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Robbe ESTELLE

Thomas Dreyer

Wer das Robbe-Segelbootprogramm etwas genauer kennt, dem werden an der zur Nürnberger Spielwarenmesse 2004 vorgestellten neuen ESTELLE sicher ein paar Teile bereits bekannt vorkommen . Der Eindruck täuscht wirklich nicht. Bei der ESTELLE stammt der überaus breite (Jollen-) Rumpf beispielweise von der nicht mehr lieferbaren JOLLIE, während Mast, Kiel und Ballastgewicht von der WINDSTAR übernommen wurden. Ursprünglich befand sich am Messemodell in Nürnberg noch ein klitzekleines Ruder von der DOPLPHIN, das inzwischen, wohl nach einigen Fahrerprobungen, doch einem deutlich größeren, neuen Ruderblatt gewichen ist. Detailtechnisch finden sich bei der ESTELLE weiterhin etliche, bereits von anderen Modellen bekannte Beschläge und konstruktive Lösungen wieder.
Nun könnte man spotten und sagen: „Nichts weiter als eine Resteaufbereitung.“ Aber warum nicht aus vorhandenem, bewährten Material etwas Neues bilden? Letztlich kommt es dabei auf die geschickte Zusammenstellung an. Manchmal ergibt so ein „Sammel-Modell“ dann sogar ein besseres Ergebnis als die Ausgangsmodelle. In Summe würde ich das bei der ESTELLE auch so bewerten, um schon vorweg ein kleines Fazit zu ziehen.

Über das optische Erscheinungsbild des Bootes, mit den doch etwas ungewöhnlichen Formen, kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Sie wird mit dem breiten, etwas plump wirkenden Rumpf und dem sehr niedrigen, kleinen Rigg sicher nicht jedem als „elegant“ erscheinen.

Leider hat es nach der Messe 2004 noch gut ein Jahr gedauert, bis der Bausatz schließlich inden Handel kam. Nach Öffnen des ungewöhnlich groß geratenen Bausatzkartons fällt einem als Erstes der Rumpf in die Hände. Jetzt war bei mir Staunen angesagt: Dieser Bootskörper ist im Grunde genommen fix und fertig gebaut und hat dazu auch noch eine wirklich gute Qualität: Rumpfschale und Deckschale sind miteinander verklebt und anschließend wurde die umlaufende Verklebungskante – zugegeben, die ist ein Attribut an die Fertigung und nicht gerade eine optische Zierde – sauber per CNC konturgefräst. Im Bootskörper ist bereits die Kieltasche für die demontierbare Befestigung der Kielflosse eingebaut, außerdem ein vormontiertes RC-Brett und unter Deck sitzt noch eine großflächige Verstärkung, die den Einschubrahmen für den aufschiebbaren Deckel in Form einer Kabinenhaube bildet. Der Kabinenhaubendeckel ist ebenfalls fertig konturgefräst und passt ohne Nacharbeit in die Nut. Dabei ist das Einfädeln des Deckels in die Nut durchaus etwas fummelig und dass diese Version, die keine weiteren Dichtungsteile aufweist, auch nicht übermäßig wasserdicht sein kann, überrascht weniger. Das Deck hat bereits Messinggewindehülsen für die Befestigung der Rigg-Ringsschrauben eingearbeitet und alle weiteren Befestigungsstellen sind ebenfalls vorgebohrt bzw. gefräst. Sehr gut gefallen hat mir auch die Form des Heckspiegels, die im Gegensatz zu den meisten anderen ABS-Rümpfen einen sauberen Wasserablauf des ausgesprochen breiten Rumpfes ergibt. Dagegen ist die am Rumpfboden nach außen stehende, umlaufende Lippe oder Kante für den Kiel enttäuschend und störend. Fertigungstechnisch hätte man die entfallen lassen oder nach innen formen können. Dennoch, von diesem kleinen Manko abgesehen, ist das alles wirklich sehr sauber produziert und aus sehr gutem, glänzendem und stabil wirkenden ABS gefertigt, womit sich eine Lackierung durchaus erübrigen könnte.
Bezüglich der Ausführung kann ich sagen, dass ich bisher nichts besseres von einem „Massenproduzenten“ gesehen habe. Dieser Bootskörper stellt derzeit hinsichtlich Verarbeitung und Vorfertigung das Maß der Dinge dar. Das Einzige, was ich an diesem Bauteil noch gamacht habe, war ein Abziehen, Entgraten und Anfasen der Fräskanten mit einer Rasierklinge.

