RC-Network.de
RSS Forum RSS 2.0      Startseite Startseite
 
 
FORUM MAGAZIN WIKI BLOGS LOUNGES KALENDER HANGFLUG RCNVV WERBUNG BÖRSE VEREIN  

Junioren-WM F1ABP 2008 in Kiew

Wibke Seifert, Martin Lietz, Matthias Seren

Guy Zach aus Israel (F1A), Paul Coutineau aus Frankreich (F1B) und der Titelverteidiger Cody Secor aus den USA (F1P) sind die neuen Freiflug-Junioren-Weltmeister. Herausragendes Ergebnis der deutschen Mannschaft war der Vizetitel der F1B-Mannschaft und Johannes Seren, der es in F1A und F1P bis in das Stechen schaffte. In F1P wurde er dritter. Der F1A-Titelverteidiger Willi Herwig war innerhalb des Teams angetreten und kam auf Rang 29. Aus 16 Ländern waren Sportler zu der Junioren-WM gekommen, allerdings waren nur fünf Teams mit neun Teilnehmern komplett. Österreich und die Schweiz waren gar nicht angetreten.


Das deutsche Team vor der Siegerehrung:
Johannes Seren F1A & F1P, Willi Herwig F1A, Philipp Seifert F1B, oben Daniel Seifert F1B, unten Christian Fux F1B & F1P, Martin Lietz F1A, Matthias Seren F1P

 

Ein paar Splitterchen am Rande

Die schon bei der Ankunft aufgetretenen Gerüchte, dass es nur abends warmes Wasser gebe, lösten sich – Gott sei Dank! – in Luft auf. Es gab durchgehend warmes Wasser! Allerdings je später der Abend, um so weniger warm war das Wasser. Aber damit kann man leben.
Das Essen war gut und frisch, aber sehr sonderbar portioniert: Morgens gab es neben Käse, Tomaten und Gurken auch warmes Essen, und zwar viel mehr, als der Durchschnittsdeutsche morgens essen kann oder möchte. Zum Beispiel gab es einmal Hähnchen mit Nudeln zum Frühstück. Darauf haben sich dann gleich die Koreaner gestürzt und alle Teller leer gemacht, während wir es völlig überfordert stehen ließen. Mittags (oder eben frühnachmittags mit Verspätung wegen Stau oder sonstiger Widrigkeiten) wurden auf dem Acker gute Lunchpakete mit Käsebaguettes, Würstchen, frischen Tomaten und Gurken, Bananen, Eistee und Wasser serviert. Abends gab es leider nur kläglich übersichtliche Portionen zwar frisch gekochter Kartoffeln, aber mit nur wenig Fleisch und gänzlich ohne Soße. Gut, aber nicht genug für einen Freiflieger. Fazit: Teilweise sehr merkwürdige, aber durchaus noch gut zu nennende Versorgung.
Viel schlimmer: Noch am Ankunftsabend war das Bier an der Hotelbar ausverkauft! Panik entstand. Wir versuchten zumindest schnell noch Wein zu ergattern.
„Nein!“, sagte aber die Bardame in fließendem Ukrainisch. „Den wollt Ihr nicht. Der ist zu teuer. Kostet das Sechsfache des Geschäftspreises!“, und holte ihn gar nicht erst aus dem Regal. Alkoholbedingte Engpässe wurden daraufhin im nahen Supermarkt Billa entschärft, dessen große gelbe Plastiktüten auch benutzt werden könnten, um sie den hoteleigenen Damen des horizontale Gewerbes über’n Kopf zu stülpen. Das riet ein hier nicht namentlich genanntes deutschen Teammitglied. Die Damen lungerten nämlich täglich am und im Hotel herum und konnten zwar durch ansehnliche Körper bestechen, hatten aber schüppenhässliche Gesichter.
Solche Berufszweige auf einer Jugend-WM zu finden war sicherlich sonderbar.

Nach 24 Stunden Ukraine rissen die Amis ihre Avis-Aufkleber vom Auto: Die Verlockung abzukassieren, war für die Ukrainische Autobahnpolizei einfach zu groß. Immer wieder wurden die Amerikaner als solche erkannt, wurden angehalten und mussten harte Dollars zahlen. Auch wir wurden per Handzeichen zweimal aus dem Verkehr gezogen und lächelnd zur Kasse gebeten. Reisen kann auf Dauer so ganz schön teuer werden.

Die Eröffnungsfeier war mit feurigen Tänzerinnen, einer Übersetzungsmamuschka von Ukrainisch auf Englisch, Brot und Salz für jeden Anwesenden, einem Heißluftballon, einem Ultraleichtflieger, der in 400 m Höhe einen Fallschirmspringer über Bord warf, dessen Schirm sich auch in 100 m Höhe noch nicht öffnete, so dass ich unserem Daniel, ob des zu erwartenden Aufschlages vor unseren Füßen,schon die Augen zuhalten wollte, einem Feuerwerk und viel freudiger Erwartung wirklich gelungen.

