Einbau und Flugerfahrungen mit KTW von Helmut Kratt

Martin Steiner


 

Die Vorgeschichte

Vor rund fünf Jahren, nach ca. 20 Jahren "Abstinenz", fing ich wieder mit dem Modellflug an. Damals noch als "wilder" Segelpilot. So diente mir als Versuchskaninchen ein altes Segelmodell, dem ich einen E-Motor in der Schnauze einbaute. Weitere Modelle folgten und alle verfügten über einen eigenen E-Antrieb. Dies gab mir die  gewünschte Unabhängigkeit, zu jeder Tageszeit, egal ob ein Schlepper auf dem Platz war oder nicht (ja, denn mittlerweile trat ich der MG Hinwil bei), immer für den Aufstieg in die Thermik bereit zu sein.
 

Der Entscheid

Als gelernter Werkzeugmacher fasziniert mich alles, was mit Mechanik zu tun hat. Also war es kaum verwunderlich, dass mich das Thema Klapptriebwerk (KTW) am Segler nicht mehr los ließ. Nach einigem hin und her ob Kauf oder Eigenbau, machte mich Herr Wehrle (www.flyware.de ) auf das KTW von Helmut Kratt (www.pk-ohg.com) in Spaichingen aufmerksam. Nach verschiedenen E-Mails und Telefonaten entschloss ich mich, dieses zu beschaffen.

Am 4.Januar 2006 holte ich das KTW selber ab und erhielt weitere hilfreiche Tipps vom Erbauer.


Der Lieferumfang komplett mit Motor, Regler, KTW-Steuerung, Endschalter

Zu Hause angekommen, begannen die Vorbereitungen für den Einbau. Das Modell, eine ASW 27-B von S2G, hatte ich vor rund 1 1/2 Jahren bei Ebay ersteigert und war baulich soweit gediehen, um diesen Einbau vorzunehmen. Das Einziehfahrwerk (EZFW) wurde bereits nach Angaben von FEMA weiter vorne eingebaut, um dem Nickmoment vorzubeugen.


Position EZFW
 

Die Vorbereitung

Also los! Als erstes den Klappenausschnitt definieren, aufzeichnen und ausschneiden.
Oops! Eine böse Überraschung! Beim ersten Probelauf musste ich feststellen, dass Theorie und Praxis zweierlei sind. Um dem KTW das anstoßfreie Ausfahren zu ermöglichen, musste ich es um 5 cm weiter nach hinten versetzen. Nun aber… die zweite Überraschung! Das KTW fand in der Höhe des Rumpfes keinen Platz mehr und ragte in der endgültigen Position ca. 3 cm über den Rumpf hinaus.


Was nun?

Die Lösung:

ASW 27-B (B steht für Buckel!!??) Also, aus Hartschaum eine Form erstellen und mittels Balsastreifen eine doppelt gewölbte Klappe herstellen. Scale-Modellbauer mögen mir doppelt vergeben:
1. Original ASW 27 gibt es nicht mit KTW und
2. der Buckel!

Nicht Scale, aber es funktioniert.


ASW-27-B (wie Buckel!)

Der Einbau


Der hintere Spant
Spanten hinten und vorne definieren, Form mit Karton von außen "abkupfern", aussägen und auf Passform schleifend einpassen. Alle nötigen Ausschnitte für die Aufnahme des KTWs einzeichnen und aussägen. Danach erstmals Sitz testen und ggf. anpassen.

Der vordere Spant
Der vordere Spant ist oben offen, dadurch war der Rumpf oben etwas labil. Die Lösung fand ich in Gestalt eines Hilfsspants, welcher zwischen Spindel- und Antriebsmotor eingepasst und beidseits verschraubt wird.

Längs in Klappenrichtung setzte ich zur Verstärkung 10 x 10 mm Hartbalsaholzstreifen ein.

Die ersten Ein- und Ausfahrmanöver machten mir Mut, denn bis auf ein paar kurze Feilenstöße passte alles. Die Spanten wurden mit Glasmatte abgestützt. Weitere Verstärkungen wurden nicht angebracht. Also Klappen einpassen und Scharniere anschlagen. Spachteln und schleifen. Fertig! Die Klappen wurden wie die Winglets und die Rumpfnase leuchtend rot lackiert. Das Öffnen und Schließen der Klappe erledigen zwei 12er-Servos (Carson) mit kurzem Gestänge und Messing-Ösenschrauben in der Klappe. Die Servos sind mittels Hilfsspant direkt auf die Flügelsteckung geharzt und geben dem Rumpf dort noch etwas mehr Steifigkeit.

