Bird-of-Time

Ein Klassiker mit 3 m Spannweite von Mark's Models, USA

Knut Zink​

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Anno 1980 bin ich von München hinaus auf’s Land gezogen, in den Landkreis Ebersberg. Hier beginnt das Voralpenland mit Weidewirtschaft, ganz passablen Hängen für verschiedene Windrichtungen und fast immer mit Blick auf den Wendelstein.

Bisher war ich begeisterter Motorflieger, natürlich Zweitakter mit viel Krach. Hier auf dem Land sah ich hin und wieder Segler im Hangaufwind fliegen, ohne Krach(!) und es gab einige Interessengemeinschaften auf gepachteten Wiesen.

1982 sah ich dort einen ungewöhnliches Modell: 3 m Spannweite, Zweiachser mit Pendel-Höhenruder, Flügel mit Doppelknick und mit einer sehr schönen Flügelgeometrie, die mich stark an MINIMOA und Co. erinnerte. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass das Modell nach einem Plan oder Bausatz aus den USA gebaut war und den Namen „Bird-of-Time“ trug. Ich lieh mir den Plan aus, legte Transparentpapier darüber und zeichnete ihn mit schwarzem Filzstift nach. Das war gar nicht so leicht, weil der „Plan“ die dritte Kopie vom sechsten Abzug war, so schien es mir. Einige Teile waren herausgeschnitten und dann anderweitig zusammengeklebt worden, wie man es eben zum Bauen braucht.


Der Bau des ersten Birds

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Weil es damals sehr schwierig war, einen Baukasten aus USA zu bekommen, es gab nämlich noch kein Internet – oh Gott! - lieh ich mir den Plan aus. Der Planbesitzer war zwar bei Airbus beschäftigt und deshalb öfter mal in den Staaten, das half mir aber auch nicht wirklich. Deshalb entschloss ich mich kurzerhand, einfach alle Teile nach Plan selbst herzustellen. Ein Rippenblock war kein Problem, die Rippen der Flügelohren wurden durchgepaust, die Leitwerke waren Balsabrettchen und der Rumpf ein einfacher Kasten.

Die Befestigung der zwei je 1,50 m langen Flügel erfolgte, wie damals üblich, mit Gummis. Ungewöhnlich war aber, dass die Gummis nicht kreuzweise an Buchendübeln im Rumpf vor und hinter der Fläche montiert waren, sondern die Gummis in der Mitte der Fläche an Dübeln im Rumpf von vorne nach hinten gezogen wurden. Damit sollte wohl der Luftwiderstand reduziert werden. Blöd war nur, dass die Gummis immer in den Spalt zwischen den Flächen rutschten.

Der Rumpfbau wäre eigentlich einfach gewesen, wenn es Balsabrettchen mit 1,5 m Länge gegeben hätte. Gab es aber damals nicht. Also musste ich sie schäften und innen mit 1 mm Sperrholz verstärken.

Da das HR ein Pendelruder war, brauchte man einen Winkelhebel im Rumpf. Weil die SL-Dämpfungsfläche, in die der Hebel eingebaut war, aber ziemlich schmal war, gab es kaum Auflagefläche für die HR-Stähle und so wackelt das HR etwas. Offenbar macht das aber im Flug nichts aus.


USA vs. Germany - Ein Problem

Da die Maße im Plan in inch (1 inch = 2,54 cm) angegeben waren, musste ich die Maße zuerst in metrische Einheiten umrechnen und dann auch die Einschnitte z. B. für Kiefernleisten anpassen, da es Leisten nicht in jedem beliebigen Maß gibt.


Was war gut?

In amerikanischen Plänen stehen immer alle Maße, Materialangaben und Bautipps direkt an Ort und Stelle. Da steht dann z. B. 1“ Plywood (Sperrholz) oder an der Nasenleiste steht „sand“, was heißt, hier soll mit „Sandpapier“ (heute Schmirgelpapier) die Form hergestellt werden.
In deutschen Bauplänen waren damals eine Menge Zahlen mit Bezugslinien zu den jeweiligen Teilen üblich. Diese Zahlen waren dann in Listen wie „Rumpf“, „Flügel“, „Leitwerke“ usw. geordnet und dann gab es weitere Listen (Stücklisten), in denen das Teil Nr. XYZ genau bezeichnet und das Material nach Art und Größe sortiert war. Man musste also diese Listen auf dem Bautisch haben und immer wieder mal nachschlagen.
Sagen Sie jetzt nicht, das ist heute viel besser. Heute sieht die Bauanleitung so aus: Nehmen Sie die DVD und suchen Sie sich das Gewünschte selber. Ich habe jedenfalls keinen PC oder Laptop auf dem Bautisch stehen. Und wenn ich mir einen Bauschritt auf dem PC im ersten Stock ansehen muss und anschließend in den Keller gehe, habe ich das meiste schon wieder vergessen.


