
Dies ist ein Rückblick aus meiner ganz persönlichen Sicht.
Ich habe meine besten Jahre der Modellfliegerei mit dem Fliegen von Rennmodellen
um drei bzw., seit ein paar Jahren, um zwei Pylone gewidmet. Eine tabellarische
Aufzählung von Ergebnissen erfolgt nicht. Auch stimmt die zeitliche
Abfolge der Ereignisse nicht immer hundertprozentig.
Sollte ich in diesem Bericht jemandem zu Nahe treten, so ist das Absicht,
ich entschuldige mich aber im Voraus. Um gegenüber den Weggefährten
dieser schönen Jahre fair zu sein: Ihr wart alle prima Kumpel! Manchmal
hattet ihr, genau wie ich, gewisse Macken, einige wenige vielleicht ein
paar mehr.
Wie fing alles an?
So um 1960 gab es die ersten Proportionalfernsteuerungen für uns
Modellflieger. Das Zeitalter der Bang-Bang-Fliegerei war damit beendet.
Jetzt konnte man sein Modell mehr oder weniger präzise durch die
Luft steuern. Damit wuchsen auch die persönlichen Ansprüche
an die eigene Fliegerei. Bis dahin war es nur möglich, mit einem
schnellen Daumen einen einigermaßen runden Looping in den Himmel
zu zaubern. Doch nun nahmen die Möglichkeiten, Modelle präzise
durch die Luft zu steuern, gewaltig zu.
Man war im Verhältnis zu heute noch bescheiden und erfreute sich
am Kunstflug der Herren Bosch, Kraft, Brooks und noch einiger anderer
Spezialisten der damaligen Zeit.
Da ich nicht einer der schlechtesten Modellflieger war, glaubte ich,
dort ein wenig mitmischen zu müssen. Bald erkannte ich aber, dass
dabei noch ein paar andere Umstände im Spiel waren, die mir überhaupt
nicht passten.
Eines Tages tauchten in einem Modellmagazin einige kleinere Berichte über
Rennen mit Modellflugzeugen auf. Wo immer sich eine Chance bot, Informationen
darüber zu bekommen, sammelte ich diese und so ganz langsam reifte
in mir der Gedanke, das wär's doch! Mich begeisterten die Modelle,
dazu kam, dass ich schnelle Flieger mochte.
Mir gefiel, dass die Rennfliegerei reell war. Weder die Schönheit
der Flugdarbietung noch die Gunst der Jury waren entscheidend, sondern
das schnellste Modell mit dem besten Pilot war der Gewinner. Einfach
und simpel!
Sehr schnell gab's auch die ersten Versuche, in Deutschland solche Rennen
durchzuführen. Die Heilbronner veranstalteten seinerzeit eine Art
Aerolympics, neben Kunstflug sollten auch Pylonrennen geflogen werden.
Aber statt sich an den Erfahrungen der Amerikanern zu orientieren, versuchte
der Veranstalter seine eigene Vorstellung vom Pylonrennen durchzusetzen,
was ein totaler Schuss in den Ofen wurde. Wenig später klinkte sich
der „Frankfurter Verein für Luftfahrt“ ein. Zumindest
den Rennkurs hatte man aus Amerika importiert. Jedoch wurde die Startreihenfolge
auf Grund von Scalepunkten vergeben. Irgendwie waren die Resultate nicht
befriedigend. Richtige Rennen, auf die alle heiß waren, wurden
durch die Reglementierung der Veranstalter verhindert. Es musste etwas
passieren, sonst würde das gerade erwachte Interesse für’s
Pylonrennen schlagartig erlahmen. Das erschien mir so sicher wie das
Amen in der Kirche.
Damals schrieb ich zahlreiche Artikel in der Zeitschrift "modell",
die erstaunlicherweise eine große Resonanz hatten. Es war, als
hätten viele Modellflieger nur darauf gewartet, dem alltäglichem
Modellfluggeschehen zu entfliehen. Meinen damaligen Verein konnte ich
dafür gewinnen, zunächst mal nur ein Rennen durchzuführen.
Nach diesem Rennen trafen sich die teilnehmenden Piloten und es wurde
beschlossen, zur weiteren Förderung des Pylonrennens, eine Interessengemeinschaft
zu gründen.
Anfangs waren es 15 Piloten, die der Interessengemeinschaft der Pylonflieger
(IPF) angehörten. Aber schon nach kurzer Zeit stieg die Zahl der
Mitglieder kräftig an. Mit Rennen in Münster, Hannover, Schwabmünchen,
Augsburg und Bad Wörrishofen weckten wir das Interesse für
unseren Sport in der ganzen Bundesrepublik.
Geflogen wurden damals fast nur Eigenkonstruktionen, die fast ausnahmslos
die Formel-1 Rennflugzeuge aus den USA zum Vorbild hatten.
Meine Lieblingskonstruktion war der Rivets, aus heutiger Sicht denkbar
schlecht für’s Rennen geeignet. Mit seinen fast dreieckigen
