Wirtschaftskrise leicht verständlich

Heidi besitzt eine kleine gemütliche Bar in der Münchner Innenstadt.

Um den Umsatz zu steigern, beschließt sie, die Getränke der Stammkundschaft (hauptsächlich Alkoholiker ohne Einkommen) auf den Deckel zu nehmen, ihnen also Kredit zu gewähren.

Das spricht sich in München schnell herum und immer mehr Kundschaft desselben Segments drängt sich in Heidis Bar.

Da die Kunden sich um die Bezahlung vorerst keine Sorgen machen müssen, verteuert Heidi die Preise für Wein und Bier, die meistkonsumierten Getränke, und erhöht damit massiv ihren Umsatz.

Der junge und dynamische Kundenberater der lokalen Bank bemerkt Heidis Erfolg und bietet ihr zur Liquiditätssicherung eine unbegrenzte Kreditlinie an. Um die Deckung macht er sich keinerlei Sorgen, er hat ja die Schulden der Trinker als Deckung.

Zur Refinanzierung transformieren top ausgebildete Investmentbanker die Bierdeckel in verbriefte Schuldverschreibungen mit den Bezeichnungen SUFFBOND, ALKBOND und KOTZBOND.

Diese Papiere laufen unter der modernen Bezeichnung SPA Super Prima Anleihen und werden bei einer usbekischen Online-Versicherung per E-Mail abgesichert.

Daraufhin werden sie von mehreren Rating-Agenturen (gegen lebenslanges Freibier in Heidis Bar) mit ausgezeichneten Bewertungen versehen.

Niemand versteht zwar, was die Abkürzungen dieser Produkte bedeuten oder was genau diese Papiere beinhalten, aber dank steigender Kurse und hoher Renditen werden diese Konstrukte ein Renner für institutionelle Investoren. Vorstände und Investmentspezialisten der Bank erhalten Boni im dreistelligen Millionenbereich.

Eines Tages und obwohl die Kurse immer noch steigen, stellt ein Risk-Manager, inzwischen selbstverständlich entlassen (Begründung: er wahr zu negativ), der Bank fest, dass man die Schulden der Alkis von Heidis Bar langsam einfordern sollte.

Überraschenderweise können diese ihre Schulden, von denen viele inzwischen ein Vielfaches ihres Jahreseinkommens betragen, nicht bezahlen. Solange man auch nachforscht, es kommen so gut wie keine Tilgungen ins Haus.

Heidi kann ihren Kreditverpflichtungen nicht nachkommen und macht Konkurs.

SUFFBOND und ALKBOND verlieren 95%,
KOTZBOND hält sich besser und stabilisiert sich nach einem Verlust von 80%.

Die Lieferanten hatten Heidis Bar längere Zahlungsfristen gewährt und zudem in die Papiere investiert: Der Weinlieferant geht Konkurs, der Bierlieferant wird von einem Konkurrenten übernommen.

Die Bank wird durch Steuergelder gerettet.

Die hierfür notwendigen Summen werden in einer Umlage vom arbeitenden Volk eingezogen.
Der Bankvorstand verzichtet großzügig auf den Bonus für das abgelaufene Geschäftsjahr.

So in etwa hat sich die Wirtschaftskrise entwickelt. Wir hoffen, dass jetzt jeder verstanden hat, warum wir uns in dieser wirtschaftlich schwierigen Lage befinden!
 

Ost

User
Der Bankvorstand verzichtet auf gar nichts;)
Wir haben auch keine Wirtschaftskrise,
wir haben nach wie vor eine Krise im Finanzsektor dem jegliche Regulierung fehlt.
Wir haben eine Schuldenkrise die aber im Grunde auch nichts anderes ist als eine Krise im Finanzsektor, wie Dein Beispiel ja auch anschaulich zeigt:D

Oliver
 
Ich bin ja jetzt schon über 40 und rege mich leicht auf. Deshalb will ich gar nicht alles wissen, was um mich herum passiert.
Aber wenn ich das richtig verstehe, dann sieht das im Moment vereinfacht gesagt so aus:

Eine Rating-Agentur, also ein privatwirtschaftliches Unternehmen, und zwar aus Amerika, droht damit, Deutschland eine schlechte Note zu geben, und dann müssen wir uns auf den Finanzmärkten in die Schäm-Ecke stellen. Geld bekommen wir dann auch keines mehr.

IST DAS SO?

Ah, Moment, ich wollte mich ja nicht aufregen.

Ein Land, dass beim Exportvolumen die Schallmauer von 1 Billion durchbrochen hat und seine Arbeitslosenquote seit durchaus erheblicher Zeit unter 3 Mio. gedrückt hält,

muss sich eine Abwertung von irgendwelchen schmierigen Manipulanten gefallen lassen?

- ähm - wollte sagen: von hochseriösen Fachleuten, die in der jüngeren Vergangenheit lediglich durch ein paar bizarre und peinliche Fehlanalysen aufgefallen sind.