Bedingt durch den niedrigen Rumpf ist mein Ausschnitt größer ausgefallen als sonst üblich. Dadurch ist die hintere Klappe, die bei ausgefahrenem KTW offen bleibt, auch etwas länger. Diese hinteren Klappen werden durch Mitnehmer an den vorderen Klappen geöffnet und durch einen kleinen Gummi gegen das Seitenteil des KTWs gedrückt. Beim Wiedereinfahren drücken die vorderen Klappen die hinteren ca. 2mm weg. So kann der Träger mit genügend Spiel im Rumpf verschwinden.

Soweit, so gut. Nun stand der erste Testlauf mit dem gesamten Antriebsstrang bevor. Herzklopfen pur!
Unsere Waschküche diente, wie üblich, als "Testgelände". Zuerst mehrfaches ein- und ausfahren.
Problemlos! Nun mit Strom! Welch eine Überraschung, alles funktionierte auf Anhieb!


Das "Testgelände"

Klappen auf, Träger raus, vordere Klappen zu, Regler scharf, sanft Anlauf bis 80% und nach 6s hochregeln auf 100% (mein Puls auf 200%!). Schalter zurück, Abregeln des Motors, Klappen auf, Träger einfahren, Klappen schließen. Das ganze Prozedere wurde noch mehrmals pannenfrei durchgeführt. Es war vollbracht!
Nach kleinen Korrekturen an der KTW-Steuerung von Stephan Merz (www.sm-modellbau.de) und am Regler passte die Einstellung.
Achtung, schwache Bremse nicht vergessen, sonst wird aus den Klappen Kleinholz!
 

Erstflug

Dem Erstflug stand außer dem Wetter nichts mehr im Weg.

Wohlgemerkt: Auch die ASW war noch nie in der Luft!

An einem Samstag im Mai 2006 war es dann soweit. Also Modell zusammenbauen, Rudercheck, Reichweitentest. Auch wenn es sicherer wäre, den Segler zuerst im F-Schlepp auf Höhe zu bringen…?
Sie ahnen es schon! Kein Schlepper da! Nur mein Kamerad Kurt Deger mit seinem E-Segler.

Was soll’s? Die ASW 27-B wird zum Pistenanfang getragen. Letzter Rudercheck, Antrieb scharf machen und ausfahren. Kurt hielt mir das Modell so lange bis zum beherzten "Lass’ los!" und weg zieht sie.
Ich gebe etwas Höhe, um das Kippmoment auszugleichen. Das Modell zieht schnurgerade weg. Zunächst vergaß ich, mit etwas quer den Flieger in Längsrichtung zu stabilisieren. Nach dieser Korrektur und leichtem Ziehen hob sie ab und stieg wunderbar in die Höhe. Nach ein paar Wenden erreichte ich geschätzte 300 m. Dann erstes Einfahren im Flug. Aber war da nicht ein seltsames Geräusch?
Richtig! Ohne schwache Motorbremse im Regler zu programmieren nagt der Zahn des Propellers an den Klappen.

Dieses Prozedere habe ich noch zweimal vollzogen und alles verlief problemlos. Als Belohnung für den mutigen Erstflug fand ich sogar einen guten "Bart" und setzte nach ca. 30 Minuten Flug zur Landung an.

Überrascht von der enormen Wirkung der Bremsklappen fiel diese unter die Rubrik "hoffentlich hat's keinergesehen!". Dem gefederten FEMA-EZFW sei Dank, es gab keinen Schaden. Erst jetzt bemerkte ich meine weichen Knie. Eine erste Begutachtung des Modells zeigte bis auf das "angeknabberte" vordere Klappenpaar keine Schäden.

Dieses KTW von Helmut Kratt ist eine mechatronische Meisterleistung. An dieser Stelle auch meinen herzlichen Dank an ihn und seine professionelle Unterstützung während der Einbau- und Erstflugphase. Danke ebenfalls an Kurt Deger während des Erstfluges.
 

Fazit

Ich kann dieses KTW allen Interessierten wärmstens empfehlen!
Der einfache Aufbau und der problemlose Einbau garantieren ein jahrelanges Vergnügen. Das Triebwerk kann ohne Probleme in verschiedenen Seglern eingesetzt werden. Der Wechsel kann in einer Stunde bewerkstelligt werden.


Triebwerk ausgefahren

Triebwerk eingefahren

Details zum KTW:

  • für Modelle ab 4m Spannweite
  • kompakte Bauform
  • kleine Klappenöffnung im Rumpf
  • 3-Blatt Faltpropeller
  • Steuerungselektronik über 1 Kanal steuerbar

Antriebsstrang:

  • Motor: Flyware 650-F7
  • Regler: Jeti/Master 70-O-Flight
  • Akku: Lipo 4S4P TP-8000
  • Leistung: ca. 40A bei 15V ca. 600W

 

Stand: 30.12.2006