Flugerprobung

Irgendwann war der Bird flugfertig und ich habe mich getraut, ihn vom Hang zu werfen. Wie nicht anders zu erwarten, flog er wie ein Freiflugmodell, das man nur ab und zu in der Richtung beeinflussen muss. Damals, in den 1980ern, gab es das Prädikat: „Fliegt noch, wenn andere längst gelandet sind.“ Das traf voll auf den Bird-of-Time zu.


Der zweite Bird

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Ich hatte meinen ersten Bird verkauft, weil ich mal „richtig schnelle, vorbildgetreue Modelle“ haben wollte, weil man sowas eben in den 1980er Jahren haben musste.
10 Jahre später habe ich das bereut und mir von Lenger, der inzwischen die Vertriebsrechte hatte, einen neuen Bausatz bestellt.
Dieser Bird wurde mit gelber Transparentfolie gefinisht. Aber irgendwie war er mir immer noch zu behäbig und außerdem war damals. in meiner Erinnerung, viel zu viel Wind für den Bird. Bei der Hobby-Aufgabe Ende der 90er Jahre wurde auch dieser Bird verkauft.
Die Pause dauerte Gott sei Dank nur ein paar Jahre.


Der dritte Bird

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2011 erklärte mir mein 15jähriger Neffe, er wolle jetzt auch Modellflieger werden. Zum Bauen hatte er aber eher weniger Lust. Also baute ich den Bird zum dritten Mal. Diesmal wurde er mit lila Transparentfolie bespannt, was 15-Jährige so für Geschmacksverirrungen haben können.
Aber was soll ich sagen? Nach einigen Flügen war die Lust der Jugend am Fliegen verflogen und dieser Bird verstaubt jetzt in einem Kellerregal, leider außerhalb meines Zugriffs.


Der vierte Bird

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Im April 2012 stieß ich auf eine interessante Anzeige, in der ein Bird-of-Time mit einem Graupner Libelle-Rumpf angeboten wurde. Ich fuhr hin und kaufte ihn.
Man hatte die Flächen mit Querrudern und Graupner Störklappen ausgestattet. Beides war eigentlich überflüssig, denn die Querruder hatten weit weniger Wirkung wie das große Seitenruder und Störklappen braucht man bei so einem langsamen Modell, das man im Schritt-Tempo landen kann, nicht. Die Flächen waren mit einem Rundstahl an den Rumpf gesteckt und wurden mit Sicherungsclips in Schlüssellöchern am Rumpf gehalten. Querruder und Klappen wurden zentral von Servos im Rumpf angesteuert.
SR und Pendel-HR wurden wie beim Original betätigt.

Die sehr guten Flugeigenschaften hat dieser Bird durch den eigenwilligen Rumpf nicht verloren. Was gut ist, bleibt auch gut.

Diesen Bird-of-Time habe ich Gott sei Dank nicht verkauft, er liegt immer noch im Regal.


Warum?

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum der Bird über vier Jahrzehnte immer gleich beliebt geblieben ist. Man spricht ja sogar schon von „Kult-Flieger“. Dieses Attribut hat sonst nur die MINIMOA oder das GRUNAU BABY.
In USA war er m. E. deshalb so beliebt, weil die Amis keine Problem damit hatten, ein Zweckmodell mit dem Aussehen eines deutschen Flugzeugs aus der Wasserkuppenzeit zu machen. Knickflügel, nur anders herum, ausgestellte Querruder, spitz zulaufende Flügel. In USA fliegen auch Modelle des Grunau Baby mit Hakenkreuzen drauf, von den vielen Me 109 oder Fw 190 gar nicht zu reden.
In Deutschland wurde das Modell inzwischen vielfach modifiziert: GfK-Rumpf, kleinere Spannweiten, mit und ohne Knickflügel und BL-Antrieb. Wahrscheinlich liegt die Beliebtheit auch daran, dass das Modell nicht nur immer fliegt, sondern dabei auch noch gut aussieht. Eine ähnliche Karriere würde ich dem LEPRECHAUN vorhersagen. Der erscheint auch in allen möglichen Foren in unterschiedlicher Ausführung und Größe, dank YouTube und Modellbau-Foren.
Für Modellflieger, die endlich von den Styro-Modellen wegkommen wollen und Erfahrungen im Holzbau sammeln wollen, kann ich den Bird-of-Time nur empfehlen.

Es gilt nach wie vor:
„Bleibt noch oben, wenn alle anderen schon gelandet sind.“
 

Kommentare

Ich hab ihn mal fürs Bild zusammengesteckt

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Ein supergeiler Bausatz. Und ne Version weiter wie der in dem Bauplan den man bei Topmodel runterladen kann. Einige sehr coole Änderungen und alles dabei, sogar Scharnierband. Ich bin echt beeindruckt! Das is ein BoT 2.0 😍
 

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