Daneben finden sich natürlich noch weitere Bauteile: So erklären sich die ungewöhnlich großen Kartonabmessungen durch den im Kasten befindlichen, einteiligen Alumast und den zwischen zwei Pappen der Länge nach ausgestreckt untergebrachten Segelsatz. Für den eventuell noch lagerhaltenden Fachhandel wird es ein kleiner Trost sein, dass das Rigg der Estelle immerhin ungewöhnlich klein geraten ist, wäre doch sonst der Karton noch sperriger ausgefallen. Aber das dürfte bei Robbe sicher nicht der Grund gewesen sein Vielmehr ist der eingepackte Mast einfach der B-Rigg Mast aus den Riggsets der WINDSTAR und der ist eben so kurz. Es handelt sich um einen Rundmast mit Keep, also mit einer Rille, in der das Großsegel eingezogen wird. Leider ist er durch die verwendete, relativ weiche Aluminiumlegierung recht dickwandig und damit schwer geraten. Die diesem Mastprofil zugrunde liegenden Originalmasten von G. Bantock/Fa. SAILSetc. England, sind diesbezüglich deutlich besser. Aber das Staunen bezüglich der Vorfertigung geht dennoch beim Mast weiter, denn der hat bereits alle notwendigen Bohrungen sauber eingearbeitet. Der gleiche Vorfertigungsgrad findet sich bei den beiden Aluprofilen für Fock- und Großbaum, auch hier ist alles sauber gebohrt. Das dafür verwendete Robbe-Aluprofil ist ebenfalls schon bei mehreren Booten eingesetzt worden und stammt aus den frühen 80er Jahren -> SCANDIA. Wie der Mast, so ist auch dieses Bauteil recht dickwandig und schwer.

Der Segelsatz besteht aus einem mäßig dünnen, für diese Größe zunächst gut geeignet erscheinenden Spinnaker-Segeltuch, auf dem mit schwarzer Farbe Bahnenlinien aufgedruckt sind, um das Segel optisch etwas interessanter aussehen zu lassen. Bis auf die noch aufzuklebenden Segellatten aus selbstklebenden ABS-Streifen ist soweit alles fertig. Die Qualität dieser Segel hat mich bei näherem Hinsehen allerdings nicht beeindruckt. Insbesondere stört es mich, dass das Material des Großsegels nicht lastorientiert und damit falsch ausgelegt ist. Auch die Segeleckverstärkungen fallen sehr grob und erkennbar lieblos angefertigt aus. Das trübte bereits den trockenen Eindruck. Bei der späteren Erprobung zeigte sich das Material zudem, wie leider oft bei billigen Spituchsorten zu beobachten, als nicht besonders feuchtigkeitsbeständig. Es dehnte sich in nassem Zustand enorm und bereits ein paar Regentropfen bildeten kleine, auch nach Trocknung bleibende Beulen.

Wie schon erwähnt, die Kielflosse stammt von der WINDSTAR und besteht aus einem glasfaserverstärkten Kunststoffspritzteil. Sie hat ein ordentliches, relativ dünnes Profil, ist nicht verzogen und weist auch nur recht wenig fertigungsbedingte Beulen auf. Die Steifigkeit ist für ein Modell wie die ESTELLE ausreichend. Da die Oberfläche materialbedingt recht rau ist, empfiehlt sich eine Lackierung der Flosse, wie auch des in gleicher Weise gefertigten Ruderblattes. Zudem kommt auch noch das Verkleben der Bleibombe hinzu. Die Bleibombe, die sich gut geschützt in einem extra Abteil im Kasten findet, bringt ca. 2,2kg auf die Waage, und ist, wie ein unbeabsichtigter kurzer Drucktest auf die hintere Spitze ergab, aus recht weichem Blei gefertigt. Ein ungeschicktes oder unvorsichtiges Absetzen des Bootes kann ruck zuck den hinteren Bereich der Bombe verbiegen und so dann auch die Lackierung beschädigen. Zur Befestigung an der Flosse hat sie einen sauber eingearbeiteten, kleinen Schlitz. Sie passt in diese Aussparung mit einer kleinen Aufnahmezunge mit nur einem Tick nachschleifen sehr gut hinein. Die nicht unwichtige, oftmals schwierige Ausrichtung der Bombe hat bei meinem Modell jedenfalls auf Anhieb gestimmt, da war kein Nacharbeiten oder Korrigieren mehr nötig. Ohne Bedeutung ist, dass die Flosse zunächst beim Einschieben in den offenbar recht großzügig geformten Kielkasten sehr locker bzw. geradezu klapprig sitzt, das gibt sich beim Verschrauben.

