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Faszination Freiflug
Flugerfahrungen mit einem F1B(Wakefield)-Freiflugmodell

Dieter Brehm

Es ist Samstag am frühesten Morgen. Im Haus rührt sich noch nichts. Die Kinder schlummern friedlich und nach einem aufmunternden Kaffee nehme ich meinen Rucksack und durchwandere die morgenfrische Luft. Ich genieße den würzigen Duft der abgemähten Felder und staune über tief liegende Nebelschwaden auf den Wiesen. Im Halbdunkel montiere ich mein Modell und warte auf den Sonnenaufgang, damit ich starten kann.

Mein Modell: Eine Vivchar-Prima. Spannweite etwa 140 cm, Fluggewicht rund 230 g. Ein Gummi mit 30 g wird auf ungefähr 300 Umdrehungen aufgezogen, die, vom Propeller gebremst, in knapp 30 s ablaufen und das Modell auf Höhe bringen. Es ist, verglichen mit modernen Wettbewerbsmodellen, ein eher schlichtes Modell, an dem man nicht viel einstellen kann. Zwei Kurveneinstellungen (Kraft- und Gleitflug) sowie Motorsturzeinstellung sind möglich. Da ich noch Einsteiger bin, lerne ich bei jedem Flug hinzu. Gummi ist ein Energiespeicher mit Charakter...

Da die ersten Gleitflugversuche unspektakulär über die Bühne gingen, tastete ich mich an den Kraftflug heran. Erste, ganz harmlose Flüge waren die Folge. Ich steigerte die Anzahl der Windungen, erst 100, dann 150 und schließlich 200 Umdrehungen - alles führte zu schönen Flügen, alles noch wenig aufregend. Da die Prima eine Neigung zum "himmeln" zeigte, habe ich kurzerhand den Motorsturz leicht erhöht. Flüge mit 250 und 280 Umdrehungen mit einem schon öfter benutzten Antriebsstrang schienen diese Entscheidung für ein "mehr" an Sturz durchaus zu bestätigen. Dann packte mich der Ehrgeiz: Ein Flug mit 320 Umdrehungen und neuem Antriebsstrang! Beim Aufziehen war der wachsende Widerstand des Gummis deutlich zu spüren. Wie es sich für F1B gehört, warf ich die Prima mit gewagtem Wurf nahezu senkrecht in die Luft. Mit Schrecken beobachtete ich, was da nun geschah: Der anfangs annähernd senkrechte Steigflug wurde zusehends flacher - und ehe ich es fassen konnte, ging die Prima in einen mit Motorkraft beschleunigten Sinkflug über, den Mutter Erde energisch und bestimmt beendete. Die Schäden waren zum Glück gering - die Propellerachse war verbogen und konnte nach kurzem Werkstattaufenthalt wieder in Dienst gestellt werden. Jetzt wusste ich, dass der Weg zu einem top getrimmten Modell recht weit sein kann…

Die nächsten Flüge mit 320 Windungen habe ich mit der geringst möglichen Sturzeinstellung geflogen. Nun, es hat funktioniert, auch wenn der Übergang zwischen hoher Antriebsleistung und gemächlichem Steigflug, sagen wir mal, noch sehr holprig war...eine Unart übrigens, die ich meiner Prima erst sehr viel später abgewöhnen konnte. Erst als ich einerseits auf Anraten eines alten Hasen den Schwerpunkt weiter nach vorne legte und andererseits davon abging, die Prima steil zu werfen, wurde der Übergang besser.

Es war wieder an einem Samstagmorgen mit zähem Nebel auf den Wiesen. Die Prima stieg ordentlich und verschwand bei diesem Flug im Dunst. Da spürt ich erst, wie ruhig alles ist, früh morgens und wie langsam manchmal die Zeit verrinnt. Von den Gehöften schallte Hundegebell herüber. Die Dorfkirche schlägt die volle Stunde. Meine Blicke aber können die dichten Dunstschwaden nicht durchdringen.

Eine gefühlte kleine Ewigkeit später: Da! Endlich! Sie taucht wieder auf! Unbeeindruckt von meinen seelischen Qualen zieht die Prima am Himmel fröhlich ihre Kreise - wie gut, dass es kein RC-Modell ist.
 

Der Einstieg in die Wakefield-Welt

Sicher ist es möglich, nach älteren Entwürfen ein simples und vernünftiges Modell zu bauen. Für alle, die mehr als sehr gerne bauen, dürfte dies der richtige, allerdings wohl auch der steinigste Weg sein. Steinig deshalb, weil nach einem Riss des Antriebsstrangs ein Holzrumpf nur noch Kleinholz ist. Meine Empfehlung für geneigte Leser lautet daher, sich bei Manfred Hoffmann einen Bausatz oder ein Fertigmodell der Prima aus der Modellschmiede von Igor Vivchar zu holen. Ein anderes Modell, den Musius-2, bietet der litauische Hersteller w-hobby an. Der dritte mögliche Ansatz wäre, sich auf dem Terminkalender von RC-Network oder auf der Website der Thermiksense, Wettbewerbe in Wohnortnähe zu suchen und dort mit den Modellsportlern Kontakt aufzunehmen. Oftmals ergeben sich dabei für den Einsteiger neben netten Bekanntschaften auch günstige Einkaufsmöglichkeiten. So kann man bereits die zweite Hürde, nämlich das nicht ganz triviale Einfliegen und Trimmen des Modells mit fachkundiger Unterstützung erfolgreich bewältigen. Der Spaßfaktor 100 wird garantiert!

