brille ausgefräst und an der gewünschten Stelle am Kopf mit wenig glasklarem Kleber fixiert. Ich schiebe die Brille gerne etwas nach oben, weil ich finde, dass das etwas mehr Kontrast in die Figur bringt, habe dem Piloten die Brille auch schon über die Augen gezogen. Das kann natürlich jeder so machen, wie es ihm am besten gefällt. Zum Schluss umklebt man die Brille noch mit einem ganz schmalen Lederstreifen, um den Spalt zwischen Brille und Gesicht zu schließen und bringt das Halteband, ebenfalls ein schmaler Lederstreifen oder ähnliches Material, an.

Jetzt fehlen noch die Hände. Da der Pilot im Flugzeug den Steuerknüppel festhält, werden die Hände in Greifstellung gefertigt. Aus festerem Schaum (Styrodur) ist das schnell geschnitzt und fein geschliffen. Allzu detailliert braucht das nicht zu sein, denn der Pilot hat ja stets Handschuhe an. Handschuhleder aufzukleben ist aber hier nicht nötig, denn der Schaum hat nach dem Schleifen fast schon die ideale Oberflächenstruktur. Einfach nur schwarz oder dunkelbraun anmalen und nach dem Trocknen mit den Armstümpfen verleimen. Kurze Holz- oder Drahtstücke erleichtern diese Verklebung ungemein.

Fertig! Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pilot in Windsock-Datafile ist wohl zu erkennen, gleichwohl trägt er auch eigenen Züge. Ach ja, warum er so grinst? Nun ganz einfach: Er darf aus  Spaß fliegen und muss keine Kampfeinsätze auf Leben und Tod erleben, denn wir haben Gott sei Dank schon viele Jahre Frieden.

Noch zur Gewichtkontrolle zum Apotheker um die Ecke: Für eine Halbfigur im Maßstab 1:5 sind knapp 39 g ein Wert, bei dem keine weiteren diätetischen Maßnahmen erforderlich sind.

Jetzt noch der Einbau im Modell. Ja, wo sitzt er denn nun eigentlich? Im Doppeldecker war die Sicht nach vorne bei fast allen mir bekannten Mustern äußerst bescheiden. Es bringt auch nichts, unserem Piloten zu einer besseren Sitzposition zu verhelfen, machen wir es ruhig vorbildgetreu. Wenn man keine Originalaufnahmen besitzt, aus denen man die genaue Sitzhöhe ablesen kann, setzt man den Pilot so ins Flugzeug, dass eine gedachte Linie über die Motorhaube das Gesicht des Piloten irgendwo zwischen Nasen- und Kinnspitze trifft.

Noch ein Bild von einem anderen Modell. Ohne Pilot würde das für mich nur halb fertig aussehen.

 

Stand: 22.10.2006