Neben diesen Hauptteilen fallen noch etliche Plastikbeutel mit den ganzen Kleinteilen für Montage und Dekoration auf. Sehr schön geraten ist der beigepackte Klappständer aus wiederum fix und fertig vorgefertigten Holzteilen. Also in Sachen Vorfertigung mein Kompliment an Robbe! Ich habe eine Weile gesucht, aber dennoch keinen Hinweis auf das Herstellerland gefunden. Mein Verdacht, das könne heute bei diesem Vorfertigungsgrad und dann zu dem Verkaufspreis nur „Made in China“ sein, war falsch – das soll alles tatsächlich noch hier in Deutschland angefertigt und produziert werden, wie mir ein Insider erzählte. Kaum zu glauben!

Der Zusammenbau, ich sollte fast besser „das Zusammenstecken des Bootes“ sagen, erfolgt anhand einer DIN-A4 Bauanleitung mit Baustufenfotos. Hier haben mir frühere Robbe-Anleitungen (z.B. die von der JOLLIE) besser gefallen, bei denen zu jedem Bauabschnittstext gleich daneben das bzw. die entsprechenden Baustufenbilder zu finden waren. Bei der ESTELLE-Bauanleitung sind dagegen leider alle Bilder in der Mitte des mehrseitigen DIN-A4 Heftes zusammengefasst und man muss daher immer hin und her blättern. Daneben gibt es ein separates Einkaufsblatt für das von Robbe empfohlene Zubehör, sprich die RC-Ausrüstung, und noch ein weiteres Blatt mit Erklärungen von grundsätzlichen Segelfachausdrücken. Auch ein Einsteiger sollte mit diesen Instruktionen zurecht kommen.

Über die Montage gibt es nicht viel zu berichten. Bis auf ein paar Punkte wird es auch bei modellbautechnisch nicht (oder nur wenig) vorbelasteten Menschen keine Probleme geben. Ich habe mich bewusst an die Robbe-Vorgaben gehalten und fast keine wie auch immer gearteten Veränderungen vorgenommen (auch wenn es zugegebenermaßen mich hier und da etwas gejuckt hat). Der Zusammenbau geht aufgrund der hohen Vorfertigung wirklich sehr schnell. Nach einigen Abenden ist man bereits fertig. Trotzdem ist es, wie immer, empfehlenswert, sich die ganze Anleitung in Ruhe vorher durchzulesen und so die Montage (und mögliche Auswirkungen) schon einmal gedanklich durchzuspielen. Ich sag’ das ganz bewusst, denn ich habe mich nicht an diese Grundregel gehalten, hatte es etwas eilig und habe ohne einen ruhigen Vorabcheck gleich die einzelnen Montagepunkte Schritt für Schritt abgearbeitet. Beim Punkt „Seilführung der Segelwinde“ bin ich dadurch zu spät auf einen Fehler in der vorgesehenen Konstruktion aufmerksam geworden, der durchaus vermeidbar gewesen wäre, wenn ich vorher mal gelesen und mitgedacht hätte.

