Home of Speed 2006

Mario Roos und Hartmut Siegmann


Beachlike – Der Sponsor ist nicht zu übersehen.

Nur ja nichts vergessen!

Beim Packen war an alles zu denken: Schminktäschchen, Spiegel, Taschentücher, Zahnbürste und das Schweißgerät mussten mit - nur das Nötigste! Der Weg war weit, die Gefahren unvorhersehbar. Den Führerschein lässt man am Besten zu Hause liegen, wenn man vom Speed-Dämon besessen ist. Das wird kein Kindergeburtstag im Norden der Republik.

Achmer, nahe Osnabrück. Unter den Fliegern aller Generationen bekannt für seinen Flugplatz (EDXA) und seine unnachahmliche Enthaftungserklärung: Falls des Nachts Bomben hoch- oder runtergehen - wir waren es nicht! Stimmt. Die Alliierten haben ihre Liebesgaben damals tief im Sandboden vergraben, damit die Nachkriegsgenerationen ihren Spaß an ausgefallenen Enthaftungserklärungen haben können. Wir betreten historischen Boden. Wo einst das Bodenpersonal Me 262 für ihren Einsatz bereit machten waren nun wieder die Speedflieger zu Gast.


Holger "Kasumi" Mittelstädt.

Ist der Sound der 6,5 cm³ Pylonmotoren schon beeindruckend, drängt sich bei den 15er Motoren ein bedrohlicher Donnerton aus dem Resorohr, der den Finger so sicher zum Ohr bringt, wie der Herrgott den Pfarrer sonntagmorgens in die Kirche. Der ungefilterte, nicht durch Sound Engineering verhunzte Motorsound freut das Trommelfell. Kein Lautsprecher der Welt kann diese Musik spielen, die da über der Heidelandschaft erklang. Kakophonie zwischen Kolben und Zylinder, die Tüte sorgt für ballige Dröhnung.

Diese Faszination brachte 2006 wieder Teilnehmer und Zuschauer zusammen. Nach Osnabrück 2004 und Dachau 2005, ging der Speedcup nun in die 3. Runde der Neuzeit. Wieder zurückgekehrt nach Osnabrück zum MFC Osnabrück e.V., dem Heimatflugplatz des Initiators Holger Mittelstädt.

 

Home of Speed

„When the startflag drops, the bullshit stops“. Dieser alten Rennsportweisheit folgend wurde das Rennen eröffnet. Jetzt werden die Buben von den Bübchen getrennt! Nach dem Pilotenbriefing, das von herzlicher Diskussionsfreude geprägt war, rief der Wettbewerbsleiter Hermann Lewandowsky zum Gebet: „Startgruppe 1 vorbereiten!“ Das war ein klares Wort und es fand Gehör. Die 400er Marke sollte heute fallen, so das erklärte Ziel und der fromme Wunsch der Piloten. Nach dem Freitagstraining, das die ersten Modelle nicht überlebten, ließ sich erahnen, dass nur fester Glaube die Hoffnung aufrechterhalten könnte.

Beim Versuch an der magischen 400er Marke scheiterte das eine oder andere ehrgeizige Projekt schon Wochen vor dem Wettbewerb. Zum Beispiel hatte das Projekt von Orris Guntersdorf und Mario Roos zwei Wochen zuvor einen kapitalen Motorschaden durch einen angesaugten Partikel. Herkunft unbekannt, vielleicht eine gebrochene Glühkerzenwendel. Das war das Ende für den wunderschönen 13,4 cm³ Motor, der in der Kürze der Zeit nicht mehr aufgebaut werden konnte. Somit fanden sich unverhofft zwei Freiwillige, um die Messanlage zu bedienen.


Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Die rot-weißen Bockwürstchen markieren eines der "Messtore".


Hightech made in München: Zeitmessbox mit der von Kai Koppenburg entwickelten Platine zur Auswertung der gemessenen Signale.


Hightech made in Diebachtal: Die Sensorboxen, die Mario Roos gebaut hat.

Messtechnik

Doch wie wird überhaupt gemessen? Wurde von den hippen 70er Jahren bis in die grauen 90er per Stoppuhr und guter oder weniger guter Reaktionszeit der Sporthelfer gemessen, wurden 2004 und 2005 per akkustischer Dopplermessung und teilweise mit Radarpistole (Stalker Pro) die Spreu vom Weizen getrennt. Bei Geschwindigkeiten von über 300 km/h war das schon ein Quantensprung in Sachen Messgenauigkeit. Für 2006 wurde beschlossenen, sich an eine noch wesentlich exaktere Messanlage zu machen.