Tragflächen befand sich das Modell immer am Rand eines Strömungsabrisses.
Von Streckung sprachen wir damals noch nicht.
Die Drehzahlen der Motoren lagen bei ca. 15.000 U/min (Drehzahlmesser
waren unbekannt). Entsprechend sahen die Geschwindigkeiten und die Rundenzeiten
aus.
Wenn damals ein Pilot für die 10 Runden weniger als 110 s brauchte,
wurde kräftig Applaus gespendet.
1971
flog ich mit diesem Modell in Babenhausen die Fabelzeit von 96 s!
Man beachte, ohne den steifen Hut.
Die lieben Funktionäre
(Funktionäre = funktionieren? Das war nix!)
Günter Hoppe, damals F3A-Spitzenpilot, hatte uns zu einem Rennen
in den Raum Hannover eingeladen . Hier flogen wir abwechselnd mit den
Kunstfliegern unsere Rennen. Ich erwähne diese Begegnung, weil sie
eine Art Schlüsselereignis für die weitere Entwicklung des
Pylonrennens in der Bundesrepublik Deutschland war.
Aus heiterem Himmel maulten mich damals Funktionäre des DAeC nach
dem Motto an: "Ihr seid der Untergang der Modellfliegerei! Bei uns
nie!"
Man stelle sich einen Zeitsprung von ca. 20 Jahren vor, die Herren wären
vor Schreck in alle Mauselöcher verschwunden.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir über eine Verbandszugehörigkeit
noch keine Gedanken gemacht. Naiv wie wir waren, wollten wir eigentlich
nur Fliegen und uns nicht mit Funktionären herumschlagen.
Damals befand sich der DMFV im Aufbau. Der amtierende Präsident
Schrader hatte den organisatorischen Aufbau vorangetrieben und Winfried
Ohlgart war beauftragt worden, den Fachbeirat aufzubauen. Nach einem
fruchtbaren Gespräch mit Winfried stand fest: Wenn der DAeC uns
nicht will, dann fliegen wir eben unter der Flagge des DMFV.
Eine vorausgegangene Anfrage beim DAeC, was denn nun mit der Pylonfliegerei
beabsichtigt sei, wurde erst gar nicht beantwortet. Auf meinen Hinweis,
dass die FAI zu diesem Zeitpunkt die Pylonklasse F3D etabliert habe,
beantwortete der Herr Sekretär mit den Worten, dass er eine Belehrung
nicht brauche.
Damit war die Richtung klar, wir flogen unter der Flagge des DMFV und
jahrelang konnte man von Seiten der DAeC-Funktionäre vernehmen,
dass nichts Besseres passieren konnte. Man war sich da mit den österreichischen
Nachbarn einig. Die hatten ihren Mitgliedern das Pylonrennen gleich ganz
verboten.
Anscheinend konnte man das mit den österreichischen Kollegen machen.
Nach all’ den Jahren, in denen ich mit und für den Modellflugsport
arbeite, bin ich heute noch felsenfest davon überzeugt, dass der
damalige Anschluss an den DMFV die beste Entscheidung für das Pylonrennen
war. Noch heute trägt der DMFV zur Existenz des FAI-Pylonrennes
bei (unglaublich aber wahr!).
Machen’mer was Gescheit’s, gemma fliege!
Verwendet wurden Motoren aller Hersteller, die 6,5 cm³ Motoren
produzierten.
Webra und auch OS waren die am häufigsten eingesetzten Motortypen.
Mit aus heutiger Sicht teilweise abenteuerlichen Ansichten versuchten
wir, diese Motoren zu "tunen", was oft genug deren Existenz
in der Mülltonne enden ließ.
Die Krone setzte dann damals ein Dr. .... in einem Modellmagazin der
Angelegenheit auf.
Schrittweise wurde hier erklärt, welche Maßnahmen zu den gewünschten
Leistungssteigerungen führen sollten. Treu und brav haben wir das
alles nachgemacht, nur um dann zu der Einsicht zu gelangen, dass alles
Humbug war, was da verzapft worden war.
Bei einem unserer Rennen tauchte eines Tages ein bis dahin Unbekannter
auf, besah sich unsere „Motorenkunst“ und erklärte mir,
dass wir wohl so nicht weiter kämen. Der "Besserwisser" war
Arno Wamper, seines Zeichens Speedflieger bei den Fesselfliegern. Mit
dieser Begegnung wurde, was die Motoren anging, alles anders:
Sie verloren ihre Unschuld!
Bei Arno lernte ich die Grundprinzipien der Motoren kennen. Hörte
das erste Mal etwas über Steuerzeiten und wie beispielsweise die
Kompression gemessen wird. Vor allem aber, dass die Leistung des Motors
nur durch beste Komponenten gesteigert werden kann, die miteinander als
Ganzes abgestimmt werden müssen. Wer von uns hatte damals schon
eine Ahnung, wie die Kugellager zu tauschen sind bzw. welche Toleranzen
diese haben mussten.

