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U.S. Coast-Guard von PROBOAT

Jürgen Lamertz

Mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitschrift

Viele Leser der SchiffsModell wissen es aus eigener Erfahrung: Selbst Fertigmodell-Neuheiten haben mitunter einen sehr langen (See-)Weg zurückzulegen, bis sie es endlich von der Nürnberger Spielwarenmesse bis ins Regal des Modellbauhändlers an der Ecke geschafft haben. Umso löblicher ist es dann, wenn der Redaktion schon unmittelbar nach der Messe die ersten Testexemplare zur Verfügung gestellt werden können.

Die Firma HORIZON HOBBY aus den USA vertreibt nun in ihrer Produktlinie PROBOAT dieses Fertigmodell einer Einheit der U.S. Coast Guard (USCG) in Deutschland zu einem Preis von € 449,–. Neben dem komplett fertig gebauten Modell inkl. zweier eingebauter Motoren der 550er-Klasse gehört auch eine ebenfalls schon eingebaute 27-MHz-2-Kanal-Fernsteuerung inkl. Elektronischem Drehzahlsteller zum Lieferumfang. Wie erwähnt sind alle Komponenten bereits betriebsfertig eingebaut, so dass vor den ersten Proberunden am Teich nur noch die (Mignon-)Batterien für den Sender und zwei 6-zellige Akkupacks für den Vortrieb des Modells benötigt werden, ebenso natürlich ein entsprechendes Ladegerät. Außerdem braucht das Modell noch ein Ballastgewicht, um die korrekte Wasserlage zu erreichen. Die englischsprachige Bauanleitung schlägt hierfür die Verwendung von Geldmünzen vor … dazu später mehr.

Das Vorbild

Zuerst möchte ich nämlich gerne noch ein Paar Sätze zum Vorbild verlieren. Anders als in Deutschland, liegt die Seenotrettung an den Küsten der USA in den Händen der USCG, ursprünglich eine Unterabteilung der U.S. Navy. Als in Folge des 11. Septembers 2001 das „Department of Homeland Security“ geschaffen wurde, unterstellte man auch die USCG diesem Ministerium. Im Krisenfall hat die U.S. Navy jedoch jederzeit uneingeschränkten Zugriff auf Personal und Material der USCG.


Mit diesem Detaillierungsgrad kommt das Modell fertig aus dem Karton

Die Offshore-Rettungsflotte der USCG besteht heute im Wesentlichen aus zwei Bootstypen, den so genannten 44’ und 47’ MLB (Motor Life Boat). Die 44’-Ausführung gibt es ja schon viele Jahre als Modell der dänischen Firma Billing Boats (im Vertrieb von robbe).

In enger Zusammenarbeit mit der USCG wurde das 47’ MLB bei der „Textron Marine Corporation“ in Wilmington, Massachusetts entwickelt. Der erste Prototyp wurde im Jahr 1990 in Dienst gestellt. Bei einer Länge von gut 14 Metern und einer Breite von etwa 4,30 Meter verdrängen die Boote rund 18 Tonnen. Bestückt mit zwei Detroit-Dieseln, mit je 435 hp (324 kW), wird eine Höchstfahrt von 25 Knoten erreicht, die Reichweite beträgt etwa 200 Seemeilen. Als Baumaterial kam 5456 Marine-Aluminium zur Verwendung. Die Crew besteht aus vier Personen. Selbstverständlich sind die MLBs extrem seetüchtig. Wer mal unter „Motor Life Boat 47-Foot (MLB)“ im Internet auf die Suche geht und sich die entsprechenden Bilder und Videos anschaut, dem stockt teilweise chon beim Zugucken der Atem. Die Durchkenterzeit beträgt gerade mal 10 Sekunden! Bis heute wurden etwa 117 Einheiten der 47’-Klasse für die U.S. und die Canadian Coast Guard gebaut. Geplant sind insgesamt 200 Boote, Amerika ist halt schon etwas größer!