Wie ist es möglich ...
ähm - wie ist es möglich, dass ein paar Irre in den USA eine Verlautbarung auspupsen, und schon muss die Bundeskanzlerin ans Mikrofon gezerrt werden und den vermeintlichen Weltuntergang dementieren?
 
Schmierige Manipulanten und Abzocker wird es im Bankensektor sicher geben - trotz aller Beteuerungen der Politik, nach der ersten Krise 2008 den sog. Raubtierkapitalismus an die Leine zu nehmen.
Warum wurde das eigentlich nicht gemacht? War doch jahrelang Zeit.

Ausserdem haben weder die Manipulanten noch die Abzocker die derzeitige Krise ausgelöst. Das waren ganz allein die Regierungen, die Geld ausgegeben haben, das sie nicht hatten, und die Rückzahlung der Schulden unseren Kindern und Enkeln zumuten.

Wenn es also nicht zum Crash kommen sollte, so ist es den Ratingagenturen zu verdanken. Diese scheinen im Moment die einzige Institution zu sein, die noch nicht vom kollektiven Wahn der "Rettungsschirme" und "Schuldenhebel" und immer neuen Schulden um die alten zu finanzieren befallen sind.

Grüße
Andi
 

egge

User
also wenn ich "uns" Geld gebe/leihe, bekomm ich bald mehr Zinsen von "uns". wa ?

solange die bank nicht wieder alles verzockt oder verschlampt:D
 

Hans Schelshorn

Moderator
Teammitglied
... aber in Form von Staatsanleihen. Da ist grundsätzlich nichts Schlechtes dabei.
Da muss ich doch glatt widersprechen, Martin.
Zwar stimme ich Dir zu, daß Staatsanleihen nicht prinzipiell schlecht sind. Wenn man aber schon mehr als 80% des BIP als Schuldenstand hat und in Zeiten von passablem Wirtschaftswachstum sich dennoch weiter verschuldet, dann handelt man nicht seinem Eid entsprechend, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden.

Und diese weitere Verschuldung ist unter anderem auch deshalb erfolgt, weil man Staaten unterstützt, die nicht mal in der Lage sind, die ihnen von ihrem Volk geschuldeten Steuern einzutreiben. Das Geld ist in Brüssel halt leichter zu holen und damit von den braven Steruzahlern und Staatsanleihenzeichnern.

Die Rating-Agenturen sind sicherlich keine Engel, aber sie machen die schlechten Nachrichten nicht, sie verkünden diese nur.

Servus
Hans
 
Bei den Staatsanleihen und dem Ranking gehts um Vertrauen, das der Finanzmarkt in ein Land hat oder eben nicht. Deutschland ist die unangefochtene Nummer 1 in Europa, aber die Idee, dass Deutschland für ein Europa bürgt, in dem neben Griechenland noch schwerst verschuldete Brocken wie Italien und Spanien am Abgrund stehen ist höflich ausgedrückt verrückt.

Bedenklich auch, dass es offenbar niemanden stört, dass in Italien und Griechenland jetzt mir nix dir nix neue Regierungen aus dem Hut gezaubert wurden. Ich meine, vermutlich war das die einzige Chance, schon klar. (Und würde man die Dilettanten in Österreichs Regierung durch Fachleute ersetzen, kann das nur ein Gewinn sein.)
Aber: diesmal wurde halt aus Budgetgründen nicht gewählt, sondern - von wem eigentlich? - einfach eine neue Regierung bestimmt.
Mit welcher Begründung könnten die nächsten Regierungen eingesetzt werden?

Ganz objektiv bleibt festzustellen, dass "die EU" sich weder um Verträge, Gesetze noch demokratische Spielregeln schert.
So hab ich mir das eigentlich nicht vorgestellt.

Grüße
Andi
 
Also ich finde die Drohung mit der Abwertung ganz gut. Dann sehen die anderen Länder, dass wir auch nicht ohne Ende belastbar sind. Und Schulden haben wir ja auch schon genug.
 

rubberduck

User gesperrt
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Diese Papiere laufen unter der modernen Bezeichnung SPA Super Prima Anleihen und werden bei einer usbekischen Online-Versicherung per E-Mail abgesichert.
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Dann kann doch nix passieren, jetzt haben die Usbeken den schwarzen Peter.
Die müssen dafür Aufkommen und uns den Wertverlust in Rohstoffen erstatten.