Wibke Seifert
 

Der F1A-Tag

Am Dienstag, dem 30.07.2008, fanden die Wettbewerbe in der Klasse F1A der Juniorenweltmeisterschaft in Kiew statt. Der Tag begann mit einem ukrainischen Frühstück um 7.30 Uhr. Danach fuhr das ganze Team zum Wettbewerbsgelände, um vor Beginn noch einige Starts zu proben.
Beim Aufbau und den Trainingsflügen gingen alle sehr ruhig und gelassen vor. Dann meldeten wir uns an und legten fest, in welcher Reihenfolge wir fliegen wollten. Ich (Martin Lietz) sollte zuerst starten, dann Willi Herwig und zum Schluss Johannes Seren.

1. Durchgang!
Nach Beginn der ersten Runde startete ich ohne lange zu zögern und schleppte sehr schnell aus dem vorderen Flugbereich heraus. Die Thermik war jedoch nur mäßig, so dass ich sehr lange laufen musste. Als sich dann eine gute Thermikblase aufbaute, passierte etwas Unvorhergesehenes. Beim Anziehen der Leine ging der Haken unbeabsichtigt und unbemerkt auf. Durch den Drücker fiel das Modell einige Meter und trotz der vielen Helfer, die versuchten durch Wedeln die Thermik zu unterstützen, gelangen mir beim ersten Start nur 31 s. Danach war viel Motivation nötig, um das Team und mich wieder aufzubauen. Doch die sehr guten Flüge von Johannes und Willi sorgten gleich wieder für gute Laune.

Der 2. Durchgang sollte besser laufen, das hatten sich alle vorgenommen. Aber auch dieses Mal ging der Haken an meinem Modell zu früh auf, diesmal gleich beim Hochziehen. Der Startzeitpunkt war jedoch gut gewählt und so gab es doch noch eine Vollzeit. Auch bei Willi ergaben sich im zweiten Durchgang Probleme. Nachdem auch er sehr lange schleppen musste, gab er sein Modell etwas zu früh frei und trotz des großen Einsatzes der Bodenmannschaft gelang es uns nicht, das Modell oben zu halten. So standen bei Willi am Ende des 2. Durchgangs leider nur 78 s in der Liste. Doch zum Glück gelang Johannes ein erfolgreicher zweiter Start.

Der 3. Durchgang war der erste fehlerfreie, denn alle drei Teilnehmer flogen ihre Zeit voll aus. Zuvor hatten wir beschlossen, dass ich nicht mehr kreisschleppen sollte, da es mit dem Haken sehr riskant war. Diese Änderung machte sich auch im 4. Durchgang bezahlt, denn wieder gab es drei Vollzeiten zu bejubeln. In den zwei Stunden Mittagspause versuchten wir, wieder zu Kräften zu kommen und zugleich nicht müde zu werden, denn die Sonne machte uns allen zu schaffen.

Der 5. Durchgang begann etwas enttäuschend. Ich schaffte zwar einen tollen Start, doch der Zeitpunkt war nicht gut gewählt und so wurden es nur 93 s. Willi und Johannes konnten jedoch wieder die maximale Zeit ausfliegen.

In den nächsten zwei Durchgängen hofften alle, dass Johannes weiterhin keinen Fehler macht, denn er war es, der bis jetzt immer Vollzeiten hatte. Um 18 Uhr, nach Ende des siebten Durchgangs, konnten alle aufatmen. Johannes war im Stechen, nachdem alle drei Starter ihre Zeiten voll geflogen hatten.
Nach einer Stunde Pause ging Johannes zusammen mit 15 weiteren Teilnehmern an die Startstelle. Die Thermik kam jetzt in größeren Abständen und nur noch sehr schwach. Johannes entschloss sich, nicht zusammen mit den anderen Startern zu schleppen, sondern versuchte sein Glück etwas abseits. Er klinkte deshalb auch nicht zeitgleich aus, sondern suchte weiter nach günstiger Thermik. Leider reichte die von ihm gewählte Blase nicht aus, um die geforderten vier Minuten zu fliegen.

Johannes belegte einen sehr guten 12. Platz. Willi und ich erreichten nach den etwas unglücklichen ersten Durchgängen den 29. und 39. Rang. Zusammen schafften wir es auf den Platz 11 der Gesamtliste. Insgesamt hat das Team sehr gut miteinander gearbeitet und sich gegenseitig unterstützt. Vor allem zählt die große Erfahrung, die wir alle gesammelt haben und das Miteinander der anderen Teilnehmer und Mannschaften. Für mich war es ein tolles Erlebnis dort teilnehmen zu dürfen, denn diese Weltmeisterschaft war ein riesiges Ereignis, welches ich nicht so schnell vergessen werde.