Das Modell

Doch nun zum Modell. Der Nachbaumaßstab beträgt knapp 1:20 und somit würde das MLB z. B. gut zum „neuen“ SK BERNHARD GRUBEN von Graupner passen, ebenso natürlich zum 44’-MLB von Billing Boats oder zur GILLIS GULLBRANSSON von Graupner. Modell-Seenotrettung international! Als der ansprechend gestaltete Karton bei mir ankam, wunderte ich mich zunächst über dessen stattliche Länge, da das Modell ja „nur“ 781 mm lang sein sollte. Nach Öffnen der Schachtel wurde des Rätsels Lösung auch gleich sichtbar, denn Rumpf, Aufbau und Sender waren separat verpackt. Alles in ausreichend stabiler Styropor- und Pappummantelung. Nur die SteuerstandÜberdachung, auf der sich Radar und Mast befinden, hatte etwas gelitten, da zwischen Radar und Verpackung einfach zu wenig Luft ist. Ein schwerer Karton oben drauf gestapelt, drückt das Dach unweigerlich ein. Ich glaube, unsere Paketdienste werden es nie lernen, trotz der großflächigen Warnaufkleber! Sinnvoller Weise findet man zuoberst im Karton die schon schwarz lackierten Holzteile für den Bootsständer, der nur noch zusammengesteckt werden soll. Ich empfehle aber, diesen zumindest mit ein paar Tropfen Sekundenkleber zu sichern, damit der Ständer nicht in einem ungünstigen Augenblick auseinanderfällt. Ebenfalls gleich zur Hand ist die umfangreiche Betriebsanleitung, die aber ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist! Es soll ja doch noch Menschen geben, die kein oder nur wenig Englisch verstehen. Da es sich bei unserem Testmuster aber um ein brandneues Modell handelt, ist wohl davon auszugehen, dass der Anbieter hier in Zukunft auch eine deutschsprachige Anleitung mitliefern wird. Rumpf und Aufbau sind aus sehr stabilem GfK laminiert, was schon mal sehr Vertrauen erweckend ausschaut. Zugang zum Inneren erhält man über zwei großzügig bemessene Öffnungen. Zum einen ist der Aufbau komplett abnehmbar, um die Fahrakkus montieren zu können, zum anderen gelangt man über einen 130 x 105 mm großen Deckel an die „Steuertechnik“. Dieser Deckel ist übrigens sehr sauber in das Deck integriert. Gehalten werden beide Bauteile mit kräftigen Magnetschnäppern, der Aufbau verfügt vorne zusätzlich über einen Verriegelungsstift. An Aufbau- und Hecköffnung ist ein zwar niedriger, aber dafür breiter Süllrand angeformt, so dass evtl. überkommendes Wasser nicht unter Deck gelangen sollte. Zumindest bei unseren Testfahrten ist alles dicht geblieben. Alle Montageplatten unter Deck bestehen aus gelaserten Sperrholzteilen guter Qualität, die vom Hersteller zusammengesteckt und verleimt wurden. Einen weiteren Pluspunkt gibt es für die Motorträger. Aus 3,5 mm (!) starkem Alublech gefertigt und mit Langlöchern versehen, bieten sie nicht nur eine stabile Basis für die Motoren, sondern sind auch noch recht variabel, was die Motor-/Wellenjustierung anbelangt. Motoren und Antriebswellen werden mit starren Kupplungen (ebenfalls aus Aluminium), verbunden. Um den Wärmehaushalt der Antriebskomponenten zu regulieren, werden sowohl die Motoren als auch der Drehzahlsteller über zwei separate (!) Kreisläufe mit Kühlwasser versorgt. Als Staurohre dienen die hohlen Ruderwellen, die Auslassöffnungen befinden sich in den mittigen Bergewannen an der Steuer- und Backbordseite des Rumpfes.