Arno Wamper als Caller
Vor allem lernte ich, das Leistungssteigerung nichts mit Polieren der Übergänge
und sonstiger raffinierter mechanischen Schaubearbeitung zu tun hat.
Arno präparierte mal einen Motor für einen Kollegen, den dieser
natürlich sofort öffnete aber vergeblich nach Tuning-Maßnahmen
durchsuchte. Er fand keine, also konnte der Motor nichts taugen. Dass
der Motor aber aus ausgesuchten Einzelteilen zusammengebaut war, bei
denen die Steuerzeiten an der Kurbelwelle und an der Zylinderbuchse verändert
waren, konnte der Kollege nicht erkennen.
Einer der besten damaligen Piloten war der Schwede Göran Carlsson.
Ich habe ihn und seinen Caller bei mehren internationalen Wettbewerben
bewundert. Göran stand beim Fliegen zwischen den beiden hinteren
Pylonen und flog mit einer damals bei uns unbekannten Präzision
seine Runden.
Eine Klasse für sich war sein Caller. Ich behauptete damals, wenn
der das Modell beim Start hinausschleudert, dann würde das Gerät
auch mit stehendem Motor noch zwei Runden fliegen. Die zwei Meter große
Gestalt konnte sich auf ein Minimum zusammen ziehen und explodierte dann
auf mehr als 3 m Länge. Göran war dann schon beim Start vorne
weg.
Eigenwillige Kollegen waren die Gebrüder Netzer, Bernhard
und Eberhard.
Sie entwickelten damals eine Modellqualität, die den Modellen der
Konkurrenten in jenen Tagen weit voraus war. Sie bauten eines der schönsten
und fortschrittlichsten Modelle dieser Zeit, ausgerüstet mit einem
Kunststoffrumpf, in Gummi gelagerter Motoraufhängung und präzise
gearbeiteten Tragflächen. Der verwendete Motor war ein 6,5 cm³ Webra,
der in langen Versuchen in der heimischen Werkstatt getunt worden war.