Beschrieben wird eine Schotführung per Umlaufschot, die an Deck verläuft. Das ist optisch nicht unbedingt schön, aber praktisch. Für die Durchführung des Umlaufseils vom Deck hinunter ins Bootsinnere zur Segelwinde sind zwei Messingrohre vorgesehen. Die beiden Rohre finden sich bereits schön sauber vorgebogen in einem der Plastikbeutel (wieder ein Plus in Sachen Vorfertigung). Für die Robbe-Segelwinde SW 1 liegt dazu eine spezielle, kleinere Seiltrommel bei, die auf einer Servoscheibe angeschraubt wird. Da die Winde keine Wegeinstellung hat, muss der Wickelweg mechanisch über unterschiedliche Rollendurchmesser angepasst werden – die normale, der Winde beiliegende größere Trommel wäre hinsichtlich der Stellgeschwindigkeit der eh schon sehr langsamen Winde eindeutig besser. Wer einen Computersender für die Estelle einsetzt, sollte besser die normale Trommel benutzen und am Sender den Stellweg reduzieren. Die beigelegte kleine Trommel ist zudem recht hoch. Nun hat man bei Robbe offenbar vorgesehen, die durch die beiden Schoten belastete Umlaufschnurseite auf die obere Wickeltrommel zu legen, das ergibt dann fast 2cm Abstand zur in Kunststoff ausgeführten Windentrommelaufnahme. Zweckmäßigerweise sollte man hier aber einen möglichst geringen Abstand vorsehen, um das Windengetriebe bzw. die Lagerung der Abtriebsachse nicht noch unnötig auf Biegung zu beanspruchen. Mir ist das erst dann aufgefallen, als die beiden Führungsrohre bereits gut im Deck verklebt waren und ich an die anschließende Montage der Seile ging. Wäre es mir vorher aufgefallen, hätte ich ganz einfach die beiden Rohre vertauschen und das stärker gebogene, tiefer reichende Rohr auf die Außenposition geklebt und der Fehler wäre vermieden worden. So läuft jetzt bei meiner ESTELLE einstweilen der Anknüpfungsreiter für die beiden Schoten auf der äußeren Seilführungsseite und die Schoten kreuzen die innere Seite. Das ist nicht sehr schön, aber die ansonsten höhere Belastung der Windenachse sehe ich als weitaus kritischer an. Schade, dass bei Robbe das niemanden aufgefallen ist. Sehr schade auch deshalb, da sich mit dieser Schotsteuerung die Segel nur um ca. 50°-60° (ohne Einsatz der Sendertrimmung) verstellen lassen.

Beim Einbau der RC-Anlage fielen mir noch zwei weitere Punkte auf: Das Schalterkabel für den Empfänger muss bei Futaba/Robbe offenbar ein recht langes Anschlusskabel zum Empfänger hin haben, denn der Schalter soll vom Empfänger aus gesehen auf der anderen Seite des RC-Brettes außen angebracht werden – das erfordert ein längeres Kabel, als es meine JR/Graupner Schalterkabel aufweisen. Daher baumelt bei mir derzeit der Schalter noch etwas lose im Boot herum, auch deshalb, weil ich mit der RC-Anlagenanordnung bzw. Ausführung später noch experimentieren möchte.
Der andere Punkt betrifft die vorgesehene Halterung des Akkupacks, die selbst für den von Robbe auf dem Einkaufsblatt angegebenen 5-Zellen-Akku zu kurz geraten ist. Daher wurde der Ausschnitt mit Minibohrmaschine und Fingerfräser kurzerhand nach vorne erweitert. Statt der Klettbandbefestigung habe ich einen einfachen Z-Bügel aus 1mm ABS eingesetzt, der den locker eingesetzten Akku fixiert.

