Oldie But Goldie - ein Segler aus alten Tagen
von Jürgen Rosenberger.
von Jürgen Rosenberger.
Ich möchte über die Erfüllung meines alten Jugendtraums berichten. Mir fiel der Bauplan eines Star IIIB in die Hände, eines Freiflugmodells aus den 50ern. In mir kamen sofort Erinnerungen hoch: Die großen Ferien hatten gerade begonnen. Drei präpubertäre Jungs radelten vom Düsseldorfer Vorort Reisholz in die 25 Kilometer entfernte Ohligser Heide.
Ja, liebe Leser, damals waren wir noch keine dicken Kinder, die von ihren Müttern zum nachmittäglichen Freizeitprogramm chauffiert wurden. Unser Ziel war der Jaberg. Dort angekommen, trafen wir auf eine größere Anzahl von Modellfliegern. Vor Ort gab es viel zu sehen. Zuhause gelingt es uns gerade mal mit Vaters Hilfe, einen DER-KLEINE-UHU zusammenzuzimmern, und hier bestaunen wir Modelle unglaublicher Größe mit bis zu 2,5 m Spannweite. Vom 20 bis 25 m über der Heide gelegenen Bergplateau abgeworfen, kreisen PASSAT, die ETB sowie zahlreiche HOBBYs, nicht zu vergessen DER-KLEINE-UHU. In den Wind geschoben - natürlich ungesteuert - gewinnen die Prachtstücke mal mehr, mal -weniger an Höhe, um zwei, drei, ja sogar fünf Minuten später irgendwo in der Ferne niederzugehen. Von einer Landung kann oft nicht die Rede sein: Bäume, Sträucher, steinige Bereiche, sogar ein benachbarter Flugplatz der Seglflieger sind keineswegs des Modellbauers Freunde. Die Verlustrate bis hin zum Totalschaden ist, um es in der heutigen Wortwahl zu sagen, krass! Ein Modell namens „STAR IIIB” genießt unsere besondere, ja schwärmerische Aufmerksamkeit. Sein Erbauer wirft das Modell nicht etwa vom Plateau ab, nein, kühn, wie er ist, schießt er das Teil mittels Gummiseil in die Höhe. Einem On-dit zufolge - Modellbauerlatein oder nicht – sei ihm neulich der Segler regelrecht entflogen, er habe ihn aber über die auf dem Rumpf aufgeklebte Adresse wiederbekommen.
In den Bauplan vertieft, von Erinnerungen übermannt, komme ich zu dem Entschluss : Das Teil wird gebaut. Einem saarländischen Sprichwort folgend kenne ich jemanden, der jemanden kennt, will sagen ein „Modellbaukollech" kann mir Rippen und Spanten nach dem Originalbauplan des Konstrukteurs Klaus Nietzer fräsen.
Ab in die Bastelstube
Wie oft saß ich in meiner Jugend über Wochen an einem Bausatz, sägte, klebte, baute falsch, verzagte, war zum Aufgeben geneigt, doch ich hörte nicht auf. Nicht selten war Vaters Machtwort vonnöten, um Angefangenes auch zu Ende zu führen. Heute staune ich im Bauverlauf, wie zügig alles vonstattengeht. Die Gründe sind zwei: Zum einen habe ich über Jahrzehnte hinweg Modelbauerfahrung gesammelt, zum anderen ist ein perfekt gefräster Spanten- und Rippensatz entscheidend. Im Klartext: Passgenaue Bauteile werden, dem PC sei Dank, ohne Vorarbeit auf dem Bauplan zusammengefügt. Beim Rumpfbau werden die Spanten auf dem Plan in Position gebracht und über eingeschobene Leisten verklebt. Etwas anspruchsvoller gestaltet sich die Stabilisierung des Gitterrumpfes mittels Querstegen, die die nötige Torsionssteifigkeit gewährleisten. Im nächsten Schritt fertigte ich die Tragflächenaufnahme in Form der Rumpfanschlussrippe. Zur Ermittlung des richtigen Anstellwinkels verwendet man eine Hilfsschablone. 1,3° erreicht man, wenn die Nasen- gegenüber der Endleiste um 5,7 mm angehoben wird. Der vordere Rumpfteil wird beplankt, die Bug mit Vollbalsa aufgefüllt und verschliffen. Anschließend folgt das Heck, indem die Höhenleitwerksaufnahme beplankt, sowie die Dämpfungsflosse und die Landekufe platziert werden.
Beim Tragflächenbau möchte ich auf einen Fehler hinweisen, der mir unterlaufen ist. In üblicher Weise habe ich zunächst alle Teile auf dem Plan zusammengesteckt und verklebt. Die Verkastung erfolgt mit 3 mm Balsa. Eine seit Langem übliche Stabilisierung mit Aufleimern und Beplankung sieht der Plan nicht vor. Auf das bei höheren Flugbelastungen auftretende Problem werde ich noch zu sprechen kommen.
Gegenüber dem Original werden Höhen und Seitenruder über Servos angesteuert. Letztere sind vorne im Rumpf mit Empfänger und Akku zu platzieren, Bowdenzüge bilden die Verbindung zu den Rudern.