Das Rumpfinnere ist gut zugänglich, vor den Motoren sind die Akkus untergebracht

Empfänger und Drehzahlsteller sind mit Kabelbindern befestigt, eine Montage mit doppelseitigem Klebeband sähe sicherlich etwas sauberer aus, aber das kann man ja selber leicht ändern. Die Doppelruderanlage wird durch ein handelsübliches Servo angesteuert, welches stabil mit dem Sperrholzdeck verschraubt ist. Zwischen den Motoren und den Fernsteuerkomponenten sitzen zwei kleine Schiebeschalter, von denen der eine die RC-Anlage und der andere die Navigationsbeleuchtung inkl. blauem Blinklicht schaltet. Wobei wir gleich mal zum Thema Beleuchtung kommen wollen. Positiv zu vermerken ist natürlich, dass eine solche „serienmäßig“ vorhanden ist. Clever ist auch die Stromverbindung vom Rumpf zum Aufbau gelöst: Hinten wird der Aufbau ja durch zwei starke, runde Magnetschnäpper auf dem Deck gehalten, und dabei bildet der eine Schnäpper den Plus-, der andere den Minuspol! Tolle Idee! Außerdem sind alle Beleuchtungskörper in Form von LEDs verbaut, was erstens Stand der Technik ist und zweitens natürlich einiges an Strom spart. Aber wo Licht ist ... Der Hersteller war wohl der Meinung, dass LEDs von Natur aus schon schön genug aussehen, so das man sich die dazugehörigen Laternen doch einfach sparen kann. Bei einem Scale-Modell geht so was ja aber nun gar nicht! Zudem sind alle Mastlaternen nur Dummys. Stattdessen thront oben auf dem Mast eine einzige LED, die wohl Bug-, Heck- und Ankerlicht ersetzen soll. Da bleibt dann doch noch ein bisschen Raum für Nacharbeit, will man ein halbwegs vorbildgerechtes Aussehen erreichen. Ebenfalls könnte die „fliegende Verkabelung“ der Beleuchtung im Rumpf eine ordnende Hand vertragen. Gut gelöst ist aber wieder die Mastbefestigung, denn der Mast ist nur gesteckt und somit zum Transport des Modells abnehmbar. Ferner hat er einen Außen- und einen Innenleiter, so dass beim Einstecken des Mastes gleichzeitig auch die Stromverbindung hergestellt wird. Als ich die Beleuchtung dann aber zum ersten Mal einschaltete, wusste ich nicht so recht, ob ich lachen oder weinen sollte … bekannt ist ja, dass man in Amerika eine Vorliebe für bunte, blinkende Lämpchen hat. Aber muss dann gleich das blaue Blinklicht im Wechseltakt mit dem Steuer- und Backbordlicht aus und an gehen ...? Ein entgegenkommender Schiffsführer hätte sicherlich seine, im wahrsten Sinne des Wortes, helle Freude daran! Gut, unterstellen wir dem Hersteller mal, dass es sich hier einfach um einen Verdrahtungsfehler handelte. Der ließ sich mit entsprechenden Elektrikkenntnissen auch leicht beheben, aber ob die angepeilte Käufergruppe für dieses Fertigmodell nun über derartiges Wissen verfügt, lassen wir mal dahingestellt sein.


Weiter achtern befinden sich Drehzahlsteller und Ruderservo, die Ruderanlage ist bestens zugänglich

