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Vom Schreibtischracer zum Regattaschiff

Arjan van der Cingel

Mit freundlicher Genehmigung der Fachzeitschrift

Oder: Die R46 von Stockmaritim


Die R46 auf der Jungfernfahrt. Die bedruckten Segel sind für den Regattaeinsatz nicht wirklich geeignet

Schon im Mai des letzten Jahres wurde im RG65-Forum viel über das neue Boot von Stockmaritim – die R46 – geschrieben. Dabei hatte bis dato kaum einer das Boot gesehen und schon gar nicht gesegelt. Trotzdem wurden die Segeleigenschaften des Bootes im Forum total verrissen. Um mir ein vernünftiges Bild von diesem Boot machen zu können, wollte ich es gerne einmal segeln und habe mich deshalb mit der Fa. Stockmaritim in Verbindung gesetzt. Nach einigen Gesprächen mit Hans Genthe hat man mir dann ein Boot zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Die Absprache war, dass ich das Boot selber bauen und segeln sollte. Ich hatte aber auch freie Hand für Modifikationen und sollte damit Regattaerfahrungen sammeln. Einzige Bedingung war ein entsprechendes Feedback an Herrn Genthe. Ende Mai traf dann der Bausatz bei mir ein.

Das Boot

Die R46 ist einer TP52-Rennyacht vom Typ Roger 46 nachempfunden. Stockmaritim bietet das Modell sowohl als Bausatz als auch in einer Ready-to-Sail-Version an. Die Ready-to-Sail-Version macht optisch einen schönen Eindruck und eignet sich gut als Schreibtischmodell. Der Bausatz hat aber den großen Vorteil, dass man vom mitgelieferten Bauplan abweichen und seine eigenen Vorstellungen verwirklichen kann. Da ich mit dem Boot ja Regatten segeln wollte, war der Bausatz natürlich von Vorteil. Die ganzen Winschen, Coffee-Grinder und Steuerräder sind ja nur für die Optik da und stören im harten Regattaalltag nur.


Die R46 von Stockmaritime

Der Rumpf in Sicht-Carbon macht optisch einen sehr guten Eindruck. Wie das Original weist auch die R46 ein schlankes Vorschiff und ein eher breites Achterschiff auf. Das Deck hat ein vertieftes Cockpit und einen Kajütaufbau, beides ebenfalls dem Original nachempfunden.


Die R46 hat ein relativ breites Achterschiff, einen kleinen Kajütaufbau und ein großes offenes Cockpit. Der Zugang zum Inneren erfolgt über den Kajütaufbau.

Vieles ist bereits vorgefertigt. Das Servobrett war, ebenso wie Ruderkoker, Kieltasche und Mastführung passgenau bei der Herstellung in den Rumpf eingeklebt worden, so dass automatisch alles richtig platziert und gerade ist. Das Deck ist ebenfalls passgenau zugeschnitten, die Montagepunkte für die Fittings und Decksdurchführungen sind gekennzeichnet. Dies vereinfacht den Zusammenbau sehr und schließt etliche Fehlermöglichkeiten aus. Es ist übrigens sinnvoll, bereits vor dem Verkleben von Rumpf und Deck die Servos einzubauen, später kommt man nur schwer an die Befestigungspunkte heran.

Ruderkoker, Kieltasche und Servobrett sind werksseitig eingebaut Der Zugang ist schon arg eng, die Montage der Servos nach dem Verkleben von Rumpf und Deck ist schwierig

Laut Bauanleitung sollte das Deck mit dem Rumpf verklebt und danach erst die Fittings montiert werden. Es ist aber sinnvoller, das genau umgekehrt zu machen. So habe ich erst das Deck mit allen Beschlägen vorbereitet. Statt der mitgelieferten Teile habe ich für die Wantenpüttings, die Schotführungen und für die Fockbaumbefestigungen Teile des rMM-Beschlagsatzes verwendet. In der Plicht habe ich statt des schönen, mitgelieferten Großschotholepunktes eine eigene, in der Höhe einstellbare Großschotführung eingebaut. Erst dann habe ich mit Epoxidharz das Deck mit dem Rumpf verbunden und als alles ausgehärtet war, die Überstände entfernt.