Im letzten Schritt erfolgt die Bespannung mit Oratex. Früher bespannte man mit Papier, eventuell mit Japanseide. Moderne Bügelfolien schrumpfen unter Einwirkung von Hitze, wenn man beim Bügeln die 90°C-Marke überschreitet. Die ersten Gleitflugversuche des STAR IIIB lassen das Modell nach wenigen Metern durch eine Rollbewegung nach Rechts zu Boden gehen. Bei der Inaugenscheinnahme der Tragflächen zeigte sich, dass die Bügelfolie zu einer, wenn auch nur angedeuteten, Verwindung einer Flügelhälfte geführt hat. Dieses Problem lässt sich durch vorsichtiges Nachbügeln (>90°C) beheben - Baufreunde, also aufgepasst!
Flugerprobung
Weitere Startversuche aus der Hand zeigen einen geraden Gleitflug. Im Folgenden wird sich jedoch zeigen, dass das Problem der mangelhaften Flügelstabilität weiterhin besteht. Fliegerkollege Peter besitzt noch einen Telemaster mit Huckepackvorrichtung. Der STAR IIIB wird mit Gummis auf der Haltevorrichtung des Hochdeckers befestigt – und los geht die Chose. Der 15er Methanoler kämpft mächtig, zunächst scheint alles zu klappen. Anrollen, abheben, doch oh Graus, in etwa 50 m Höhe reißt ohne Vorankündigung die rechte Fläche des Seglers ab. Peter nimmt die keinesfalls überschüssige Fahrt heraus und entkoppelt meinen STAR IIIB in geringer Höhe. Das Schätzchen geht flach trudelnd zu Boden.
Ursache? Zu Hause angekommen, ergibt die Inspektion: Die Balsaverkastung verleiht dem Flügel zumindest für Huckepackflüge nicht die nötige Stabilität. Notgedrungen wird die untere Bespannung aufgeschnitten und eine durchgehende Verkastung mit 3 mm Pappelsperrholz angebracht. Nach Abschluss der Arbeiten lassen sich die Flächen nicht mehr verwinden, es besteht also erhöhte Stabilität.
Auf zum nächsten Flugabenteuer: Das Handy zeigt eine Windgeschwindigkeit von 18 km/h – also nicht gerade wenig. In Schillers „Der Taucher” heißt es „Rittersmann oder Knapp”, wobei die gefährliche Mutprobe eines Königs thematisiert wird, was meiner modellbauerischen Seelenlage recht nahe kommt. Meine vorsichtige Frage: Ist es nicht doch zu windig? – ignoriert Peter. Der STAR IIIB wird aufgesattelt, der Motor gestartet und der Schlepperpilot kennt kein Erbarmen – los geht's! Meine Warnung an P. H. – „Gib nicht zu viel Gas!“ – geht im Motorenlärm unter. Anrollen, nach 50 m abheben, langsam gewinnt der alte Telemaster an Höhe. Der 15er Mathanoler müht sich ab, das gelbe Outfit des Seglers strahlt in der Sonne und beide Flügel trotzen dem Fahrtwind. In 100 Metern angekommen, ruft Peter mir zu: „Zieh Höhe, ich werfe ab!“ Gesagt, getan: Die Gummihalterung öffnet sich, der Telemaster taucht leicht ab und der STAR IIIB ist frei. Der Segler bäumt sich kurz auf und geht dann in einen langsamen Gleitflug über. Der immerhin stramme Ostwind scheint ihn kaum zu stören. Am Firmament zieht ein Greifvogel langsam seine Bahn, mein Segler tut es ihm gleich. Die Maschine kreist mit leichtem Seitenruderausschlag ein, das Höhenruder wird kaum benötigt. Es fliegt kein nerviger 6S-Formel-Eins-Hotty, das Bild ähnelt eher einem Schweizer Postbus auf Alpentour. Anstalten, abzusteigen, machen sich kaum bemerkbar. Nachdem das Modell in die richtige Richtung gebracht wurde, verläuft Landung fast ohne Zutun des Piloten. Merke: Wir reden von einem ehemaligen Freiflugmodell. Einfach klasse, mit welcher Ruhe der STAR IIIB seinem Namen alle Ehre macht. Auf diesem Wege ein Gruß an Altmeister Nietzer, den Konstrukteur.
Fazit: Oldie but goldie. Ein Freiflugsegler aus den 50ern, neu aufgelegt und RC-optimiert, stellt erneut seine Qualitäten unter Beweis und beschert dem Piloten stressfreie Flugabenteuer. Der Kreis schließt sich, ein Jugendtraum ging in Erfüllung!
| Technische Daten: | Einheit | Maß - Bemerkung |
|---|---|---|
| Spannweite | mm | 2200 |
| Flächeninhalt | dm² | 53 |
| Fluggewicht | kg | 1,25 |
| RC-Funktion | ---- | Seite, Höhe |
| Servos | ---- | zwei Stück, je 10 g |
| Empfängerakku | ---- | vier NIHM-Zellen, 1500 mAh |
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