So wurde bereits kurz nach dem 2005er Speedcup eine kleine Projektgruppe gegründet, gefördert vom „RC-Network Modellsport e.V.". Nur dank dieser Unterstützung konnte das Projekt verwirklicht werden. Maßgeblich in der Hexenküche beteiligt waren Kai Koppenburg (Auswertungselektronik/Stoppuhr) und Mario Roos (Sensoraufbau/Gehäusebau, Verkabelung, Betatests/Feinabstimmung). Das Ergebnis monatelanger inspirativer und vor allem transpirativer Arbeit sieht so aus:

Das System bestand auf dem Wettbewerb seine Feuertaufe. Es lieferte belastbare Ergebnisse und wird auch bei der einen oder anderen Speedmessung in Zukunft für genaue Ergebnisse sorgen. Kais Auswerteelektronik funktionierte reibungslos. In der Nacht von Freitag auf Samstag wurden auch noch ein paar Softwareänderungen im Container des MFC Osnabrück durchgeführt. Der Gaslötkolben wurde gezündet und auf die süßen SMD-Bauteile losgelassen. Der Samstag konnte kommen, der Tag des Wettbewerbs.

 

Wettbewerbsbeginn

Den ersten Wertungsflug im Durchgang 1 absolvierte Kai Koppenburg in der Klasse 3, Modelle bis 15 cm³ Hubraum. Der Mittelwert aus Hin- und Rückflug durch die 150 m lange Messstrecke lag bei 284,5 km/h. Die geplante Motorstartzeit von 2 Minuten zum Motoranwerfen wurde noch vor dem Wettbewerb auf die vollen 4 Minuten Rahmenzeit erweitert, weil abzusehen war, dass die 2 Minuten zu vielen ungewerteten Flügen führen würden. Es standen somit volle 4 Minuten Rahmenzeit pro Teilnehmer für Motorstart, Wertungsflug und anschließendes Picknick zur Verfügung, wie die F3D Piloten witzelten. In F3D wird üblicherweise erst 15 s vor dem Startsignal der Motor zum Leben erweckt, um 60 Sekunden später nach Beendigung des Wertungsflugs wieder abgestellt zu werden. Selten läuft ein Motor länger als 75 Sekunden und hier standen sage und schreibe 240 Sekunden zur Verfügung, sofern der Motor sofort anspringt!

Straff organisiert ging es dann durch die Durchgänge, um die Masse der Piloten und Modelle durch möglichst viele Wertungsläufe zu bringen. So quietschte denn auch hin und wieder nach 4 Minuten der Piezo in den Ohren derer, die die 4 Minuten Rahmenzeit überschritten. Ein Geräusch, das selbst gestandenen 15 cm³ verwöhnten Ohren durch Mark und Bein ging..


Kimme und Korn stehts nach vorn – Team Voodoo

Das altgediente F3D „Pylonehepaar“ Georg Schickel und Dieter Bergmann (Team Voodoo) hatte nach hervorragenden Probeläufen am Freitag am Samstagmorgen plötzlich seine Mühe. Nur sprautzelnd nahm der widerspenstige MB40 seine Arbeit auf, wenn überhaupt. Startklemme abgezogen vom Glühzünder, zu fetter Lauf, abstellen. Es würde den Motor ruinieren, ihn so suboptimal weiterlaufen zu lassen. Das Problem wurde dann in hessichem Dialekt ausgiebig analysiert:

Dieter/Helfer:
„Verdammt noch e mal, woran lieschten des?!“
Georg/Pilot:
„Ei, was weiß’n ich was da widder los is!“

Es spielten sich unzählige Dramen ab, die zwischen Materialstörung und Störung zwischen den Ohren des Teilnehmers lagen. Es war spannend, die Auslese enorm. Am Sonntagmorgen traf sich nur noch ein stark dezimiertes Teilnehmerfeld, um die Entscheidung zu suchen. Nun aber zu den parallel ausgetragenen Wettbewerben in den unterschiedlichen Modellklassen.