Etwas kritisch kann vielleicht die Montage des pfiffig aus zwei Teilen bestehenden Ruderkokers, also des Führungsrohres für die Ruderachse, sein. Hier ist von innen nicht an die Klebestellen heran zu kommen, so dass nicht ohne Weiteres eine Verstärkung oder Klebemuffe um das Führungsrohr der Ruderachse am Rumpfboden bzw. unter dem Plichtboden gebildet werden kann. Da auf ein so frei stehendes Ruder doch hin und wieder gewisse Kräfte einwirken, nicht nur beim Segeln, habe ich etwas Bauchschmerzen, das Führungsrohr und die dazugehörige Buchse einfach nur in den beiden zwar sehr passgenauen, aber eben auch dafür doch relativ dünnwandigen ABS-Teilen mit vergleichsweise wenig Klebstoff zu befestigen. Ich habe hier versucht, unten am Rumpfboden, der naturgemäß hinsichtlich möglicher Leckage empfindlicher ist, mit Stabilit Express eine Muffe innen um das vorher zunächst nur halb eingeschobene Führungsrohr zu bilden, indem mit einem dünnen Schraubendreher durch das obere Loch in der Plicht vorsichtig Klebstoff nach innen gebracht und durch Drehen des Rohres rundherum „verteilt“ wurde. Laut späterer Spiegeluntersuchung sieht es soweit gelungen aus. Keine Probleme hatte ich dagegen mit der korrekten Ausrichtung des Ruders. Die vorgebohrten Löcher stimmten zueinander, so dass Ruder und Kiel auf Anhieb sauber fluchtend verliefen. Wenn man das Ruder nun jedoch einfach so einsteckt, dann klappert dieses im Führungsrohr nicht gerade wenig. Erst der vorgesehene O-Ring zwischen Ruderoberkante und Rumpf in Verbindung mit einer Unterlegscheibe macht die Sache klapperfrei. Hoffentlich hält der O-Ring auch ein paar Jahre…

Im Gegensatz zur ansonsten sehr einfachen und ohne besonderes Werkzeug bzw. weiterer Hilfsmittel zu bewerkstelligen Montage des Bootes mutet die Bearbeitung des Kiels dann doch unerwartet antiquiert an: Das erwähnte gegossene Bleigewicht ist unbehandelt und hat eine etwas sehr unsaubere Oberfläche (z.T. mit Ablösungen an der Oberfläche), die bei mir mittels Schleifen, Polyesterspachtel, Schleifen und kompletter Lackierung behandelt wurde. Das Ganze dauerte (oder hinterließ bei mir zumindest den Eindruck) in Summe länger, als die ganze restliche Bootsmontage – vielleicht auch, weil ich beim Umgang mit Farben/Lacken wenig Begeisterung verspüre. Nun ist es auch nicht jedermanns Sache, an purem Blei herum zu schleifen, das soll auch nicht unbedingt gesund sein. Nett und zum im Übrigen doch so weit vorgefertigten Boot eigentlich sehr passend wäre eine auf das Bleigewicht aufklebbare Verkleidung aus zwei ABS-Halbschalen. Damit könnte zugleich das, wie schon erwähnt, recht weiche Blei ganz gut gegen Kratzer und/oder Verbiegen geschützt werden. Über den hierbei geringen kontraproduktiven Volumenzuwachs braucht man sich bei einem an Freizeit-Fun orientierten Boot, wie diesem hier, sicher keine Gedanken machen: Da gibt es andere, wesentlichere Punkte, die eine mögliche gute Segelleistung behindern.

Ein echtes Problem hatte ich schließlich mit den vorgesehenen Ringschrauben am Mast für den Großbaum bzw. den Niederholer. Beide Schrauben widersetzten sich dem Versuch des Eindrehens durch sauberen und unerwartet schnellen Bruch am Gewinde bei bereits geringem Einschraubmoment. Da an beiden Bäumen die Schoten in Schotklemmen (Klampen) befestigt werden, die nach gleichem Prinzip mit Blechschrauben am bereits vorgebohrten Bauprofil problemlos verschraubt werden konnten, vermute ich bei den beigelegten Ringschraubösen ein minderwertiges Material als Ursache für das (zu) rasche Abdrehen. Kurzerhand wurden nach einem zielsicheren Griff in die Grabbelkiste zwei massive Aluwinkel mit dem Mast verschraubt. Denkbar und einfacher wäre allerdings die Verwendung der metrischen Ringschrauben seitens Robbe, die bereits für die Montage an Deck an den Riggbefestigungspunkten vorgesehen sind, statt dieser billigen 08/15-Schrauböschen.

