Red Bull X-Alps 2021-Von Wagrain (TP2) nach Lermoos (TP5)-

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Text: Claus Eckert
Fotos: Daniel Schulz, Team GER 1 - zooom Productions GmbH - Claus Eckert​

Fünf Uhr früh! Während der Großteil der Bevölkerung sich noch mal im Bett umdreht, starten die Athleten in den Tag.
Da sich die Thermik erst im Laufe des Vormittags ausbilden kann, geht es erst mal zu Fuß los. Vorzugsweise um einen möglichst hohen Startpunkt zu erreichen.


Manuel Nübel (GER1) hatte einen langen Aufstieg zu bewältigen. Gegen 8.30 Uhr konnte er Richtung Wagrain zum Turnpoint 2 abgleiten. Aber es gelang leider nicht, bis zum Turnpoint zu fliegen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als die letzten Kilometer wieder zu Fuß zurückzulegen.
Das zehrt sowohl an den Kräften, wie auch an der Motivation. Zumal ihm klar war, dass nach dem Turnpoint wieder ein langer Aufstieg auf ihn wartete.

Derweil erreichten Markus Anders (GER2), Benoît Outters (FRA2) und Chrigel Maurer (SUI1) an der Spitze liegend gegen 8.00 Uhr Zell am See. Dort werden die Red Bull X-Alps 2021 enden. Aber vorher liegen noch rund 1150 km Strecke vor ihnen. Der Aufstieg zur Schmittenhöhe zog sich dann noch einige Zeit hin.
Währenddessen passierte weiter nördlich etwas ganz anderes. Maxim Pinot (FRA1) war ja bereits am Vortag Richtung Norden unterwegs. Es stellte sich die Frage, was er geplant hatte. Folgte er nur einem schlechten Rat oder hatte er einen ganz anderer Kurs geplant? Tatsächlich war er bereits in der Luft, während der größte Teil des Feldes noch zu Fuß unterwegs war. Sollte er tatsächlich die richtige Taktik gewählt haben?


Manuel hatte gegen 9.45 Uhr den Turnpoint in Wagrain hinter sich gelassen und war auf dem Weg zum nächstgelegenen Startpunkt.
Gegen 10.30 Uhr versuchte er auf etwa 1300 m Höhe zu starten, um irgendwo Thermikanschluss zu finden. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, doch leider verloren. Das kostete ihn ganze 100 Höhenmeter. Zur Motivation trägt so etwas leider nicht bei.
Inzwischen hatte sich Paul Guschlbauer (AUT1) an die Spitze gesetzt. Dahinter folgten Benoît Outters (FRA2), Markus Anders (GER2) und Chrigel Maurer (SUI1).
Maxime Pinot (FRA1) auf dem nördlichen Kurs war nicht in der Luft.

Dann passierte die Überraschung. Um halb Zwölf kreiste Paul Guschlbauer (AUT1) über dem Turnpoint 3 am Hahnenkamm. Kurze Zeit später tauchte auch Markus Anders (GER2) dort auf. Benoît Outters (FRA2) hatte Pech und ist fast 300 m unterhalb des TP3 gelandet.

Sogleich ging es für Markus und Paul weiter Richtung Chiemsee. Da heute eine Nordströmung herrschte, war es wichtig, alles an Aufwind mitzunehmen was sich anbot, um möglichst viel Höhe zu tanken.

Im unteren Mittelfeld kämpften Yael Margelisch (SUI4), Manuel Nübel (GER1) und Michael Lacher (GER3) gemeinsam mit dem fehlenden Aufwind. Selbst beim kurzen Abgleiten war keine Thermik zu finden. Aber aufgeben gilt nicht! Also gingen alle drei noch mal raus und fanden tatsächlich eine leichte Thermikblase. Und was warme Luft so macht, sie steigt auf und mit ihr die junge Schweizerin und die beiden Deutschen.
Endlich Thermik, endlich fliegen. Man kann sich gut vorstellen, wie der Frust der letzten Stunden aus den Gurtzeugen fiel.

Zur gleichen Zeit trafen rund 70 km weiter im Westen die nächsten Teams am Hahnenkamm, dem Turnpoint 3 ein. Markus Anders (GER2) und Paul Guschlbauer (AUT1) kämpften sich weiter in Richtung Norden. Interessanterweise mit etwas westlicher Tendenz.
Wie ausgeprägt wird das Lee südlich des von West nach Ost verlaufenden Gebirgszuges des Wilden Kaisers sein? Der Wilde Kaiser steht bei Nordwind wie eine Mauer in der Windströmung. Dahinter kann sich gute Leethermik bilden und das Überfliegen des Kaisers ermöglichen.

Und tatsächlich wurde die Südseite des Wilden Kaisers optimal von der Sonne angestrahlt und es ging mit fast 3 m/s aufwärts. Bei etwas über 2300 m Höhe schwenkte Paul Guschlbauer (AUT1) in die Steinerne Rinne. Das ist eine weithin sichtbare Einkerbung im Gebirgszug. Aus dieser Höhe sieht man schon fast den Chiemsee mit dem nächsten Turnpoint.