äntä
 
an Martin Stein:
Im Ausland (:)) wird jetzt auch schon mal ein Auge darauf geworfen, dass in D mit dem Umlageverfahren bei der Rente im Grunde genommen unbe(ob)achtet eine riesige - und zwar wirklich riesige! - Schuldenlast schlummert, die andere Länder mit Pensionsfonds etc. nicht haben. Rechne das mal in die Bilanz ein!
Konkret: meine hiesige bisherige Rente liegt schon irgendwo auf einem Konto - Deine nicht (ich tue mal so, als ob Du der deutschen Rentenversicherung unterworfen wärest, obwohl es für Selbständige evtl. auch andere Lösungen geben könnte).
Und etwas kompliziert ist auch die (von Altbundeskanzler Schmidt auch mal wieder herausgestellte) Tatsache, dass zig Mrd. Exportüberschuss vor allem auch bedeutet, dass diese zig Mrd. jetzt in D sind und in den anderen Ländern fehlen - völlig wertfrei bemerkt: ich halte D nicht für "böse". Nur wäre vermutlich der Eurostabilität ein wenig geholfen, wenn das Geld nicht europäisch zentripetal fliessen würde?
Ich denke trotz allem, dass D gestärkt aus der Krise hervor gehen wird. Aber was wird dann sein, falls rundherum alles abgestürzt ist und nur noch Deutschland "steht"? Irgendwie auch keine anheimelnde Vorstellung für viele.
Wirklich spannend wird es mit China werden... Kein staatliches funktionierendes Sozialsystem PLUS 1-Kind-Politik: stell Dir mal Europa ohne Soziales und mit einer Geburtenquote von 1,1 oder so vor...
Und wegen der Rankings ist doch kein Staat umgefallen. Die waren höchstens der Auslöser, und meiner Meinung nach haben sie diesmal (anders als bei den Ramschpapieren) vielleicht die Wahrheit gesagt. Deswegen regen sich ja alle Politiker so auf, weil sie als Lügner da stehen ("die Rente/Jobs/Euro etc. sind sicher..."). Wenn es nicht so wäre, würde ja ein Lächeln ausreichen.

Bertram

P.S. Für unsere beiden too-big-to-fail-"Staats"banken UBS und CS gelten 19% Eigenkapitalquote mit der Diskussion, sie für risikoreiches Kapital auf bis zu 26% anzuheben. Erzählt das mal Euren Banken...
 

udogigahertz

User gesperrt
an Martin Stein:
Im Ausland (:)) wird jetzt auch schon mal ein Auge darauf geworfen, dass in D mit dem Umlageverfahren bei der Rente im Grunde genommen unbe(ob)achtet eine riesige - und zwar wirklich riesige! - Schuldenlast schlummert, die andere Länder mit Pensionsfonds etc. nicht haben.
Bertram
Kannst du das bitte mal näher erläutern? Wieso soll da eine "riesige Schuldenlast" schlummern? Unser Rentensystem funktioniert doch nach dem Umlageverfahren:

- Die augenblicklich eingezahlten Beiträge werden umgehend als Rentenzahlungen an die Rentner wieder herausgegeben ...... und immer so weiter. Wo oder wie soll da eine "riesige Schuldenlast" entstehen? Es kann eben nur das als Rente ausgezahlt werden, was auch eingezahlt wird. Punkt.


Konkret: meine hiesige bisherige Rente liegt schon irgendwo auf einem Konto
Und was fängst Du damit an wenn es z. B. eine massive Geldentwertung gibt/gegeben haben sollte? (Sowas soll ja hin- und wieder schon mal vorkommen, jedenfalls ist sowas schon mal passiert; dann hast Du: Nichts! Herzlichen Glückwunsch dazu (und wollen wir alle hoffen, dass es nicht dazu kommt!).

Man sieht, jedes System hat so seine Tücken und Fallstricke, seine Vor- und Nachteile, ein universell "bestes" System gibt es nicht.


Rentenfonds können plötzlich nicht mehr so viel Wert sein, wie gedacht, sind eben nur Zahlen auf irgendwelchen Konten, mit denen gewisse "Manager" vortrefflich spekulieren ....... und das kann schon mal daneben gehen.



Grüße
Udo
 

Ost

User
Das verstehe ich auch nicht,
vielleicht meint er die Pensionsansprüche unserer Beamten?
Ja, da schlummern gewaltige Schulden.

Oliver
 
Im Prinzip habt Ihr schon recht:
Das Umlageverfahren ist besser geeignet für den Fall, dass eine bisherige Währung verdunstet - ob das schon eingeplant war? Bei demographischen Problemen halte ich persönlich das Umlageverfahren für weniger geeignet - es saugt die nachfolgende Generation blutleer.

Wie dem auch sei, es gibt Länder mit riesigen Pensionsfonds ("Guthaben") und es gibt Länder ohne. Bei den Ratingagenturen wird das berücksichtigt; wie und warum entzieht sich meiner Kenntnis.

Bertram

edit: beim Umlageverfahren hat natürlich niemand Schulden bei der Bank. Aber man verschuldet seine eigenen Kinder.
 
Was aber im Moment gerade schmerzhaft bewusst wird: Auch ein Pensionsfonds ist ein Stück weit Umlageverfahren. Wenn die nachfolgende Generation nicht die Kraft hat, den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten, kannst Du das angesparte Geld nicht fressen.

Es ist gefährlich, in Geld ein Aufbewahrungsmedium für materielle Werte zu sehen. Das pervertiert seine primäre Rolle als Zahlungsmittel, das fliessen muss.
 
und ich dachte immer, genau deswegen wandeln Pensionsfonds das eingezahlte Geld in Beteiligungen um und später zur Auszahlung wieder zurück? Ich hoffe nicht, dass alles auf einem Sparbuch liegt...

Bertram
 
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