Das Rigg wird, wie schon von einigen anderen Robbe-Booten bekannt, über eine zentrale Höhenverstellung des Mastes an Deck gespannt. Wantenspanner sind daher an den Wanten nicht vorgesehen. Sie werden einfach mit Schlaufen in den Ringösen an Deck eingehakt und anschließend wird der Mast mit einem Stellrad auf einem stabilen Messinggewinde am Mastfuß hoch gedrückt. Dieser Gewindemastfuß ist, man ahnt es vielleicht, natürlich auch schon fix und fertig im Deck vormontiert. Eine gewisse individuelle Spannungseinstellung bzw. Justage der vier Wanten lässt sich noch über die Ringschrauben im Deck erzeugen, je nach dem, wie tief man sie in die Gewindebuchsen an Deck eindreht und mit einer Kontermutter sichert. Das ist ein sehr transportfreundliches System, das Rigg ist wirklich in kürzester Zeit auf- bzw. abgebaut. Ein konstruktiver Nachteil dieser Version ist ein allerdings recht weicher Mastfußbereich, so dass den Kräften vom Großbaum hier flexibel nachgegeben wird, wodurch sich der Großsegelstand bei Winddruck verschlechtert. Die Wanten selbst werden aus einer für diese Modellgröße reichlich dicken, aber immerhin angenehm biegsamen Edelstahllitze angefertigt. Die beiliegenden Klemmhülsen aus Messing werden nach dem Klemmen mit einem Stück Schrumpfschlauch überzogen, so dass sich bei korrekter Ausführung keine fiesen, kleinen Litzen mit ihren spitzen Enden in Finger o.ä. bohren können. Ein nettes kleines Detail am Rande, das den Hersteller nicht viel kostet, aber positiv auffällt. Nicht positiv finde ich dagegen die sehr klobig geratene Saling, die zudem noch unverständlich weit oben am Mast angebracht werden soll. Sorry, aber das Rigg soll doch kein Flaggenmast vor einer Hafenkneipe sein. Wie es bei der gewählten ¾-Riggart üblich ist, habe ich die Saling daher auf etwa halber Höhe zwischen Deck und Fockanschlagpunkt am Mast montiert. Die Oberwanten gehen ebenfalls nicht, wie vorgesehen, bis hoch zur Mastspitze, sondern enden in einem Haken oberhalb des Fockanschlagpunktes.

Auch nicht gefallen hat mir, auch wenn man sicherlich an so ein „Freizeit-Fun-Modell“ nicht unbedingt Trimmansprüche stellen darf, dass eine Verstellung bzw. Trimmung der Mastneigung konstruktiv nicht möglich ist. Das Vorsegel mit Fockbaum hat zwischen Deck und Mastbefestigung keine Längenverstellung vorgesehen. Hier habe ich den am Fockbaum verwendeten Angel-Wirbel einfach gegen ein Stück Schnur ausgetauscht, welches per Klemmschieber in der Länge justiert werden kann. Die Schnur ist an einem der dekorativen Spinnaker-Baumfüße (zweckentfremdete Stevenrohr-Lager) befestigt. Damit kann ich den Mast nun wenigstens etwas nach vorne oder hinten neigen und dadurch das Boot ein bisschen auf unterschiedliche Wetterbedingungen einstellen.

Die Ausführung des Niederholers habe ich ebenfalls geändert, da mir die vorgesehene Lösung überhaupt nicht gefiel. Statt dessen tut es erst mal ein einfacher Seilzug aus dehnungsarmer Polyesterschnur mit Verstellung durch einen Klemmschieber, der sich ruck zuck trimmen lässt.

Das Thema „Trimmung“ des Bootes reduziert sich ansonsten auch auf nur wenige Stellmöglichkeiten, die da wären:

  • Schoteinstellung Groß- Fockbaum zueinander,
  • Spannung Achterstag -> Spannung Vorsegel,
  • Einstellung Niederholer und nun eben noch modifiziert,
  • die Mastneigung.

An den Segeln selbst lässt sich noch unten am Baum die Wölbungstiefe einstellen. Dies erfolgt ebenfalls mit bereits seit Jahrzehnten bekannten Kunststoffreitern, die auf einer Gewindestange justierbar befestigt sind. Das Großsegel wird leider sehr stramm in der Mastrille geführt, es dreht sich daher nur unwillig beim Segelfieren am Mast mit.

