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Antik-Modellflieger

Manfred Waldmann - Fotos Christel Börner


BSM 10; Motormodell mit 1020 mm Spannweite; 1954 als wettbewerbsfähiges Freiflugmodell für den Schlosser-Selbstzündermotor mit 1,0 ccm Hubraum konstruiert; klassische Bauweise aus Kiefernleisten und Sperrholz; in Havelberg elektrifiziert geflogen von Wolfgang Ardelt.

Wer Abwechslung vom ARF-Einerlei sucht, sollte die Terminliste der Antikmodellbaufreunde Deutschland (AMD) studieren. Was auf den Treffen der „Antiken“ gezeigt und auch geflogen wird, erfreut Auge und Bastlerherz gleichermaßen. Einer der traditionellen Treffpunkte ist im Sommer das Modellsportzentrum Havelberg.


Strolch; Konstrukteur: Helmut Kirschke (1937); Segelflugmodell mit 1840 mm Spannweite; markantes Flugbild durch leicht gepfeilte Tragflächen; kaum ein Antiktreffen, wo der Strolch nicht auftaucht; in Havelberg geflogen von Manfred Waldmann

Antik-Modellflieger gelten in der Modellsport-Landschaft als Exoten. Völlig unberechtigt ist diese Einordnung nicht: Liegt das Durchschnittsalter der aktiven Antiken bei den Treffen meist deutlich jenseits von 70 Jahren – Antike sind also schon aus demografischen Gründen selten. Und jüngere Jahrgänge – je jünger umso mehr – finden den Zugang zum Modellsport nicht mehr über das Bauen, sondern über das Fliegen; das Zusammenstecken eines fast komplett vorfabrizierten „Easy Glider“ gilt schon als „Bauleistung“. Doch je größer das Modell-Einerlei, umso größer auch die Anziehungskraft der Abweichler von der Norm. Und wenn das kein Menetekel ist: Unter den Graupner-Neuheiten des Jahres 2008 findet sich mit dem „Graubele“ ein Modell aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts.


Antikmodelle in Havelberg warten auf ihren Einsatz

In Havelberg war das neue „Graubele“ noch nicht zu sehen. Die dort aufmarschierten Antikmodellbauer - gut ein Dutzend an der Zahl, viele andere „Stammgäste“ schreckte wohl das glutheiße Sommerwetter ab – brauchen auch keine Baukästen. Ein Plan, Kiefernleisten, Sperrholz- und Balsabretter. Damit und mit der meist über Jahrzehnte gesammelten Erfahrung entstehen die so zerbrechlich aussehenden, aber doch überraschend stabilen Strolch, Brummer, Schlauchkurbler, Playboy und Co. Anders als die Originale aus früheren Jahrzehnten sind die heutigen Nachbauten der Klassiker mit RC ausgerüstet. Seite und Höhe reicht meist als Steuerung, bei Motormodellen kommen noch Drossel oder Motorsteller dazu.


Brummer; Konstrukteur: Wilhelm Haas (1939); Benzinmotor-Modell, Spannweite 1600 mm, Rumpf in Stäbchenbauweise, die Tragflächen in Sperrholz und Kiefer; in Havelberg geflogen von Harald Koenig.


Wespe; eine DDR-Konstruktion aus dem Jahr 1959; Flachrumpfmodell, früher Freiflugmodell für 1 ccm Selbstzündermotoren mit einer Spannweite von 1040mm; in Havelberg elektrifiziert geflogen von Jörg Timmermann.

Und die Flugleistungen? Diese Frage ist eigentlich müßig; Leistung im Sinne von Wettkampf, Sieg und Niederlage ist nicht gefragt. Die „Leistung“ - wenn es denn nicht ohne sie gehen soll – findet schon vor dem ersten Flug statt, nämlich: Bauunterlagen für das geplante Modell auftreiben, Änderungen für den RC-Einbau konzipieren und schließlich der Bau. AMD-Vorsitzender Wilhelm Scholl formuliert das so: „Das wichtigste Ziel unseres Vereins ist es, die traditionellen Bauweisen lebendig zu erhalten.“ Das ist inzwischen deutlich einfacher geworden als es noch vor wenigen Jahren war: Frässätze verschiedener Anbieter erleichtern vor allem Einsteigern in die Antikszene den Bau der Modelle.