Auf obigem Bild ist zu erkennen, was man neben einem kompletten Modell sonst noch braucht: Eine Aufzugswinde, einen Stab zum Einsetzen des Gummis sowie einen Haltedraht, der benötigt wird, um die Winde aus- und den Propeller anzukoppeln.

Und wie kommt der Gummi rein?

Die Vorbereitung der Gummistränge erfolgt am besten in aller Ruhe zu Hause in der Werkstatt. Der Gummi hört übrigens auf den Namen FAI TAN SUPER SPORT und wird auf 30 g abgewogen. Dann legt man ihn in 13 gleichmäßige Schlaufen und knotet die Enden zusammen. Nun wird der Gummi mit einem geeigneten Schmiermittel behandelt und eingetütet. Viele verwenden zum Schmieren entweder ein Gemisch aus Schmierseife und Glycerin oder ein hochviskoses Silikonöl.

Zum Einsetzen des vorbereiteten Antriebsgummis habe ich mir einen einfachen Ladestab gebaut. Auf diesen wird der Gummi aufgespannt, wie es auf dem folgenden Bild zu sehen ist.
Am vorderen Ende des Ladestabes wird gleich der vordere Gummihalter eingesetzt, an dem später die Aufzugswinde bzw. der Propeller befestigt werden kann.

Am hinteren Ende des Ladestabes wird der Gummi durch eine Unterlage etwas vom Stab angehoben, um Platz für das Durchstecken des hinteren Haltestiftes zu bekommen. Das soll später an der rot markierten Stelle geschehen.

Der Ladestab wird nun von vorne in den Rumpf gesteckt und mit ein wenig Zielwasser kann der hintere Haltestift durch die Gummischlaufen gesteckt werden.

Ab jetzt braucht man einen Helfer, der das Modell festhält oder ein Gestell, in dem das Modell befestigt werden kann. Nun muss nämlich der Ladestab raus. Dazu wird ein Haltedraht durch den vorderen Gummihalter geschoben und der Gummistrang zur Seite gezogen. Schwupps, und der Stab ist draußen. Nun wird die Winde eingehängt.

Jetzt kommt das Aufziehen des Antriebes. Dazu wird der Gummi kräftig ausgezogen bis er richtig hart wird. Dies ist bei einer Auszugslänge von etwa 2-3 m der Fall. Da muss man sich schon richtig dranhängen.

Nun wird mit der Aufzugswinde, die üblicherweise ein Übersetzungsverhältnis von 1:4 oder 1:5 hat, aufgezogen. Für die ersten Flüge sind zwischen 50 und 100 Umdrehungen ausreichend. Für Leistungsflüge werden es rund 300-350 Umdrehungen sein.

Jetzt kann die Winde abgenommen und der Propellerkopf an Stelle der Winde eingehängt werden, wie die folgenden beiden Bilder zeigen.


 

Sind wir jetzt startklar?

An und für sich wären wir jetzt startklar….doch halt….auch ein einfaches Freiflugmodell wie die Prima besitzt Steuerfunktionen, mit denen wir uns noch beschäftigen müssen. Zuerst wird also der Timer aufgezogen und die Steuerhebelchen für die Thermikbremse und die Kurvensteuerung eingehängt. Auf dem folgenden Bild ist die mechanische Schaltuhr der Prima zu sehen.

Man erkennt ebenfalls, dass die Schnüre sowie die Einhängepositionen am Timer eine Farbmarkierung besitzen, um Fehler so gut es geht zu vermeiden. Vor dem Timer ist ein Hebel zu sehen - nennen wir ihn einfach mal Starthebel. Dieser Starthebel hat eine Doppelfunktion: Zum einen blockiert er den Propeller bis zum Abwurf und zum anderen startet er den Zeitschalter, der natürlich erst nach dem Start anlaufen soll.

Ein Exkurs zur Kurvensteuerung

Die Prima hat zwei Kurveneinstellungen: Eine Starteinstellung für die erste Zeit des Motorlaufes mit hohem Drehmoment. In dieser Phase steuert man mit einer Linkskurve dagegen. Trotz des Seitenruderausschlages wird das Modell allerdings nicht nach links kurven. Ziel dieses Gegenlenkens ist es, das Modell auf einer möglichst geraden Flugbahn zu halten. Nach ungefähr 5 s wird die zweite Kurveneinstellung über den Zeitschalter aktiviert. Zu diesem Zeitpunkt ist das größte Drehmoment des Antriebes weg. Um jetzt in eine stabile Steigflugkurve zu gelangen, braucht das Modell einen Seitenruderausschlag nach rechts. Mit dieser Kurveneinstellung fliegt das Modell während des gesamten restlichen Flugs, also auch im Gleitflug. Die Prima hat ein Pendelseitenleitwerk und auf jeder Seite je eine Einstellschraube. Eine Perlonschnur zwischen Timer und SLW zieht dieses nach links. Wird die Perlonschnur durch den Timer freigegeben, wird durch einen kleinen Gummizug die Gleitflugkurve nach rechts eingestellt.