Die Fock ist als übliche Pendelfock ausgeführt, allerdings mit einem nur sehr kleinen Pendelanteil. Daher weht das Achterliek der Fock trotz eines gegebenenfalls sehr stramm getrimmten Achterstags recht schnell aus – was allerdings immerhin zum ebenfalls recht elastischen Großsegel passt. Zudem ist die Fock ziemlich weit vorne angebracht und es besteht ein relativ großer Spalt zwischen Mast und Vorsegel.

Der Umriss der Segel ist für mich enttäuschend. Im Gegensatz zum eher modernen Rumpfdesign ist der Schnitt mit dem nach oben sehr spitz und schmal auslaufenden Großsegel doch reichlich antiquiert und will nicht so richtig zum von Robbe im Katalog vollmundig versprochenen Charakter einer „Cup-Yacht“ passen. Hier finden sich in der Regel im Topbereich deutlich breiter verlaufende Segel, die zumindest optisch in meinen Augen dem Modell auch um einiges besser stehen würden und gleichzeitig das für den voluminösen Rumpf sehr niedrig geratene Rigg etwas kaschieren würden.

Insgesamt darf man aufgrund der sehr simplen Riggkonstruktion und der Segel selbst hier wirklich keine besonderen Ansprüche stellen. Für ein einfaches „Spaß-Freizeit-Modell“ ist die Ausführung unkompliziert gehalten und wird für viele Anwender soweit ausreichend sein, auch wenn in Folge dessen einiges an Bootsleistung verschenkt wird. Im Vergleich zum Bootskörper fällt jedenfalls das Rigg in meinen Augen konstruktiv und qualitativ deutlich ab und wirkt, besonders durch die Formgebung der Segel, ziemlich lieblos zusammengezimmert.

Zum Segeln

Das fertige Modell musste dann leider bis zur Probefahrt noch einige Wochen warten, da sich hier im südlicheren Teil Deutschlands in meiner Freizeit der Wind auch frei genommen hatte. Da ich bereits aufgrund der Proportionen die Estelle nicht als ein Leichtwindboot einschätzte, habe ich mir erste Testschläge beim hier oftmals herrschenden Leichtwind verkniffen und auf eine etwas frischere Brise gewartet. Das erwies sich dann nach den ersten Fahrten auch als richtig. Die Estelle darf ganz sicher bei Wind unter 2 Bft. zu Hause gelassen werden – da macht sie einfach keinen Spaß, ist ausgesprochen träge und zudem deutlich leegierig.

Ganz anders, wenn es mit 3-4 bläst. Dann kommt Freude auf und ab 4 beginnen sogar nette Gleitfahrten, die „normale“ Segelmodelle doch etwas blass aussehen lassen können. Also hat man quasi ein Frischwind-Modell, das im windigeren Norddeutschland sicher schnell Freunde finden wird (bzw. z.B. im Bremer Raum bereits gefunden hat). Der breite und sehr flache Rumpf hat theoretisch vermuten lassen was die Praxis bestätigt: Das Modell kann raumschots ein echter Rutscher werden. Das hat seinerzeit schon die JOLLIE erkennen lassen – und deshalb war ich auch auf diese Modifikation des Jollie-Rumpfes gespannt. Die bei Leichtwind noch ausgeprägte Leegierigkeit, bedingt durch den weit hinten stehenden Kiel (Abstand Lateralfläche zu Segeldruckpunkt ist recht groß ausgeführt), ist bei 3-4 verschwunden. Das Boot läuft jetzt sehr angenehm ausgeglichen und ist kinderleicht zu steuern. Oberhalb von 4 stellt sich insbesondere an der Kreuz dann etwas Luvgierigkeit ein – kein Wunder beim oft sehr ungünstig schräg im Wasser schwimmenden Rumpf. Dennoch, alles in allem ein einfach zu segelndes Modell ohne Allüren oder Zicken, das absolut anfängertauglich reagiert.