Die Gebrüder Netzer bei der Startvorbereitung
Leider waren sie nie in der Lage, diese Qualität bei den Wettbewerben
umzusetzen, meistens versanken ihre Bemühungen im Chaos. Wenn dann
aber mal ein Flug problemlos gelang, dann konnten alle sehen, was für
ein Potenzial in ihnen schlummerte. Leider verunglückte Eberhard
später mit einem selbstgebauten Hängegleiter.
Dann waren da noch die „Republikflüchtlinge“ Ernst Waltscheck
aus Österreich und Victor Casutt von den Eidgenossen. Beide hatten
keine Chance, in ihren Ländern Rennen zu bestreiten, waren aber
begeistert von der Rennfliegerei. Victor war lange Zeit ein erfolgreicher
Konkurrent, der mehrere internationale Rennen gewinnen konnte. Ernst
war nicht ganz so erfolgreich aber dafür ein um so besserer Weinbauer,
dessen Weine uns Gott sei Dank auch heute immer noch bestens munden.

Die Senioren aus dieser Zeit, Günther Lindemann als
Helfer von Otto Christmann. Wer erinnert sich noch an Ottos " Biene
Maja"?

Victor Casutt und ich mit unseren Rennmodellen. Damals waren 45 dm² Tragflächeninhalt
und eine Profildicke von 38 mm vorgeschrieben.
Kurz vor einem internationalen Rennen in Schweden meldete sich ein junger
Mann bei mir mit dem Wunsch, dort mitfliegen zu wollen. Sein Name war
Lothar Steinbiss. Er war zwar schon bei einigen Rennen mitgeflogen, hatte
aber leistungsmäßig bis dato noch nicht viel geboten. Die
Schweden konzentrierten sich mit aller Kraft darauf, uns Etablierte nur
ja nicht gewinnen zu lassen. So bekam ich mehrmals einen Cut angerechnet,
der ganz sicher keiner war. Den bis dato unbekannten Lothar hatten sie
jedenfalls nicht auf der Rechnung und am Ende waren alle aus dem Häuschen,
als Lothar im Finale auftauchte. Die langen Gesichter unserer schwedischen
Kollegen habe ich bis heute noch nicht vergessen, als Lothar dann auch
noch als Sieger aus dem Wettbewerb hervorging.
Ab diesem Zeitpunkt waren Lothar Steinbiss und ich für mehrere Jahre
ein Team. Wohl eines der erfolgreichsten in diesen Jahren.
Einer der leistungsstärksten Motoren dieser Zeit war der von Bugel
konstruierte Hirtenberger Motor. Mittlerweile hatte die FAI das Resonanzrohr
im F3D-Reglement zugelassen und seit dem war Arno in seinem Element.
Die Leistung der Motoren ging nach oben, die Flugzeiten für die
10 Runden nach unten. Die 100 s waren bald Geschichte und es ging so
langsam in Richtung 90 s.
Die Modelle dieser Zeit hatten gemäß FAI-Reglement 45 dm² Gesamtfläche
und eine Profildicke an der Rumpfseitenwand von 38 mm.
Dem Scalelook hatte man auch Ade gesagt, eigentlich entgegen den Bestimmungen.
In Lakehurst/USA wurde ein Wettbewerb als Vorbereitungswettbewerb für
die in Zukunft beabsichtigten Weltmeisterschaften durchgeführt.
Bob Violett tauchte dort mit seiner TOMCAT auf, einem Modell, das mit
der Scale-Idee nichts mehr gemein hatte. Den Begriff "Zweibeinfahrwerk" interpretierte
er mit zwei Rädern in Tandemanordnung in einem schlanken, bis zum
Boden reichenden Rumpf. Nachdem dieses Modell akzeptiert wurde, verschwand
auch der Begriff „scalelike“ aus den Regeln. Lächerlicherweise
wurden aber die Maße für das Cockpit beibehalten, obwohl es
nur auflackiert sein muss, egal wo es positioniert ist.