Martin Lietz
 

Dann die Fliegerei in F1B

Das Gelände war absolut freiflugtauglich. Der Startbereich war auf etwa 400 m x 800 m gemäht, dahinter erstreckte sich kilometerweit eine relativ ebene Grasfläche mit hüfthohem Bewuchs aus Gras, Kamille und Schafgarbe, zum Verdruss der Rückholer aber auch mit Disteln, Dornen und sonstigem arglistigen Gestrüpp, so dass kurze Hosen unmöglich waren. Das Gelände wurde von einem etwa ein Meter breiten Wasserkanal durchzogen, der am Rand mit Betonleisten befestigt war und so leicht übersprungen werden konnte.

Weniger einfach war es, ein im Flugbereich liegendes Moorloch zu überwinden, das mit etwa 30 m mal 200 m quer zur Flugrichtung lag. Es war mit dichtem Schilfgras bewachsen, durch das nach kurzer Zeit in der Mitte ein guter Trampelpfad getreten worden war. Nur Querdenker meinten, ihren eigenen Pfad bahnen zu können und wurden dafür im Moor mit Einsinken bis zur Hüfte belohnt...ich hatte zum Glück noch eine Ersatzjeans dabei, aber leider kein zweites Paar Laufschuhe. Die durften dann nach dem Wettbewerb nicht mehr mit in den Koffer nach Hause...hinderlich waren auch die kniehohen Termitenhügel, deren Bewohner zwar harmlos, deren Bauten einen aber mit Blick gen Himmel böse stolpern lassen konnten.
Das riesige Grasgelände wurde von einer dünnen Baumreihe quasi in einem 180°-Bogen umrahmt, die aber in den fünf Trainings- und Wettbewerbstagen nur zweimal von unseren Fliegern erreicht wurde.
Einmal, am F1A-Tag, von Willi im vierten Durchgang, als Micha und mir als Rückholern der Flieger vor der Nase wegflog, da wir von einem Storchenpaar abgelenkt wurden, das seine Kreise in Willis Thermik verlassen hatte und zu uns herunter auf die Wiese gekommen war. Wie im Traum flogen die Störche in höchstens zehn Metern Höhe ein paar Mal um uns herum, um dann weiter zur Startstelle zu fliegen, wo sie auch andere Starter und Betreuer verwirrt haben. Ein unglaubliches Spektakel. Und der Flieger, den wir für wenige Sekunden vergessen hatten, war zwischenzeitlich hinter besagter Baumreihe verschwunden. Pauls GPS half zwar, aber der Luftlinie 2,2 km lange Weg durch besagte Diestelwiese, den erst Micha allein, dann Willi, Philipp und ich als Helfer mit GPS zurücklegen mussten, kostete uns um 13 Uhr bei über 30°C unsere gesamte zweistündige Mittagspause (SEHR gute Idee, diese Mittagspause! Denn man konnte bis abends um halb neun fantastisch fliegen!).