Die Kielflosse brauchte dann noch etwas Nacharbeit, bevor sie in den Schlitz im Rumpf passte. Das Rigg, ein 5-mm-Mast mit Salings und Ausleger, ist wie im Original ausgeführt. Die Segel sind gemäß der Klassenregel der RG65 auf die maximal zugelassene Größe von 22,5 dm² zugeschnitten. Das dem Baukasten beiliegende Segeltuch ist für die Größe des Bootes aber etwas zu schwer. Die Materialauswahl ist wohl mit den Aufdrucken zu erklären, optisch sehen die Segel dadurch zwar schön aus, sind für einen Regattaeinsatz jedoch eher weniger geeignet. Wenn man auf die „Werbung“ verzichtet und die bei der RG üblichen Foliensegel benutzt, lassen sich die Segelleis­tungen deutlich verbessern. Das Rigg war von Stockmaritim schon vormontiert worden, so dass zur Fertigstellung nur noch die Ruderanlenkung und die Schoten fehlten.

Im Plan ist vorgesehen, das Ruder mittels Seilzug anzusteuern. Da diese Art der Ruderanlenkung meist nicht präzise genug funktioniert, habe ich das Ganze mit einer Schubstange realisiert. Die Schot wird gemäß Plan eingebaut, ich habe lediglich eine Möglichkeit vorgesehen, die exakte Schotlänge von der Plicht aus einstellen zu können. Auch der Schalter für die RC-Anlage wird nach Plan im Deckel eingebaut, der Empfänger verschwindet unter Deck im Bootskörper. Allerdings darf man dafür nicht zu dicke Finger haben, denn der Zugang zum Bootsinneren ist eng.
Laut den Klassenregeln muss das Boot an der Bugspitze auch einen Bumper (Stoßfänger) haben. Diesen habe ich mir einfach selber aus Sikaflex gegossen.
Insgesamt empfand ich den Aufbau der R46 leichter als den Zusammenbau einer MICRO-MAGIC in der racing-Version.

Die Jungfernfahrt

Dann sollte natürlich möglichst schnell die Jungfernfahrt erfolgen. Mein Sohn kam mit zum Hafen, um zu fotografieren, in dieser Hinsicht sind wir schon ein eingespieltes Team. Am Tag der ersten Probefahrt herrschten optimale Verhältnisse, gerade so viel, dass man eine RG65 noch mit Vollzeug segeln können sollte. In einem geschützten Bereich des Hafens wurde das Boot dann das erste Mal zu Wasser gelassen und zunächst geprüft, ob es auch dicht ist. Das trägt doch sehr zu Beruhigung bei den ersten Probeschlägen bei. Sobald das Modell dann aber aus der Uferabdeckung heraus war, war die Enttäuschung groß: Die R46 war mit den herrschenden Windverhältnissen bereits total überfordert und kaum zu beherrschen, „segeln“ konnte man das gar nicht nennen.


Die zu enge Anlehnung an das Vorbild führt dazu, dass das Boot schon auf der Kreuz sehr stark auf den Bug vertrimmt .

… und raumschots leicht unterschneidet

Pech für meinen Sohn, der sonst zum Abschluss immer noch selber ein paar Runden dreht, er sah es aber gelassen. Jedenfalls hatte das Boot viel zu wenig Stabilität, es krängte zu stark, dadurch wurde der Großbaum schon früh durch das Wasser gezogen und man konnte die Segel gar nicht weiter auffieren, um Druck herauszunehmen. Dabei war das Modell auch noch extrem luvgierig. Hoch am Wind wurde auch noch das Heck so stark heraus gehebelt, dass das Ruderblatt kaum noch bis ins Wasser reichte und somit keine Ruderwirkung mehr vorhanden war. So konnte man mit dem Boot natürlich nicht segeln und es ging zurück in die Werft.