Lothar Steinbiss mit seiner Erfindung: Luftschraube steht still, das
Modell dreht mit 18.000 U/min.

 
Bilder mit den Gefährten vergangener Tage. Oben die Männer
aus BY, Elmar Schmitt und Ernst Wiedemann, das Modell “MISS DARA“.
Daneben Bruno Stükerjürgen mit seinem “GOON“.
Darunter Vater und Sohn Reinicke und Günther Bonengel als mein Caller.
Die Modelle dieser Zeit hatten fast alle Kunststoffrümpfe und Styropoor-Tragflächen
und -Leitwerke. Da war Selbstbau angesagt, für eine industrielle
Fertigung war der Bedarf nicht groß genug. Manfred Topp versuchte
zwar mit einigen Modellen auf den Markt zu kommen, hatte jedoch wenig
Erfolg. Diese Modelle genügten unseren Ansprüchen nicht, meistens
waren sie zu schwer und mit wenig geeigneten Profilen ausgestattet.
Eigenartigerweise wurden bisher nur wenige Motoren aus südlichen
Gefilden in unseren Rennflugzeugen verwendet. An Rossi und seinen Konkurrenten
OPS traute sich keiner heran. Eines Tages waren dann die Leistungen der
Motoren ziemlich weit oben angekommen, die Drehzahlen erreichen den 20.000
U/min-Bereich und damit waren die Gehäuse der Motoren letztlich überlastet.
Es konnte passieren, dass wir während eines Rennens nach jedem zweiten
Lauf den Motor wechseln mussten. Das konnte so nicht weitergehen, zumal
Hirtenberger sich weigerte, nur für uns das Gehäuse zu verstärken,
eine verständliche Reaktion.

Achim Schaller, noch etliche Jahre jünger, darunter Samson und
Norbert Hesse mit " MR. SMOOTHY"
Damals gingen Arno und ich auf Hamsterfahrt nach Italien. Mailand lag
näher als Bologna und deshalb landeten wir bei OPS und nicht bei
Rossi. Es war erstaunlich, mit welcher Zuvorkommenheit uns die OPS Leute
empfingen. Jedenfalls verließen wir später das Werk mit einer
großen Schachtel Einzelteile. Nicht geschenkt, jedoch war der Preis
akzeptabel.
Der erste Einsatz des OPS bei einem Wettbewerb schockierte die Konkurrenz
und setzte einen Run in Richtung Italien in Gang. Innerhalb kürzester
Zeit verschwanden die heimischen Produkte aus den Flugzeugen der Pylonpiloten.
Aber, wie das nun mal so ist, auch diese Motoren waren nur für einen
bestimmten Leistungsbereich ausgelegt worden, und irgendwann war die
Leistungsgrenze wieder einmal erreicht. Ein Spiel, das sich über
Jahre immer wiederholt hat und auch in Zukunft immer wiederholen wird.
Der DMFV hatte zu einem internationalen Rennen eingeladen und, kaum zu
glauben, es hatten sich sogar einige Amerikaner angemeldet. Die Jungs
hatten’s drauf und erteilten uns eine Lehrstunde in Sachen Technik
und Modellbau.