 

Klasse 1: Motoren bis 3,5ccm Hubraum

Zunächst bleiben wir beim Voodoo Team, denn dieses tanzte wie viele Teilnehmer auf mehreren Hochzeiten. Es wurde in mehreren Hubraumklassen angetreten, unter anderem auch bei den „Dreieinhalbern“. Ein „club20“ Modell mit einem 3,5 cm³ Rossi Motor war die Waffe des Voodoo Teams. Hier lief es deutlich problemloser als mit dem MB40, von Durchgang zu Durchgang steigerten sie sich. Offensichtlich war der Rossi Motor nicht ganz so sensibel, was die Luftdruck- bzw. Wetteränderungen von Freitag auf Samstag anbelangte. Die Devise der Tuningmaßnahmen lautete: Der Propeller kann nicht kurz genug sein! Im letzten Durchgang war er am kürzesten und das Ergebnis 271,7 km/h. Ob das für den Sieg reichen sollte?

Bernd Guntermann (Team Mückenmafia) setzte mit 272,7 km/h im ersten Durchgang eine Marke, die mehrere Stunden bestand haben sollte. Er hatte eine „ariane P5“ mit einem 2,5er Motor geschändet. Wenn das Markus Wanner wüsste! Umso erstaunlicher, dass diese Konstruktion ohne Motorverkleidung eine so hohe Geschwindigkeit erreichte. Er duellierte sich auf wirklich saubersten Durchflügen mit Team Voodoo um Platz 1 und 2. Lachender Dritter im Bunde war aber unser Väterchen (der Bart muss ab!) Dr. Topspeed (Rolf Pietschmann), der aus der Stratosphäre angestochen kam, um die Messstrecke in Angriff zu nehmen.
 

Furchtbar, die Mückenmafia umschwirrte einen permanent. Die "ariane P5" von Carbon-Vertrieb. Man beachte die zum Zweck der Bubbles-Betankung modifizierte Silikonspritze an der Startbox.

In den ersten beiden Durchgängen noch ohne Wertung, verfluchte Rolf zunächst die Messanlage. Dabei muss man nur einigermaßen horizontal durchfliegen, aber beim Anflug aus der Stratosphäre kann man schon mal die Orientierung verlieren. Mit einigem seitlichen Abstand zur Messstrecke war deutlich zu erkennen, dass diese Anflüge im weiträumigen Stuka-Stil bestenfalls auf den ersten 50 m einen leichten Vorteil brachten. Die meisten Modelle hatten jedoch schon lange vor dem ersten Messtor wieder ihre Normalgeschwindigkeit erreicht, trotz zum Teil enormer Sturzhöhen.

Der „Topspeed Re-Entry Scramjet 3.5“ wird wohl Rolfs Modell für 2007 werden. Falls jemand noch einen Scramjet Antrieb im Keller rumliegen hat, einfach Rolf Bescheid sagen. Als er sich mit seinem konventionellen Modell auf die Messstrecke eingeschossen hatte, lag er mit seinem „Topspeed 3.5“ im Tigerentenlook nach dem 4. Durchgang und 283,1 km/h auf Platz 1.

Diese Marke wurde auch im 5. Durchgang nicht mehr überboten und das war der Sieg in der Klasse bis 3,5 cm³.

Klasse 2: Motoren 3,5 bis 6,6ccm Hubraum

Zuerst zu einem der Pechvögel. Holger Mittelstädt. Nur magere 175,3 km/h im Mittelwert. Damit Lichtjahre von seinen Erwartungen entfernt. Was war geschehen? Ein Tribut an die gute Organisation des Speedcups? Mit ein Grund, aber von Motorproblemen drangsaliert, kam der einzig gültige Messflug des ganzen Wochenendes nur von einer Seite mit stehendem Motor durch die Messstrecke zustande. Einer der dramaturgischen Höhepunkte des Wochenendes. An Spannung kaum zu überbieten, es war zum Mäuse melken! Glück im Unglück, das Messtor wurde doch tatsächlich noch getroffen als die Wertung längst wegen des Abstellers abgeschrieben war. „Landesgeschwindigkeit 85,3 km/h“ ertönte es aus dem Druckkammerlautsprecher. Mit einem 265,3 km/h Durchflug von links somit ein Platz in der Wertung mit 175,3 km/h. Wenn auch Letzter, es wurde gekämpft bis zum Schluss. Nächstes Jahr wird das Feld von hinten aufgerollt. Geben’s Gas „Herr Präsident“!