Der bei frischem Wind aufkommende Segelspaß wurde allerdings bereits nach einer Stunde spürbar gedämpft, als die Schotführung (nicht unbedingt unerwartet) kollabierte. Das bewusst relativ straff gespannte dicke Umlaufseil hatte sich offenbar in Folge der Nässe ziemlich gedehnt, war locker geworden und dann von der Trommel gesprungen. Ein an und für sich bei so einer Umlaufschot üblicher Längenausgleich, z.B. in Form einer Feder oder eines Gummizugs, der solches Malheur verhindern soll, ist von Robbe leider nicht vorgesehen. Auch befand sich schon erstaunlich viel Wasser im Boot. Zum Einen sicherlich verursacht durch die nach vorne offene Seilführung auf dem bei Wind oft recht nassen Deck, zum Anderen scheint der Schiebedeckel doch Etliches durchzulassen. Kurzerhand wurde zu Hause ins Deck am Bug ein kleines Loch gebohrt, um das eingedrungene Wasser einfach ausleeren zu können. Es wird danach von einer M5 Nylonschraube mit O-Ring verschlossen.

Weitere Fahrten zeigten, dass der Bugbereich mit dem in meinen Augen wirklich wenig nach einer modernen „Cup-Yacht“ aussehenden, sehr schrägen Steven durchaus noch etwas mehr Volumen vertragen und auch um 2-3cm höher gezogen werden könnte. Das würde der seitlichen Linienführung des Bootes nicht nur optisch gut tun. Das breite, voluminöse Heck dominiert den Gesamteindruck, vorne wirkt das Boot seltsam schmalbrüstig und unstimmig in der Linienführung. In manchen Böen wird der Rumpf trotz seines insgesamt bulligen Aussehens recht tief ins Wasser gedrückt. Ein Unterschneiden des Rumpfes habe ich zwar noch nicht beobachtet (im Gegensatz zu anderen Modellen bei vergleichbaren Verhältnissen), aber schön sieht das Fahrbild nicht aus. Das extrem flache Jollie-Unterwasserschiff hätte im Zuge der Wandlung zur Estelle auch ruhig etwas bauchiger umgestaltet werden können. Das Boot würde bei Wellen etwas weicher reagieren, hätte zudem etwas mehr Verdrängung und würde mit dem Heck nicht so weit eintauchen.

Wie zu erwarten, stellt sich das Rigg und die Segelansteuerung als echte Spaßbremse heraus. Die Segelsteuerung wegen ihrer fast unvorstellbaren Langsamkeit, die jegliches spontane Reagieren auf den Wind unmöglich macht und so z.B. viele Surfgelegenheiten verhindert.

Zum Anderen durch den nur sehr eingeschränkten Verstellweg der Segel. Will man mit dem Boot auch wieder einigermaßen gut zurückkreuzen, sprich, die Schoten für die Kreuz relativ dicht einstellen, können die Segel gerade mal auf ca. 60° gefiert werden. Das ist für ein Boot mit ausgeprägter Vorliebe für alles unterhalb „Halber Wind Kurs“ nicht besonders geeignet.

Daneben ist das Rigg einfach zu flexibel aufgebaut. Durch die schnell auswehenden Segel werden Böen zwar einerseits gut „entlastet“, andererseits wird Antriebspotential verschenkt. Unerfahrenen Einsteigern, vermutlich die von Robbe anvisierte Zielgruppe, wird es vermutlich nicht auffallen. Sie erfreuen sich an einem Boot, das stellenweise wirklich enorm schnell und toll anzuschauend übers Wasser flitzt, eine eindrucksvolle Bugwelle produziert und bei frischem Wind guten Segelspaß ermöglicht. Das diese tollen Fahrtabschnitte aber bei einem etwas besseren Rigg und einer schnelleren Segelsteuerung durchaus viel öfters ermöglicht werden könnten, merken sie mangels Erfahrung sicher (zunächst) nicht.

Fazit

Ein sehr weit und gut vorgefertigter, baumuffelfreundlicher (und damit zeitgerechter?) „Bausatz“, aus dem schnell und recht einfach ein in Summe bereits ansprechend zu segelndes und dennoch einfach zu handhabendes Boot mit Tuningpotential entsteht, das bei dem angegebenen Preis als günstig eingestuft werden kann. Für Reviere mit mittlerem bis frischem Wind empfehlenswert.


Technische Daten:
(lt. Robbe-Katalog)

 

Stand: 10.01.2007