Links Daniel beim F1B-Start, rechts Jugendhelfer Willi mit letzten Anweisungen

Der zweite Flieger, der in oder bei der Baumreihe landete, schaffte es in Philipps sechstem Durchgang. Der Flug war unglaublich hoch, der Flieger kam minutenlang kaum aus der Thermik heraus und landete dann, selbst mit Fernglas kaum noch zu sehen, an dieser Baumreihe. Johannes ging als Rückholer hinterher...und ward stundenlang nicht mehr gesehen. Aber dies ist nur ein Nebenkriegsschauplatz gewesen und kann von jemand anderem erzählt werden.
Zum F1B-Tag an sich: Bis zum vierten Durchgang und zur Pause hatte unser Team als einziges im Starterfeld noch alles voll. Doch das Wetter machte uns einen Strich durch unsere Rechnung, vielleicht mit dem Weltmeistertitel in der Mannschaft nach Hause zu gehen. War es am F1A-Tag gefälliger gewesen mit weniger Wind und größeren und sichereren Zeitfenstern zum Abwurf in die Thermik, so gab es am F1B-Tag vom ersten Durchgang an mehr Wind. Sehr hohe, dünne Cirruswolken zierten den Himmel als Zeichen für möglicherweise weiter zunehmenden Wind. Waren die ersten vier Durchgänge noch ruhig genug und konnten erfolgreich von Paul und Victor Gopp auf ihre zur Verfügung stehenden Thermikfenster analysiert werden (so dass mehrfach das gesamte Starterfeld hinter unseren drei Piloten her schmiss), zogen plötzlich nach besagter Mittagspause quasi aus dem Nichts riesige Kumuluswolken auf. Philipp, unser erste Starter in Runde 5, wartete auf Anweisung dreißig Minuten lang mit dem Aufziehen, da sich die Sonne hinter einer gewaltigen Wolke versteckt hatte und sich thermisch fast gar nichts tat. Das andere Starterfeld stand diese dreißig Minuten mit aufgezogenem Gummi dort, so dass Philipp hier klar im Vorteil schien. Nur die Amerikaner starteten in dieser scheinbaren Flaute einen einsamen Flug und flogen auch tatsächlich voll. Aber kein anderer ging hinterher. Das Warten zahlte sich leider nicht aus. Trotz anscheinend gut gewähltem Zeitpunkt, nach dem Verschwinden der Wolke und wiedereinsetzender Thermik, geriet Philipp in einen klassischen Absaufer und auch das Wedeln bis zum Abwinken konnte den Max nicht erzwingen. Der Traum vom Titel war ausgeträumt.
„Kopf hoch! Weiter machen! Vielleicht haben wir auch mit einem daneben noch eine Chance!“ Doch auch Christian musste anschließend wieder sehr lange auf Thermik warten und wurde gleichfalls nur mit einem  Absaufer „belohnt“.
Das Team war erschüttert!

Aber es kam noch schlimmer. Daniel lief am Ende dieses 5. Durchgangs die Zeit davon, denn plötzlich kamen innerhalb weniger Minuten starke Windböen auf, die ihm im Arbeitsbereich fast den Flieger aus der Hand rissen. Victor an der Thermikmaschine erkannte: Wenn wir noch die letzten zehn Minuten des Durchganges auf ruhigere Momente warten würden, würden wir riskieren, dass der kleine Daniel den großen Flieger gar nicht mehr in die Luft bekommt. Die Zelte flatterten schon, Sonnensegel wurden panisch demontiert, Plastiktüten flogen wie Zeppeline durch die Luft. Und es steigerte sich von Minute zu Minute. Dani MUSSTE gehen. Besser wenige Flugminuten als gar keine mehr, selbst wenn das Modell direkt nach dem Abwurf stecken würde. Und so konnte Daniel nicht auf Thermik warten, startete sofort und verpasste es ebenfalls, den verflixten fünften Durchgang voll zu fliegen. Innerhalb von einer Stunde war der WM-Traum zerplatzt und das Team total am Boden zerstört. Erst mit Engelszungen, dann mit sprichwörtlichem Hinterntritt haben wir gemeinsam die Jungs wieder aufgepäppelt: „Wollt ihr siegen oder verlieren? Wenn ihr siegen wollt, müsst ihr weiterfliegen! Jetzt!! Kopf hoch!. . .“
Tränen wurden weggewischt, der zerknirschte Blick vorsichtig wieder nach vorn gerichtet, die Enttäuschung runtergeschluckt. Lediglich 11 von 28 Startern konnten im fünften Durchgang einen Max fliegen und nur noch vier hatten alles voll.
Mit höchster Konzentration konnten, bis auf Christians letzten Flug in Runde 7, alle weiteren Flüge vom F1B-Team gemaxt werden und unsere drei Helden wurden doch noch verdiente Vizeweltmeister!

Philipps persönliche Eindrücke von technischen Details:

  • Selbstgebaute und gekaufte Modelle hielten sich etwa die Waage.
  • Philipp war der einzige Starter in F1B mit Elektroniktimer. Alle anderen Modelle hatten herkömmliche mechanische Timer.
  • Es schien, dass als Gummi hauptsächlich Supersport geflogen wurde.
  • Das polnische Team benutzte eine umfunktionierte Bohrmaschine als elektrische Aufziehmaschine für den Gummi (die natürlich auf Akkus oder Batterien umgestellt war). Diese Maschinerie wurde von einer der weiblichen Teilnehmer benutzt und außerdem von dem durch Krücken behinderten Sohn des Teammanagers. Es war verwirrend und ungewohnt, das Aufziehen auf diese Art zu sehen, aber durchaus erfolgreich.
  • Das koreanische Team war wieder in allen drei Klassen mit dem bereits bekannten, feinsten technischen Equipment der Vorjahre ausgestattet. Darunter vier F1B Stefanchuk-Flieger. Zum Erfolg reichte das zwar immer noch nicht, aber sie hatten durch das selbstlose Anbieten ihrer Wedelkünste an andere Nationen schnell Freunde unter allen Teilnehmern gefunden.

Wibke Seifert
 

Stand: 19.10.2008