Soweit die Technik, kommen wir nun zur Optik. Das komplette Boot ist mit Seidenglanzfarben sauber spritzlackiert. Nur an den Stellen, wo nach der Lackierung geklebt oder mit dem Pinsel nachgearbeitet wurde, fallen einige Unsauberkeiten ins Auge. Alle Fenster und die meisten Lukendeckel und Türen sind nur durch farbige Aufkleber angedeutet, was zwar auf größere Entfernung recht vorbildgetreu ausschaut, aber eben nur auf größere Entfernung! Leider sind einige dieser Aufkleber zudem recht windschief aufgebracht. Ein Highlight ist aber sicher wieder der sehr sauber aufgebrachte schwarze Antirutschbelag auf den beiden Decks und sogar auf den Treppenstufen. Dieser verleiht dem Boot auch ein  recht markantes Aussehen. Die Detaillierung ist für ein Fertigmodell sehr ordentlich, der Blickfang ist da sicherlich der offene Fahrstand, bei dem die wichtigsten Instrumente durch saubere Aufkleber nachgebildet wurden. Rettungsringe in vorbildgerechten Halterungen nebst Leinenbehälter sind ebenso zu finden wie Bootshaken und die Seiltrommeln mit den Schleppleinen. Die seitlichen Grätings, die die beiden Bergewannen abdecken, sind, wie beim Original, ebenfalls   aufklappbar. Alle Relings und Handläufe machen einen sehr stabilen Eindruck, wie eigentlich auch das ganze Boot. Das transportempfindlichste Teil, der Mast, ist wie schon erwähnt abnehmbar, so dass man also ruhig von einem recht robusten Modell reden kann. Diesen Eindruck unterstreichen auch die Scheuerleisten, die rundum aus dickem Vollgummiprofil bestehen.

FAHRTEST

Um die Akkus im Boot zu befestigen, werden zwei Streifen selbstklebendes Klettband mitgeliefert. Die Akku-Anschlüsse am Drehzahlsteller entsprechen der Tamiya-Norm und verbinden die Stromspender parallel. Zusätzlich soll nun noch, wie anfangs schon erwähnt, Ballastgewicht in den Rumpf gegeben werden. Und da finde ich den Tipp in der Betriebsanleitung recht witzig, entsprechend viele Pennies in Plastikfolie einzurollen und im Rumpf zu platzieren. Dank der Anleitung weiß ich nun auch, was eine fünf Unzen schwere Penny-Rolle wiegt, nämlich 141,75 g! In Ermangelung US-amerikanischer Währung habe ich mich dann aber doch für ganz profane Bleigewichte entschieden, die ich noch in meinem Fundus hatte. Zwischen Empfänger und Drehzahlsteller befindet sich eine Wanne, in der die Trimmgewichte platziert werden können. Dann noch den Sender mit 8 Mignon-Batterien bestücken und der Stapellauf auf dem Vereinsteich konnte erfolgen. Hebel auf den Tisch und das MLB nimmt ohne Verzögerung Fahrt auf. Die Ruderwirkung ist gut und der Wendekreis ausreichend. Bei AK entsteht ein sehr schönes Wellenbild, das dem der Originalboote recht nahe kommt. Da der Temperaturhaushalt der Motoren, dank Wasserkühlung, im grünen Bereich bleibt, wären sicherlich auch zwei 7-Zeller zur Stromversorgung denkbar, um auch für die „Geht’s nicht ein bisschen schneller?-Fraktion“ eine Option zu haben. Der Drehzahlsteller ist jedenfalls bis acht Zellen ausgelegt. Ein nettes Fahrvideo findet man übrigens auf der Homepage des Herstellers: http://www.proboatmodels.com. Dort stellt man dann auch mit Erstaunen fest, dass es für das Modell fast sämtliche Komponenten als Ersatzteile gibt. Wenn diese dann auch lieferbar sind, nenne ich das vorbildlich!

FAZIT

Wer ein außergewöhnliches und zudem noch recht robustes Schiff auf den heimischen Teich bringen möchte, wer Wert auf gute Detaillierung legt und bereit ist, noch ein wenig Zeit in Feinarbeit zu investieren, der erhält mit dem U.S. Coast Guard-Boot von HORIZON/PROBOAT sicherlich ein recht attraktives Modell, das (noch) nicht auf jedem Gewässer zu finden sein wird. Ob der geforderte Preis von € 449,– gerechtfertigt ist, muss natürlich jeder Kaufinteressent für sich selber entscheiden. Im Bereich der allgegenwärtigen Fertigmodelle ist dieser in der derzeitigen Mittelklasse angesiedelt.

Bezugsquelle: Fachhandel

Stand: 03.06.2010