 

Tuningstufe 1

Als Erstes wurden ein neues Ruder und eine neue Kielflosse gebaut. Dafür griff ich auf die bewährten Hubschrauber-Rotorblätter aus Aluminium zurück. Als Ballast wurde an der Kielflosse ein gedrehtes Kielgewicht von Manfred Prothmann befestigt. Als Ruder diente zunächst einmal ein Reststück eines Rotorblatts, das war die schnellste und einfachste Lösung.
Die erste Kielflosse erhielt mit ca. 18 cm noch die gleiche Länge wie der Originalkiel, nur das Ballastgewicht wurde um 100 Gramm auf 550 g vergrößert. Die zweite Flosse fertigte ich dann mit knapp 30 cm Länge vergrößert und montierte an dieser ein 450 g schweres Kielgewicht.

Damit ging es zurück an den Teich. Obwohl die Bedingungen unverändert waren, hat es nun schon viel mehr Spaß gemacht, mit dem Boot zu segeln. Das Modell blieb kontrollierbar, vertrimmte aber auf der Kreuz noch immer unabhängig vom eingesetzten Kiel zu stark nach vorne. Der Kiel wurde also erneut geändert: Das Bleigewicht habe ich so weit nach hinten versetzt, dass der Gewichtsschwerpunkt um 40 mm gegen­über der ursprünglichen Position nach hinten wanderte. Damit waren die Segeleigenschaften deutlich besser und die R46 zeigte ein besseres Fahrbild. Natürlich gab es immer noch ein paar Punkte, mit denen ich nicht zufrieden war. Aber vor weiteren Modifikationen sollte sich die R46 erst einmal im Vergleich mit meinen anderen RG65-Booten bewähren.


Vorbereitungen zur großen Vergleichsfahrt. Gegner sind eine JIF.65, eine JIF2 und eine GT65 (v. l. n. r).


Matchrace gegen die GT65 vor dem Wind.

… und gegen die JIF.65 an der Kreuz

So ging es zusammen mit meinem Sohn und vier RGs ans Wasser zum Matchracing. Zu Beginn segelte Eric die R46 und ich abwechselnd eine JIF.65, eine JIF2 und eine GT65. Danach machten wir das gleiche Spielchen umgekehrt. Es war danach nicht klar, welches Boot nun wirklich das schnellere ist. Groß konnten die Unterschiede zu eine klassischen RG65 also nicht mehr sein.



Tuningstufe 2

Trotzdem gefiel mir das starke Vertrimmen des Bootes immer noch nicht. Um weitere Modifikationen ausprobieren zu können, brauchte ich aber erst einmal einen weiteren Rumpf. Nach einem weiteren Gespräch mit Hans Genthe hielt ich tatsächlich nur wenige Tage später einen neuen Rumpf in der Hand. Knapp 10 Tage vor der iDM in Berlin konnte ich beginnen, weiter zu experimentieren.


Tuningstufe 2: Kiel und Rigg sind um 4 cm nach hinten versetzt

Der Zugang zum Bootsinneren wird dadurch allerdings noch weiter eingeschränkt

Ich wollte Kiel- und Mastposition insgesamt um 3–4 cm nach hinten verschieben. Das war aber nicht ganz einfach und erforderte größere Veränderungen am Deck. Der zuvor schon enge Zugang zum Bootsinneren wurde dadurch noch enger aber trotzdem sollten die Servos noch irgendwie erreichbar bleiben. Auch die Schotführung wurde noch einmal überdacht und ein neuer Kiel musste gebaut werden. Ferner brauchte ich Riggs, die zwar ähnlich waren wie das Originalrigg, aber ein paar eigene Ideen wollte ich auch da realisieren. Als endlich alles fertig war, ging es natürlich schnell zum Teich, aber diesmal ließ mich der Wind im Stich. Trotzdem war zu sehen, dass das neue, noch weiter modifizierte Boot besser segelte als die erste Tuningversion. Sowohl am Wind als auch vor dem Wind sah es besser aus. Als es dann doch noch etwas aufbriste zeigte sich, dass das Boot deutlich besser im Wasser lag und auch noch mehr Höhe als in der ersten Tuningvariante lief. Leider waren dann die Akkus leer und das Segeln an diesem Tag somit vorbei. Eine weitere Möglichkeit zum Testen gab es dann nicht mehr.