Jetzt sind wir endlich soweit. Der Timer ist aufgezogen, die Steuerfäden sind eingehängt und der Gummi ist aufgezogen. Nun wird der Starthebel scharf gemacht und der Propeller am Propstop eingehängt.

Wir werfen das Modell etwa im Winkel von 20°-30° nach oben ab und lassen beim Start automatisch den Starthebel los. Der Propstop schwingt durch Federkraft zur Seite und gibt den Propeller frei.

Die Prima steigt nun, je nach Aufzugszahl, mehr oder minder forsch in den Himmel. Versuche, die Prima wie ein Leistungs-F1B-Modell nahezu senkrecht zu werfen, wurden mir nie mit schönen Steigflügen belohnt. Es hat sich gezeigt, dass die Prima am schönsten und zuverlässigsten fliegt, wenn man sie nicht mit einem allzu großen Drehmoment quält sondern eher versucht, längere Motorlaufzeiten zu erzielen. Startet man dann noch im richtigen Augenblick und erwischt eine Ablösung, ist man froh, wenn die Thermikbremse die am Himmel rasch kleiner werdende Prima wieder zur Erde zurück holt. Im Sackflug schwebt sie dann zur Landung ein. Das folgende Bild zeigt die Position des Höhenleitwerkes, wenn die Thermikbremse ausgelöst hat.


 

Warum Freiflug immer ein Abenteuer bleibt

Nicht immer läuft es im Freiflug ganz glatt. Selbst bei bester Vorbereitung erlebt man so seine Überraschungen. Plötzlich tun sich Geländehindernisse auf, die das Bergen des Modells erschweren. So bekommt man nasse Füße beim durchwaten eines selbst für den mutigsten Sprung doch zu breiten Baches. Gelegentlich steht man nach einer Baumlandung mit gerunzelter Stirn und mit dem längsten aufzutreibenden Stab bewaffnet vor dem einzigen Baum weit und breit und stochert sich das Modell heraus. Manchmal findet man sein Modell auch erst sehr viel später wieder. So widerfuhr es mir, als ich eines Morgens wieder einmal im Dunst auf der Wiese stand. Aus irgendeinem Grunde löste die Gleitflugkurve nicht aus. Stur flog die Prima geradeaus, vielleicht auch ein wenig nach links, davon. Kurze Zeit später war das Modell außer Sicht. Ich konnte nur raten, wohin es davonflog. Stundenlange Sucherei zu Fuß und mit dem Fahrrad brachten keinen Erfolg. Ich saß auf den Hochsitzen der Jäger und suchte mit dem Fernglas Wiesen, Felder und die umliegenden Bäume ab. Mein Modell war nicht zu finden. Eigentlich hatte ich schon aufgegeben. Da riet mir ein Kamerad, das Modell doch von einem Flugzeug aus zu suchen. Da ich die Möglichkeit hatte, von einem Sportflugplatz in meiner Nähe einmal mitzufliegen, habe ich mich auf die Suche aus der Luft gemacht. Keine 15 Flugminuten später war die Prima gesichtet und noch am selben Abend konnte ich das Modell unversehrt bergen. Wenn das kein Abenteuer war.


 

Weiterführendes

Zum Schluss möchte ich Interessierten noch verschiedene weiterführende Links bzw. Kontakte nennen:

Prima und andere Vivchar-Modelle  
Manfred Hoffmann Er hat noch zwei Prima-Bausätze, Kontaktdaten kann ich mitteilen, PN an dbrehm
Henk van Hoorn führt das gesamte Vivchar-Programm, email hvhberkum@alice.nl
   
Musius-2  
w-hobby ein litauischer Hersteller mit einem breiten Freiflugangebot und sehr unkomplizierter Bestellabwicklung, www.w-hobby.com
   
Gummi, Aufzugswinden, Schmiermittel, Zubehör  
Mike Woodhouse; GB www.freeflightsupplies.co.uk
FAI Modelsupply, USA www.faimodelsupply.com
   
weitere Anbieter von Spitzenmodellen  
Andriukov und Kulakovsky, USA http://home.pacbell.net/andriuko/
Stefanchuk, Ukraine www.stsukr.boom.ru/ , Verständigung ist auf deutsch und englisch möglich
   
Allgemeines  
Thermiksense                         Das deutsche Freiflugmagazin. Neben dem aktuellen Wett­-
bewerbs­geschehen werden auch sehr viele technische und theoretische Aspekte sehr fundiert abgehandelt und ist daher auch für Nichtfreiflieger interessant. Die Thermisense erscheint vier Mal im Jahr. www.thermiksense.de

 

Stand: 22.01.2010