Aber erst Mal ging es weiter über den Walchsee in die Chiemgauer Alpen.

Währenddessen war Manuel südlich des Hochkönigs auf 3200 m Höhe gestiegen. Das ist eine komfortable Ausgangshöhe, um viel Strecke in kurzer Zeit zu machen. Fliegerisch ist er ein Ass. Das kann er jetzt voll ausspielen. Mit etwas Glück schafft er heute noch den Turnpoint 3 am Hahnenkamm. Aber der ist am frühen Nachmittag noch fast 40 km entfernt. Der vor ihm platzierte Nicola Donini (ITA3) ist noch gut 25 km entfernt. Dazwischen liegt im wahrsten Sinne des Wortes viel Luft.

Im Grenzgebiet zwischen Tirol und Bayern verschwand dann ein Athlet nach dem anderen vom Bildschirm bzw. war im Live-Tracker eingefroren. Senden und empfangen ist dort oben schwierig.

Manuel war in der Zwischenzeit auf 3500 m gestiegen und befand sich nordöstlich des Zeller Sees. Er ist heute der Höhenflieger unter den Athleten.

Inzwischen waren die ersten am Turnpoint 4 in Marquartstein angekommen. Marquartstein ist übrigens der einzige Turnpoint in Deutschland. Umso stolzer waren viele Zuschauer, dass Markus Anders (GER2) der Erste war, der am TP4 unterschrieben hat.

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Einige Zeit später trafen Chrigel Maurer (SUI1) und Paul Guschlbauer (AUT1) ein.


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Der Turnpoint 4 wartete mit einer besonderen Herausforderung auf. Es ist dort nämlich erforderlich, bis an den Chiemsee zu fliegen, um in den Radius von 3 km zu kommen. Allerdings ist es unmöglich, von den umliegenden Bergen bis zum See und wieder zurück zu fliegen. Das geht einfach nicht. Unser See hat, was die Thermik betrifft, seine ganz eigenen Gesetze.
Kurz erklärt: Im Achental bildet sich im Tagesverlauf ein Talwindsystem. Vormittags haben wir Südwind, gegen Mittag dreht der Wind je nach Hauptwindrichtung auf NO oder NW. Je näher man Richtung See kommt und damit aus dem Achental heraus, dreht der Wind auf die Hauptwindrichtung, also Ost oder West. Damit wird alles was an Aufwinden entstehen könnte einfach weggeblasen. Zum Segen für die Segler auf dem See und zum Leidwesen für die Flieger auf der Suche nach Thermik.

Deshalb sind selbst die Besten nicht fliegend nach Marquartstein zurückgekommen, sondern laufend in ihren Turnschuhen.
Gleich danach ging es rauf in Richtung Hochplatte. Der Start erfolgte am Gipfel ,von dort wurde zur Kampenwand geflogen und dann weiter Richtung Wendelstein. Das Inntal musste gequert werden, danach südlich am Schliersee und Tegernsee vorbei und immer weiter Richtung Leermoos zum Turnpoint 5. Das war die Route, die Chrigel Maurer (SUI1) flog. Der hatte nämlich gegen 21.00 Uhr die Führung übernommen und konnte sich weit vom Feld absetzen.

Manuel kämpfte sich zur gleichen Zeit durch das Kössener Tal Richtung Bayern.

Der Tag hat gezeigt, was er fliegerisch zu leisten in der Lage ist. Zwar konnte er seine Platzierung nur leicht verbessern, aber er ist geflogen wie ein Adler. Bis ihn das Glück vor dem Wilden Kaiser verlassen hatte. Der lässt nicht jeden über seine schroffen Felsen fliegen. Manu musste zu Fuß außen herum laufen.
Abhaken und weiter kämpfen. Es liegen noch viele Tage und über 1000 km vor den Athleten. Da passiert ganz sicher noch mehr. Was heute Abend sicher erscheint, kann morgen Abend schon wieder ganz anders aussehen.

Beispielsweise Markus Anders (GER1), der in Marquartstein noch in Führung war, lag am Abend nur noch auf Platz 7.
Die Dinge sind eben im Fluss, wie man so schön sagt.



Alle Artikel:

Der Prolog

20. Juni Start in Salzburg bis nach Wagrain

21. Juni Von Wagrain nach Lermoos

22. Juni Vom Chiemsee nach Lermoos

23. Juni Von Lermoos zum Säntis

24. Juni Von Lermoos nach Fiesch

25. Juni Vom Säntis nach Fiesch

26. Juni Von Fiesch zum Mont Blanc

27. Juni Vom Mont Blanc zum Piz Palü

28. Juni Vom Piz Palü ins Ziel

29. Juni Der Kampf um Platz 2

01. Juli Der Kampf um die Platzierung

02. Juli „Comeback-Nübel“ landet auf dem sechsten Platz


Extra:
23. Juni Das I-Clip Gewinnspiel
 
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