Zwei der Teilnehmer aus USA mit ihrem LITTLE TONI
Wir waren wohl damals die schnellsten Schrauber der Nation. Winfried
Ohlgart kam aus dem Staunen nicht heraus als er mitbekam, in welch kurzer
Zeit wir einen Motor wechselten. Und das war auch bitter nötig,
denn mehr als drei oder vier Rennen hielt auch der OPS mittlerweile nicht
mehr durch.
Die amerikanischen Kollegen flogen, putzten, prüften die Kerzen,
tankten und flogen wieder. Dabei fiel uns der Tankvorgang auf. Im Gegensatz
zu den in unseren Modellen gebräuchlichen Pendeltanks, verwendeten
die Kollegen die bei uns bis dato unbekannten Bubbless-Fueltanks. Die
Motoren waren von Henry Nelson (USA) umgebaute Super Tigres.
Mein Freund Günter Bonengel und ich schauten uns die Modelle ganz
genau an, und im nächsten Frühjahr standen unsere Flieger mit
den gleichen Komponenten ausgerüstet da.
Natürlich machte das Beispiel Schule. Unsere Kollegen sahen den
Erfolg und brauchten nicht erst überzeugt zu werden, was für
den Erfolg nötig war. Henry kam mit seinen Lieferungen kaum nach,
zumal ihm die Super Tigres ausgingen. Damals entschloss er sich, einen
eigenen Motor auf den Markt zu bringen.
Mit dem Wechsel auf diese Motoren war natürlich erneut ein Leistungssprung
nach oben verbunden. Flugzeiten von 75 s waren ab diesem Zeitpunkt keine
Seltenheit mehr.
In einem der “prähistorischen“ Rennen in Babenhausen
tauchte damals ein junger Mann mit Papa und Mama auf und versuchte sich
in der Rennfliegerei. Fantasievoll hatte er einen Salto in einen Pylonrenner
verwandelt. Der junge Mann war Thomas Lindemann . Eigenwillig wie er
selbst, waren seine Konstruktionen. Aber egal wie, mit der Zeit entwickelte
er sich zu einem der erfolgreichsten Piloten der deutschen Pylonrennszene.
Vielleicht war er sogar der Erfolgreichste. Er gewann jedenfalls zahlreiche
deutsche Meisterschaften und internationale Wettbewerbe. Den Melnik/CSR-Cup
gewann er mehrmals zusammen mit seiner Frau Babara als Caller. Sein größter
Erfolg war im Jahr 1995 der dritte Platz bei den Weltmeisterschaften
in den USA, womit er entscheidend zu unserem Gewinn der WM in der Teamwertung
beitrug.
  
Thomas Lindemann und Xaver Riesiger mit seiner "Volkerts"

Wer ist wer auf dem Foto? Damals wurden die ausländischen Wettbewerbe
noch von einer großen Zahl deutscher Teilnehmer besucht, wie hier
in Mailand, wo Xaver Riesinger gewonnen hat.

Der Europacup!
Bruno und ich konnten diesen Pokal nacheinander gewinnen.
Man beachte Brunos Lächeln rechts und links!

