RC-Network.de
RSS Forum RSS 2.0      Startseite Startseite
 
 
FORUM MAGAZIN WIKI BLOGS LOUNGES KALENDER HANGFLUG RCNVV WERBUNG BÖRSE VEREIN  

Speedflug

Norman Friedenberger

Ein Wochenende in Rothenburg O. L.

Viele schweben mit ihren Helis gemütlich, andere turnen gerne und zappeln, und dann gibt es wiederum einige, die dem km/h-Rausch verfallen sind. Falls man zur letzteren Gruppe gehört, gibt es kein vergleichbares Event im jungen, wilden Leben eines Heli Piloten, das es mit den FAI Weltrekord-Versuchen in Rothenburg aufnehmen kann. Inzwischen ist zwar einschlägig bekannt, dass man die THS (True Heli Speed) mit verschiedenen Mitteln mehr oder weniger exakt bestimmen kann (Daumengröße, Lasergun, GPS aus dem Baumarkt, Staudruckrohr) aber das alles sind Messmethoden, die frei jeder offiziellen Anerkennung sind.

Ein mittlerweile sehr verträumter, mehrere Hektar großer Militärflughafen, kaum mehr als 1500 m von der polnischen Grenze entfernt, auf dem sich früher Honecker und Breshnew im Rahmen eines Warschauer Pakt-Manövers abends beim Abschied (wahrscheinlich) geknutscht haben (könnten), ist DER Ort auf ostdeutschem Terrain, auf dem bitteres Tacheles geflogen wird. Man sagt, es gibt dort Wolfsrudel, polnische Mobilfunk-Netze überstrahlen alles, und die Kantine kocht am Wochenende sehr magenfreundliches Essen im positiven Mitropa-Stil. Überhaupt, alles bei den Weltrekordversuchen ist ein wenig anders als anderswo. In Summe ist es aber ein Ereignis, das seinesgleichen sucht und fest in „Flächen-Speed-Händen“ ist, denn es bietet die einzige offiziell anerkannte Möglichkeit, dem Wahnsinn mit zwei Flügeln und Leistungsüberschuss-Direktantrieb mit Messungen überhaupt Herr zu werden. Und so finden wir dann dort ALLES was Rang und Namen hat, fliegen kann und es einfach wissen will.

Okay, was hat das nun mit jungen, wilden Helipilotenzu tun? Eben diese durften dort zu Gast sein, um den volkstümlichen Ruf eines verschlagenen, lauten und undisziplinierten Sauhaufens zu rehabilitieren. Nein, so schlimm ist es nicht. Helipiloten sind super nett, duschen regelmäßig und sind viel feinfühliger, als es manch einer vermutet. Wobei das nicht nur daran liegt, dass bei einem Heli zwei Achsen mehr zu steuern sind. Aber ich schweife ab….

Der Teilnahme in Rothenburg eilte ein Powercroco-Treffen voraus (das unterm Kreuz stattfand) und bei dem es erstmals seit Menschengedenken die Gelegenheit gab, in einer kindgerechten 200 m-Messstrecke zu sehen, was die Kisten auf den Latten haben. Dies alles mit freundlichster Unterstützung von , und für Neugierige hier noch einmal nachzulesen: Erster Heli-Speedtest mit der RC-Network-Geschwindigkeitsmessanlage. Natürlich war das ein proaktiver Integrationsversuch, der nur gut enden konnte und darin gipfelte, dass eine minimalistische Pilotenauswahl den Weg nach Rothenburg antreten durfte, um bewaffnet mit frischen 45C-Backsteinen und 10 mm-Motorwellen in der echten 400 m-Adult-Strecke zu zeigen, was die Uhr geschlagen hat.

Und wie war es so? Toll! Die Flächen-Speeder mit den krassen Nicknames sind allesamt eine so entspannte Gang Durchgeknallter, dass man am liebsten mit ihnen direkt in eine Modellbau-Kommune ziehen würde. Aber das eigentlich krasse (für einen Heli-Besuchspiloten) ist allerdings, das dort vorhandene geballte Know-how und die Modellbau-Perfektion zu erleben. Es gibt nichts, was nicht selbst gefrickelt, getempert, gegossen und geschraubt wird. Es gibt einfach kein „gibt es nicht“. Der blanke Wahnsinn, das hat man so noch nicht erlebt! Und: Sie sind alle durch die Bank cool, hilfsbereit, „lean-back“, so dass der ganze Weltrekord-Rummel vordergründig den Eindruck eines herzlichen „Schwarzwälder Kirsch-Nachmittags“ hat, auf dem sich die traute Familie einmal im Jahr trifft. So wie zu Weihnachten. Beispiel: Steht man mit vorgeglühten 12 s an der Messstrecke und ein Verbrenner ist direkt vor einem, wird er höchstwahrscheinlich sagen: „Junge, flieg du mal zuerst. Mein Sprit muss nicht vorgewärmt sein“.

Der aktuelle Weltrekord für Helis liegt (oder lag) jedenfalls in einem Bereich, über den neumodische Speed-Helis grinsen. Aber es hört sich nur einfach an, ganz so einfach ist es nicht. Jeder, der seinen Heli mal 300 m und weiter von sich weggeflogen hat, weiß: „Das Ding muss auch wieder zurückkommen“. Dies verlangt zu allererst, Möhrchen essen und ein sicheres Händchen. Dann ist da dieser Korridor, durch den der Kasten durch muss. Höhe darf nicht zu hoch sein, Schwungholen aus dem Orbit ist obsolet – wissen wir alles. Was zählt, ist also nur pure Motorleistung, auch das wissen wir. Aber Experten vertrauen da seit langem (vor allem in der Speederszene) den Kupfer-Ladies von „Dr. Ampere Wahn“ cu Power-Okon – zu Recht!

Was soll ich sagen, damit war dann der Rekord so schnell in der Hosentasche wie gedacht, einzig der Seitenwind machte den 200 km/h auf der Horizontalen einen Strich durch die Rechnung.

Aber der nächste Weltrekord-Versuch kommt bestimmt, und welches Setup da werkeln wird, darüber darf jetzt gern ein ganzes Jahr lang spekuliert werden. Fakt ist, nächstes Jahr wird nichts im Setup so sein, wie es dieses Jahr war. Und wenn ich sage „nichts“ – dann meine ich wirklich n i c h t s.

Bilder: Volker Cseke, Eckart Müller, Konrad Kunik

 

Stand: 15.12.2010