Mit großen Erwartungen angerückt war auch das Team Hans-Joachim Müller & Hans-Joachim Schaller mit dem eigens für den 2006er Speedcup gefertigten Eigenbau – Rocket 40. Photos waren bereits frühzeitig im Speedcup-Forum an die Öffentlichkeit gedrungen und sorgten dort für Gesprächsstoff. Die Favoritenrolle war damit klar verteilt. Aber hatten sie die Rechnung mit dem Wirt gemacht?

Das Voodoo Team trat hier mit einem MB40 angetriebenen F3D Modell „Fargo“, also auch mit einer modifizierten „Fargo Speed Spezial“ getauften Version an. Die Idee für Letztere, so munkelt man, sei bei einem Frühschoppen entstanden: „Ei, schraub’ doch einfach unter deinen F3D Renner eine kleinere Fläche!“ (Club 20). Eine simple, aber zugleich geniale Idee, den unterschiedlichen Anforderungen von Pylon und Speedflug gerecht zu werden. Erlaubt ist eben was ‚geht’ !


Dieter Bergmann (Voodoo Team) beim Start der "Fargo Speed Spezial"
 
Zunächst sah es so aus, als könnten Müller und Schaller, mit nahezu identischem Material angetreten, den Sieg unter sich ausmachen. Bis dann im 3. Lauf Team Voodoo mit 335 km/h eine Nummer auf’s Parkett knallte, die einigen den Atem stocken ließ. Im fünften und letzten Lauf konnten sich die in der Verfolgerrolle wiedergefundenen Favoriten zwar bis auf 331,7 km/h (Müller) und 329,4 km/h (Schaller) heranarbeiten, jeweils im Mittelwert. Doch das Voodo Team hatte sich jedoch, so viel sei jetzt schon verraten, den 1. Platz in der Klasse und den 6. Platz in der Gesamtwertung gesichert. Böse Zungen behaupten nun, dass letzten Endes nur der MB40 Profi der Voodoo Jungs das Zünglein an der Waage gewesen sein soll, vor den von Ranjit Phelan modifizierten Rossi Pylonmotoren. Das beweist nur wieder einmal die Binsenweisheit, es geht eben nichts über einen Motor, der „einfach gut ballert“ und wenn der Drehzahlmesser die Englein singen hört! Etwas, was die Joachims sicherlich nicht auf sich sitzen lassen werden. Sicherlich werden sie nächstes Jahr in einer Revanche versuchen, die Fakten neu zu ordnen. Wir werden’s sehen...

Aber was machte Michael Jakob, der zwei Jahre zuvor mit einer Dago Innovation mit einer Geschwindigkeit von 369 km/h die Krone des Gesamtsiegs an sich reißen konnte? Nun, er erreichte mit seinem serienmäßigen F3D-Renner nur in einem Lauf eine gültige Wertung von 318 km/h. Wie ist aber der dennoch große Unterschied zu dem Wert von vor zwei Jahren zu erklären ? War doch das Modell nahezu identisch. Vom Speed-Dämon verflucht? Mittelwert ist hier das Zauberwort. Es war klar, dass mit Rückenwind höhere Geschwindigkeiten geflogen werden als mit Gegenwind. Folglich wurde 2006 aus beiden Geschwindigkeiten der unterschiedlichen Anflugrichtungen eines Durchgangs der Mittelwert gebildet. Das war 2004 noch anders. Damals zählte nur der Wert aus einer Richtung. Dass die Mittelwertbildung der einzig richtige Weg ist, zeigte sich bereits am stark windigen Freitag. Die Ergebnisse aus beiden Richtungen unterschieden sich um bis zu 45 km/h. So kam es vor, dass die ‚Tachonadel’ auch mal bei atemberaubenden 389 km/h mit Rückenwind stehen blieb. Dies war extrem beeindruckend, aber irrelevant, da nicht im Wettbewerb und eben nicht als vergleichbarer Mittelwert. Das dürfte mit ein Grund sein, warum die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden konnten. Mit 318 km/h war Michael Jakob einer der vier von 12 Teilnehmern, die es schafften, die 300 km/h Marke in der „sechs-sechser“ Klasse zu knacken.

Weiter mit Klasse 3...

Stand: 22.12.2006