Der Mann mit dem großen Herzen für das Pylonrennen.
Franco Marabelli zusammen mit Thomas Lindemann.
Deutsch-russische Koalition
1985 bekam ich Post aus Russland. Ein Modellflieger aus Kazan/Tatarische
Republik schrieb mir, er interessiere sich sehr für das Pylonrennen
und bat um eine Menge Antworten auf seine vielen Fragen.
Kazan liegt 800 km östlich von Moskau an der Wolga. Etwas später
flatterte mir dann eine offizielle Einladung des russischen Verbandes
ins Haus. Dabei wurde ein deutsches Team zum Besuch und zu einem Rennen
in Kazan eingeladen. Außerdem sollten wir in einer Demonstration
unsere Modelle vorstellen. Alle Kosten innerhalb Russlands sollten übernommen
werden.
Es war nicht ganz einfach, kurzentschlossene Kollegen aufzutreiben, die
fachlich gut waren und sich für acht Tage davonstehlen konnten.
Schließlich gingen außer mir Bruno Stükerjürgen
und Günter Bonengel mit auf die Reise. Bis Moskau flogen wir mit
meinem damaligen Brötchengeber, der Lufthansa. Dort wurden wir von
meinem Brieffreund, Sascha Smolenzew, und unserem späteren Motorenbauer,
Ravil Ibragimov, begrüßt.
Nach einem offiziellen Empfang mit Reden von beiden Seiten (ich hatte
mir schon so was gedacht und mich darauf vorbereitet) begaben wir uns
mit unseren Modellkisten auf die Reise in Richtung Kazan. Ich habe noch
nie einen so langen Zug gesehen, endlos war die Zahl der Wagen. Bis Sascha
den Unsrigen gefunden hatte, machten wir einen zünftigen Fußmarsch.
Die für den Wagen zuständige Genossin verweigerte uns mit unseren
Kisten zunächst energisch den Zutritt. Es sei kein Platz im Wagon,
einen Gepäckwagen gab es nicht und außerdem seien unsere Kisten
ein Sicherheitsrisiko.
Sascha hatte diese Situation wahrscheinlich erwartet. Er hatte uns nämlich
gebeten, Zigaretten mitzubringen. Ein paar Päckchen wechselten den
Besitzer und im Nu waren alle Probleme beseitigt.
Nach 12 Stunden Geratter im Zug, manchmal war es als würde dieser
entgleisen, wurden wir in Kazan von einer größeren Menschenmenge
freundlich willkommen geheißen. Und da keine Verständigung
in deutscher Sprache möglich war, hatte unsere Dolmetscherin Jana
Dauereinsatz.

In der Tatarischen Steppe, im kniehohen Gras, sollten wir unsere Modelle
vorfliegen.
Die Demonstration unserer Modelle fand in einer Halle statt und es war
für uns erstaunlich, welch weite Anreisen die russischen Kollegen
auf sich nahmen, nur um unsere Flieger bewundern zu können. Selbst
aus Novosibirsk waren welche gekommen, eine Reise von zwei Tagen. Später
flogen wir dann auf einem Truppenübungsplatz unsere Modelle vor,
jeder Flug wurde mit lautem Beifall belohnt. Zum Abschluss gab es noch
ein Pylonrennen mit den russischen Kollegen, das von Bruno knapp gewonnen
wurde.
Ravil führte uns die Motorenwerkstatt des Verbandes vor und so
ganz langsam kristallisierte sich der eigentliche Grund unserer Einladung
heraus. Motoren wollte man also bauen und über uns ins Geschäft
kommen. Ravil zeigte uns Muster, die allesamt gut aussahen.
Mit unseren Nelsons waren wir bis dato voll und ganz zufrieden. Ravil
versprach allerdings, das er in der Lage sei, Besseres zu liefern. Um
sein Können zu testen, überredeten wir ihn znächst, uns
einige AAC-Garnituren für unsere Nelsons zu liefern. Die kamen dann
auch bald und waren, man wollte es kaum glauben, wirklich besser als
die Originale.
Im darauf folgenden Jahr, wir hatten gerade unsere Testrunden in Melzo
bei Mailand beendet, tauchte Ravil fröhlich winkend mit einem Motor
in der Hand auf. Schrauben waren wir ja noch gewohnt und nach kurzer
Zeit lief der erste I/R in einem unserer Modelle. Der Motor hatte einen
Rohrdrehschieber und machte beim Probefliegen einen ausgezeichneten Eindruck.
Das war der Durchbruch des I/R Motors in Europa, der für Jahre die
F3D-Szene beherrschen sollte. Bis…wie immer, von irgendwoher etwas
Besseres kam.
Ravils Motoren waren für lange Zeit unsere Treiblinge und wir haben
viele schöne Erfolge damit erflogen. An allen guten Platzierungen
bei Weltmeisterschaften und auch beim Europacup war der I/R unsere Motorenmarke.
Ravil hat oft in nächtelanger Arbeit, vor allem bei den WMs, unseren
Motore wieder auf Vordermann gebracht.

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