Condor; vorbildähnlicher Nachbau des manntragenden Seglers aus den 30er Jahren; klassische Bauweise; Besonderheit des Modells: ausfahrbarer Elektroantrieb in der Nase; in Havelberg geflogen von Manfred Beaugrand

Puristisch streng geht es bei den Antiken nicht immer zu. So flog der in klassischer Manier gebaute Condor von Manfred Beaugrand mit einem hochmodernen Antrieb durch die Havelberger Luft: In der Nase des Oldtimer-Modells steckt ein ausfahrbares Elektrotriebwerk; dieses Prinzip wird auch erfolgreich bei dem manntragenden Segler Stemme S 10, dort mit Verbrennungsmotor, angewandt. Weitgehend „originalgetreu“ dagegen der Segler „Hast“: Erbauer Wolfgang Ardelt hat selbst die kleinen Hölzer zur Befestigung der Flächen an die Sperrholzzunge im Rumpf übernommen. Ob allerdings „Hast“-Konstrukteur Harald Storbeck 1936 auch schon Schaschlik-Spieße zweckentfremdete ist nicht überliefert.

Noch einmal das Thema „Leistung“: Zumindest unter den antiken Seglern – mit Motormodellen fehlt mir jegliche Erfahrung – gibt es einige, die in der Thermik keinen Vergleich mit neuzeitlichen Konstruktionen zu scheuen brauchen. Betrachtet man sich beispielsweise einen „Jaguar“ (in den 40er Jahren konstruiert von Fritz Eggert), wird man den mehrfach geknickten Flügel auch bei modernen Thermikjägern wiederfinden. Selbst dem voluminösen Rumpf kann man noch Vorteile abgewinnen: Bequemer RC-Einbau (inklusive Variometer) und die gute Sichtbarkeit in großen Höhen, in die sich ein „Jaguar“ sehr behände und höchst unkritisch hinaufkurbelt. In Havelberg waren gleich zwei solcher Thermiksegler zu sehen, die aus der Winde gut 100 m Ausgangshöhe für ihre Thermiksuche erreichten.


Jaguar; Konstrukteur: Fritz Eggert (1944); Spannweite 2300 mm; imposanter Thermiksegler mit modern anmutender Tragflächenauslegung; Kiefer-Sperrholz-Bauweise; in Havelberg geflogen von Manfred Beaugrand (mit Störklappen. Foto) und Manfred Waldmann (vergrößerte Spannweite, Störklappen, Hilfsquerruder)

Das Havelberger Sommertreffen ist nur eines aus dem AMD-Terminkalender. Wer mehr erfahren will, klicke sich ein unter: www.antikmodellflugfreunde.de . Der Saisonhöhepunkt der Antiken ist das Treffen in der ersten Septemberwoche auf der Wasserkuppe. Dort wird übrigens auch „nach Punkten und Sekunden“ geflogen – allerdings genauso entspannt wie in der Hitze Havelbergs.


Manfred Waldmann (Jahrgang1953), Wolfgang Ardelt (Jahrgang 1941) und Horst Aussem (Jahrgang 1940, von links) beobachten Manfred Beaugrand (Jahrgang 1927), der seinen Jaguar pilotiert


B-38 startet; geflogen von Werner Schlomm


Kadett; Konstrukteur: Karl-Heinz Denzin (1956); eines der bekanntesten deutschen Motormodelle aus den 50er Jahren, jahrelang als Graupner-Modell vertrieben;  Spannweite  1170 mm; Rumpflänge 800 mm; in Havelberg mehrmals zu sehen


Satyr; Konstrukteur: J. Smola (1943); tschechisches Motormodell mit 1650 mm Spannweite mit sehr geräumigem Rumpf, der den RC-Einbau stark vereinfacht; in Havelberg geflogen von Wilhelm Scholl

Frässätze bei:  www.aeroplan-modelle.de  www.kirchert.com

 

Stand: 14.10.2008