Vergleichstest Tuningstufe 1 (links) gegen Tuningstufe 2 bei sehr wenig Wind

Auf nach Berlin

So ging es dann mit einer GT65 und den beiden R46 im Gepäck nach Berlin. Welches Boot zum Einsatz kommen sollte, wollte ich erst vor Ort entscheiden. Bei der iDM blies es dann ganz ordentlich (siehe SM 10/09) und so wollte ich eigentlich meine bewährte GT65 einsetzen. Für diese hatte ich mehrere unterschiedliche Riggs dabei und ich wusste, dass sich das Boot auch bei Starkwind noch gut kontrollieren lässt.
Dann griff aber wohl eine höhere Macht ein: Beim Einstellen löste sich eine Servohalterung und drückte die Decksfolie meiner GT65 hoch. Mit Bordmitteln und in der Kürze der Zeit ließ sich dieser Schaden nicht mehr richtig reparieren, zu hoch wäre das Risiko gewesen, ein undichtes Schiff auf den aufgewühlten Wannsee zu schicken. Kurzerhand habe ich dann die erste R46 mit dem Originalrigg klargemacht.


Schweres Wetter in Berlin. Hier geht es noch mit der R46 mod1 und den Originalsegeln (Foto: © Joachim Pelka)

Der Start und die erste Kreuz liefen noch ganz gut, aber auf den Raumschots- und Vorwind-Kursen stand die R46 fast nur auf der Nase und fuhr eigentlich nur noch mit Halbwind hin und her. Ein kontrolliertes Segeln war nicht möglich. Kurzerhand baute ich dann das Rigg der GT65 auf die zweite R46. Es passte und damit musste auch das B-Rigg – ein A-Segelstell der MM – passen.


Die R46 mod2 unter kleiner Besegelung voll in der Glitsch (Foto: © Joachim Pelka)

Mit diesen beiden Riggs und dem langen, schweren Kiel lief es dann prima. Je nach Windsituation setzte ich mal das große und mal das kleine Rigg ein und konnte damit rasch in die A-Gruppe aufsteigen. Mein Selbstvertrauen wuchs und so konnte ich mit der R46 Mod2 sogar einen Tagessieg verbuchen. Die radikalen Veränderungen des Bootes haben das gebracht, was ich mir davon versprochen habe und ich konnte in der Endabrechnung einen 5. Platz ersegeln.
Am Wind konnte ich mit dem Boot unter allen Bedingungen mithalten, nur vor dem Wind steckte das Boot doch immer wieder mal die Nase weg, da es den Winddruck nicht schnell genug in Geschwindigkeit umsetzen kann. Wenn die Nase aber erst einmal im Wasser ist, ist wegen des flachen aber breiten Decks ein Kopfstand praktisch nicht mehr zu verhindern. Da half bisher auch die Gewichtsverlagerung nach hinten nicht genug. Etwas mehr Volumen und Freibord im Vorschiff wären hier sicher hilfreich.

Fazit

Wenn die Meisterschaft für mich auch ein Sprung ins kalte Wasser war – ich hatte ja kaum Gelegenheit zum Testen der Modifikationen – so hat das ganze Bauen und Ausprobieren doch eine Menge Spaß gemacht und mit dem Ergebnis kann ich auch zufrieden sein. Stockmaritim hat bereits zugesagt, jetzt im Winter die Form zu überarbeiten, auch wenn dabei das optische Erscheinungsbild der Roger46 erhalten bleiben soll. Ich soll dann wieder einen Rumpf der neuen Serie bekommen, so dass die Vergleiche in der nächsten Saison weitergehen werden.


Volle Segelleistungen bringt die R46 erst mit einem optimierten Segelsatz. Hier ist das Rigg gesetzt, welches sonst auf meiner GT65 zum Einsatz kommt (Foto: © Joachim Pelka)

Wie das Original bei leichtem Wind segelt, weiß ich aber immer noch nicht. Nach den ersten Erfahrungen, dem Umbau und der Meisterschaft hatte ich noch keine Gelegenheit, einmal bei leichteren Windstärken zu segeln.

Schiffsmodell 4/2010

 

Stand: 15.11.2010